»He Jack, warte.« Es war Will, der aus der verfallenen Lagerhalle, in der sie jetzt mit der Hafenbande hausten, auf die Gasse getreten war. »Maggie hat mir gerade erzählt, dass du immer noch nach deinem Bruder suchst.«
Jack nickte. »Wieso?«
»Weil Toby vielleicht wichtige Informationen für dich hat.« Er deutete auf den schlaksigen Jungen neben sich, der selbst Will um Haupteslänge überragte. »Toby war mit den anderen auf der Magpie. «
»Mein Bruder war nicht auf der Magpie «, erwiderte Jack.
»Ich weiß« erwiderte Will. »Aber Toby hat da so ’ne Vermutung.«
»Seit wann ist er denn schon weg?«, fragte der Lange jetzt, während er lässig auf einem Strohhalm herumkaute.
»Seit fast sieben Wochen jetzt. Wieso?«
Der Junge begann, seine Finger abzuzählen. »Das haut genau hin. Vor fast zwei Monaten fuhr schon mal ’n Schiff mit ’ner Ladung Kinder in die Neue Welt.«
»Woher weißt du das?«, fragte Jack skeptisch. Es gab keinen Grund, wieso er dem Jungen glauben sollte.
»Weil ich selber auf dem Kahn war. Hab gerade noch rechtzeitig die Kurve gekratzt und bin in den Fluss gesprungen. ’n Fährmann hat mich rausgefischt.«
»Bist du gleich zur Wache?«
»Zur Wache«, lachte der Junge. »Machst du Witze? Die stecken doch selber mittendrin. Es war ’n Wachmann, der mich statt ins Heim aufs Schiff gebracht hat. Und jetzt frag mich ja nicht, wieso ich noch mal auf ’nem Kahn gelandet bin.« Er grinste verlegen. »Pures Pech. Ich hatte ja keine Ahnung, dass die jedes Mal ’ne andere Tour draufhaben. Das zweite Mal haben sie mich wie Will mit ’ner falschen Botschaft in die Falle gelockt.«
»Und wieso soll mein Bruder auf dem gleichen Schiff gewesen sein?«
»Du suchst nach ’nem kleinen Jungen mit roten Haaren, oder?«
Jack nickte.
»Na, da war so ’n Kleiner mit feuerroten Zotten. War so ’n ganz ’n Stiller. Er hieß Ned.« Er spuckte den Strohhalm aus. »Tut mir echt leid. Dem ist nicht mehr zu helfen. Der ist längst in Virginia.«
Will klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.
»Die Arbeit ruft.« Dann zogen die beiden Jungen los.
Jack dagegen blieb wie versteinert stehen. Er war nicht fähig, an irgendetwas anderes zu denken. Wie ein Kreisel wirbelte nur ein einziger Gedanke in seinem Kopf herum: Man hatte seinen Bruder nach Virginia verschleppt, Virginia, Virginia ... Es war hoffnungslos! Dann begann er ziellos durch die Straßen und Gassen der Stadt zu irren, kreuz und quer, bis er irgendwann plötzlich vor Molls Pfandhaus stand. Wieso er gerade hierher gekommen war, wusste er nicht.
Der Laden und das Haus sahen verlassen aus. Jemand hatte die drei Kugeln über der Ladentür abgehängt und die Fenster mit Latten vernagelt. Seltsam. War da jemand im Haus, oder hatten sie nur vergessen, die Tür zu verriegeln? Zwischen Tür und Türstock war ein kaum sichtbarer Spalt, und als Jack dagegendrückte, schwang sie quietschend auf.
»Hallo? Ist da jemand?« Doch er bekam keine Antwort. Er trat vorsichtig ein.
Der Laden war bis auf die Spiegel leer geräumt. Molls Diebesgut, das sie dort verkauft, und die andere Ware, die sie als Pfand für Geld entgegengenommen hatte, waren verschwunden. Die Wache hatte jedes einzelne Stück beschlagnahmt. Vermutlich würde später jemand nachkommen, um auch die Spiegel abzuholen. Das Echo seiner Schritte hallte befremdlich im Raum. Plötzlich ließ ihn ein Geräusch aus dem oberen Stockwerk aufschrecken. War doch noch jemand im Haus? Da huschte ein Schatten blitzschnell die Stiegen hinab, etwas landete mit einem Satz auf seinem Kopf und zerrte an seinen Haaren.
»Orlando!«, rief er. »Hab mich schon gewundert, was mit dir passiert ist.« Er griff nach dem Affen und setzte ihn sich auf die Schulter. Das Tier schnatterte freudig, als ob es ihm erzählen wollte, was geschehen war. Danach begann es, an Jacks Ohr zu knabbern, wie es das bei Moll immer getan hatte.
