Tobias machte den Anfang. Auf allen vieren zog er sich vorsichtig nach oben und bemühte sich, vom Stamm nicht abzurutschen. Er hatte Glück, dass am oberen Teil des immer schmaler werdenden Stammes rechts und links genügend kleine Äste abgingen, die er als Haltegriffe nutzen konnte.
„Ich bin oben“, meldete er an Philipp weiter, als er vom Stamm auf die Mauer gesprungen war.
Philipp hatte auch schon die Hälfte des Aufstiegs hinter sich gebracht.
„Wie viel Platz ist da oben?“, fragte er hinauf.
„Fünfzig Zentimeter, schätze ich“, gab Tobias zurück und streckte seine Hand aus, um seinen Freund das letzte Stückchen auf die Mauerkrone herüberzuziehen.
„Mann, staunte Philipp. „Ein verwilderter Park.“
„Park?“, stutzte Tobias und schaute Philipp überrascht an. „Glaubst du, das ist der verbotene Park, von dem die alte Hexe gefaselt hat?“
„Wäre auf jeden Fall spannend“, grinste Philipp. „Wir sollten mal ausprobieren, ob da unten tatsächlich der Tod lauert.“
„Und wenn er uns geschnappt hat, erscheinen wir der Alten als Gespenster, spucken ihr ins Gesicht und wimmern: „Alte, du hattest ja so recht!“
Tobias sagte das in einer solchen Grabesstimme, dass Philipp vor lauter Lachen fast von der Mauer fiel.
„So, und wie kommen wir da jetzt herunter?“, fragte Tobias, als sich Philipp beruhigt hatte.
„Ganz einfach: springen!“ Und er machte einen gewaltigen Satz von der Mauer in das Innere des Parks.
„Bist du verrückt?“, rief Tobias erschrocken herunter. „Da kommst du nie wieder heraus! Oder siehst du irgendwo eine Leiter?“
„Oh, Mist, daran habe ich gar nicht gedacht“, erwiderte Philipp und schaute sich nach einem Hilfsmittel um, mit dem er auf die Mauer zurückgelangen konnte. Dann schüttelte er den Kopf.
„Keine Leiter in Sicht. Aber wenn du auch herunterkommst, können wir eine Räuberleiter machen. Ich ziehe dich dann von oben auf die Mauerkrone.“
„Witzbold! Dann kann ich dich auch gleich selbst auf die Mauer ziehen!“, sagte Tobias und tippte sich an die Stirn.
„Aber dann können wir den Park vorher nicht mehr erkunden“, grinste Philipp.
„Also gut, probieren wir’s“, stimmte Tobias zu und sprang hinunter. „Wenn das mit deiner Räuberleiter nachher nicht klappt, sind wir hier gefangen“, gab er zu bedenken, als er sich aufgerappelt hatte.
„Dann werden wir gemeinsam elendiglich sterben“, meinte Philipp theatralisch, griff sich an sein Herz und ließ sich rücklings in das hohe Unkraut fallen.
Ganz so witzig fand Tobias diese Theatereinlage nicht. Er grinste zwar, aber die Vorstellung, in einer Stunde, wenn es dämmrig zu werden begann, hier immer noch festzusitzen, ließ ihm ein wenig mulmig werden.
„Okay, dann komm“, sagte er, und bemühte sich, selbstbewusst zu wirken. „Aber leise und vorsichtig.“
Sie schoben sich durch hohes Gras und Unkraut zwischen dicht stehenden Erlen, Birken und Weiden hindurch Meter um Meter vor. Hin und wieder versperrten ihnen Kiefern und Zypressen oder auch behauene Natursteine und polierte schwarze Platten den Weg.
„Ziemliche Wildnis hier“, stellte Philipp fest und schaute sich vorsichtig um.
„Die haben hier alte Grabsteine abgekippt“, wunderte sich Tobias. „Die meisten, die hier in der Gegend herumliegen, sind zerbrochen.“
Vor ihnen ragte dichtes Gestrüpp auf, durch das sie sich vorsichtig hindurcharbeiteten.
„Da vorn steht ein Pavillon“, meldete Tobias, der vorgegangen war. „Sieht aus wie ein Tempel.“
Sie schlichen von hinten an den Pavillon heran, der etwa sechs mal sechs Meter groß war und ein kleines, flaches Satteldach trug. Auf seiner Rückseite zeigte er keinerlei Fensteröffnungen, war also zum Anschleichen gut geeignet. Sie lugten vorsichtig um die Ecke. Ein kleines, vergittertes Fensterchen zeigte nach Osten und den Eingangsbereich zierten zwei Säulen.
„Das ist weder ein Pavillon noch ein Tempel, das ist eine Gruft“, flüsterte Philipp erschaudernd.
„Dann ist das ganze hier kein Park, sondern ein alter Friedhof“, stellte Tobias fest.
„Deshalb auch überall die umgekippten Grabsteine!“
„Die Alte hatte recht. Hier lauert der Tod.“ Philipp erschauderte noch einmal.
„Spinn nicht rum“, sagte Tobias rau, um sich selbst etwas zu beruhigen. Ihm war nicht ganz wohl in seiner Haut. „Hier lauert überhaupt nichts außer Unkraut und Mücken.“
Er schlug sich kräftig auf den Unterarm, um einen der kleinen Blutsauger zu erwischen, der ihn schon geraume Zeit umschwirrt hatte.
„Aussichtsturm?“, fragte Philipp und zeigte nach oben.
„Du willst im Ernst aufs Dach der Gruft klettern?“ Tobias schaute ungläubig nach oben.
„Klar, von oben haben wir bestimmt einen Überblick über das ganze Gelände. Es sind doch höchstens zwei Meter. Wir nehmen das Fenstergitter als Leiter.“
„Da müssen wir auch erst einmal drankommen“, gab Tobias zu bedenken.
„Räuberleiter“, schlug Philipp vor. „Ich ziehe dich dann nach.“ Tobias stellte sich mit dem Rücken an die Wand, das Fenstergitter über sich. Er verschränkte die Finger seiner Hände zu einem Steigbügel und ließ Philipp aufsteigen. Der zog sich erst an Tobias Hals, dann am Gitter hoch und trat schließlich mit dem anderen Fuß ins Fenstergitter.
„Jetzt du“, sagte Philipp und griff nach Tobias ausgestreckten Händen. „Häng dich erst einmal ans Gitter.“
Damit zog er, so kräftig er konnte, seinen Freund in die Höhe, bis der sich am Gitter mit beiden Händen festhalten konnte. Während Tobias versuchte, mit den Füßen an der Hauswand Halt zu finden und sich hochzudrücken, schwang sich Philipp auf das Satteldach und machte das Gitter frei. Tobias rechter Fuß hakte sich im Gitter ein, sodass er sich weiter nach oben ziehen konnte. Keuchend schwang er sich zu Philipp aufs Dach, wo sie sich flach auf die stark ramponierte Dachfläche legten und vorsichtig über die Steinblende spähten, mit der man die ganze Giebelfront eingefasst hatte, sodass jemand, der vor der Gruft stand, das Dach von vorn gar nicht sehen konnte.
„Tatsächlich ein Friedhof“, stellte Philipp fest. „Von hier oben sieht man noch die alten Wege durch das Unkraut schimmern. Ist mir unten gar nicht aufgefallen. Ist ja der reinste Urwald.“
Ein kühler Windhauch streifte die beiden verschwitzten Jungen, was sie als sehr angenehm empfanden. Im Westen verfärbte sich die Sonne und schickte sich an, unterzugehen.
Tobias schaute auf seine Armbanduhr. „Wir sollten den Rückzug antreten“, schlug er vor, „bis wir über die Mauer sind, wird auch noch eine ganze Zeit vergehen. Hier haben wir, glaube ich, alles gesehen.“
„Denkste!“, wehrte Philipp ab. „Auf der anderen Seite des Daches ist ein ziemlich großes Loch. Lass uns mal hindurchgucken, ob irgendetwas zu sehen ist.“
Sie rutschten über den Giebel auf die andere Seite des Daches und schoben sich vorsichtig an den Rand des Loches.
Einige Sonnenstrahlen fielen schräg von vorn durch den Eingangsbereich und beleuchteten den Vorraum der Gruft mit schummrigem Licht.
„Mensch, sieh mal“, sagte Tobias aufgeregt. „Da in der Säulenhalle, im Eingangsbereich, geht ja eine kleine Treppe nach unten zu einer Tür!“
„Lass uns runterklettern und mal nachsehen, ob man die Tür öffnen kann“, schlug Philipp vor, der in diesem Moment nicht weniger aufgeregt war als Tobias.
„Meinst du, wir kommen unentdeckt durch die Halle?“, fragte Tobias zweifelnd.
„Wird sich finden“, sagte Philipp.
„Und wenn da Särge im Raum stehen?“
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