Jack stieg mit dem Affen auf der Schulter zum Dachboden hoch. Die Strohsäcke lagen immer noch auf dem Boden ausgebreitet. Als die Kinder das Haus verlassen hatten, hatte es keinen Grund gegeben, sie wie sonst ordentlich in die Ecke zu stapeln. Doch bis auf die Matratzen und James, der immer noch vom Dachbalken baumelte, war der Raum wie das restliche Haus leer. Keine Jacken, Schuhe, Decken, Essensreste und Kerzenstummel lagen auf dem Boden herum. Kein Tommy tollte sich mit Eliza.
Alles war schiefgelaufen. Diese verdammten Schurken hatten seinen Bruder in die Neue Welt entführt, die verfluchte Moll würde die nächsten Monate im Knast verbringen, wenn sie nicht sogar am Galgen endete, und Alyss war aus der Stadt abgereist. Plötzlich überkam Jack eine unsagbare Wut. Er boxte James, der den Angriff wortlos ertrug und zur Antwort nur heftig hin- und herschaukelte und mit seinen Glöckchen klingelte. Aufgebracht hieb Jack weiter auf ihn ein, dann sprang er die Stiegen hinab. Als er bei den Spiegeln ankam und ihn unzählige zornige Jacks anstarrten, trat er heftig dagegen. Mit lautem Klirren zerbarst der erste Spiegel in Tausende von Splittern. Orlando floh hastig die Stiegen hoch. Auf der obersten Stufe begann er aufgeregt zu schnattern und sich seine winzigen Hände erst vor die Augen, danach vor die Ohren zu halten. Es klirrte und krachte, als Jack auf den nächsten Spiegel eintrat. Noch einer und noch einer zersprang in glitzernde Splitter. Erst als der letzte Spiegel zerborsten war, gab er auf. Er zitterte am ganzen Körper, und zum ersten Mal, seit sein Bruder verschwunden war, kullerten ihm Tränen die Wangen herab, doch gleichzeitig fühlte er sich besser. Auf einmal war er mit neuem Mut erfüllt.
»Ich könnte auf einem Schiff als Schiffsjunge anheuern«, überlegte er laut. Das hatte sein Vater vor langer Zeit auch gemacht. Genau, das war’s! Er würde in die Neue Welt segeln und dort seinen Bruder aufstöbern, selbst wenn er sich vor Wasser fürchtete und Segelboote nicht ausstehen konnte. Da fühlte er, wie ihn winzige Hände sacht am Ohr zogen. Orlando war wieder auf seine Schulter geklettert und knabberte liebevoll an seinem Ohrläppchen.
»Hast du Lust, auf Reisen zu gehen?«, fragte er Orlando, aber der gab keine Antwort, sondern bearbeitete weiterhin Jacks Ohr.
Voller Tatendrang verließ Jack das Pfandhaus. Nur dass er das Mädchen mit den dunklen Locken verpasst hatte, versetzte ihm immer noch einen Stich.

Ende September 1619
Obwohl Alyss nach dem ereignisreichen Tag und der noch abenteuerlicheren Nacht am liebsten zu Jack gelaufen wäre, um ihm zu berichten, dass der Freund ihres Vaters tatsächlich kein Zauberer, sondern ein liebenswerter alter Mann war, hatte sie sich gedulden müssen. Sir Christopher wollte erst sichergehen, dass Master Milton keinen Schaden mehr anrichten konnte. Nachdem Joan im Zimmer des Assistenten gestohlene Wertsachen gefunden hatte, wurde beschlossen, ihn der Wache auszuliefern. Da Milton jedoch immer noch überzeugt war, dass der Teufel hinter ihm her war, brachte ihn die Wache zu den Irren nach Bedlam. Wenigstens brauchte Alyss sich nicht mehr vor ihm zu fürchten. Auch Onkel Humphrey und die anderen Verfolger stellten keine Gefahr mehr dar, denn für sie galt der Salamander als verloren. Keiner wusste, dass Jack ihn Alyss wiedergegeben hatte. Erst am folgenden Tag erlaubte Sir Christopher ihr dann, zusammen mit dem Indianer Molls Pfandhaus aufzusuchen. Doch Jack war bereits in der Stadt unterwegs gewesen. Nur ein Junge mit Stoppelhaaren hockte mit baumelnden Beinen auf dem Ladentisch und mischte einen Stapel Karten. Zwar versprach er, Jack auszurichten, dass Alyss für eine Weile im Haus an der Themse wohnen würde und er sie dort jederzeit besuchen könnte, doch Jack tauchte nie dort auf.
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