»Ich bin nicht sonderlich beeindruckt«, sagte Hazel.
»Gebt ihm eine Chance«, erwiderte Owen automatisch.
»Das sind alles nur Äußerlichkeiten. Hat Eure Mutter Euch nicht beigebracht, daß man ein Haus nicht nach seinem Äußeren beurteilen soll?«
»Sie hat mir auch gesagt, ich soll mich nicht mit Gesetzlosen und Aristokraten einlassen und kein Haschisch rauchen.
Ich kann nicht behaupten, ein artiges Kind gewesen zu sein.
Meinst du wirklich, daß wir Jakob Ohnesorg in einem Müllhaufen wie diesem hier finden? Ich meine, ich habe zwar gehört, daß ihn sein Glück verlassen haben soll, aber kannst du dir wirklich vorstellen, daß ein legendärer Rebell wie er einen so billigen Neppladen wie den da betreibt?«
»Wahrscheinlich ist alles nur Tarnung«, vermutete Owen starrköpfig. »Wer käme schon auf die Idee, hier nach ihm zu suchen?«
»Da habt Ihr nicht ganz unrecht«, stimmte Tobias Mond von hinten mit seiner rauhen Summstimme zu. Hazel und Owen zuckten leicht zusammen. »Ich jedenfalls würde mich nicht in so einem Laden verstecken.«
»Die Leute vom Abraxus haben gesagt, wir würden ihn hier finden«, sagte Owen. »Und ich habe wirklich nicht das Bedürfnis, zu ihnen zurückzugehen und über diesen Punkt zu streiten. Ich gehe rein. Haltet die Augen offen und mir den Rücken frei, ja? Und stehlt kein herumliegendes Silber…«
Owen setzte sich in Bewegung. Er marschierte zum Eingang und zog kräftig an der Klingelschnur. Er spürte mehr als er hörte, wie die anderen hinter ihm herankamen, und er grinste schwach. Man mußte sie nur hin und wieder daran erinnern, wer das Kommando hatte. Die Tür öffnete sich, und Owen setzte sein hochnäsigstes Gesicht auf. Wenn du im Zweifel bist , dann behandle die Leute wie den letzten Dreck . In neunzig Prozent der Fälle nehmen sie ganz automatisch an , daß du eine hochstehende Person bist , die wahrscheinlich gekommen ist , um ihren krummen Geschäften ein Ende zu machen . Nach Owens Erfahrung gingen die meisten Leute zu gegebener Zeit irgendwelchen krummen Geschäften nach. Er versuchte, nicht an die restlichen zehn Prozent zu denken. Sie waren einer der Gründe, aus denen er sein Schwert trug.
Im Türrahmen erschien eine hochgewachsene, graziöse, lebende Göttin, die ein breites Lächeln und ein sehr knappes Bodystocking trug, das größtenteils aus schwarzer Spitze zu bestehen schien. Sie war muskulös, und Owen wußte instinktiv, daß sie bereits vor dem Frühstück mehr Liegestützen machte, als er in einem ganzen Monat.
»Hallo«, hauchte sie ein wenig atemlos. »Kann ich etwas für Euch tun?«
Owen fielen augenblicklich verschiedene Dinge ein, und zumindest eines davon würde ihn aller restlichen Kräfte berauben… Mit einer bewußten Anstrengung riß er sich zusammen und konzentrierte sich auf das, weswegen er hier war. »Wir müssen mit dem Geschäftsführer sprechen«, begann er mit – wie er hoffte – fester, befehlsgewohnter Stimme.
»Selbstverständlich«, erwiderte die Göttin, und ihr Lächeln wurde noch breiter. »So kommt doch herein!«
Sie trat zur Seite und winkte den dreien. Owen machte einen selbstsicheren Schritt an ihr vorbei, und die Göttin atmete tief ein. Ihre wundervolle Brust drückte sich beinahe in sein Gesicht. Owens Knie wurden weich. Er beeilte sich, in den Empfangsraum zu kommen, und atmete selbst einige Male tief durch. Hinter sich vernahm er das mittlerweile vertraute mißbilligende Naserümpfen Hazels. Der Hadenmann blieb ruhig.
Wahrscheinlich stand er weit über derartigen Dingen. Hinter ihnen schloß die Göttin die Tür mit einem beunruhigend endgültigen Geräusch, dann war sie wieder bei ihnen. Sie schenkte Owen erneut ihr verwirrendes Lächeln und nahm eine lässige Pose ein, die rein zufällig ihren atemberaubenden Körper noch stärker betonte.
»Macht es Euch bequem«, schlug sie gewinnend vor. »Ich werde den Geschäftsführer informieren, daß Ihr hier seid.«
Mit einer fließend geschmeidigen Bewegung wandte sie sich um und verschwand auf der gegenüberliegenden Seite durch eine Tür, bevor Owen wieder zu Luft gekommen war.
Er warf einen Blick zu Tobias Mond.
»Welch eine warme und verständnisvolle Brust diese Frau doch hat!«
»Hübsche Deltamuskeln«, erwiderte der Hadenmann.
»Wenn ihr beide wieder aus eurem Hormonrausch erwacht«, sagte Hazel mit eisiger Stimme, »dann nehmt ihr vielleicht davon Kenntnis, daß sie die Tür hinter uns verriegelt hat. Wenn sie euch erkannt hat…«
»Entspannt Euch«, unterbrach sie Mond. »Ich bin jetzt bei Euch.«
Hazel bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Halten deine Batterien denn noch?«
»Ich habe mehr als genug Energie in meinen Systemen, um mit allen Problemen fertig zu werden, die sich uns in den Weg stellen.«
Hazel rümpfte verächtlich die Nase. »Wenn du so stark und mächtig bist, großer Krieger, wieso hat es dich dann auf diese Welt verschlagen?«
»Ich vertraute den falschen Leuten.« In Monds unnatürlicher Stimme schwang ein Ton mit, der Hazel daran hinderte, weitere Fragen zu stellen.
Owen blickte sich in der Empfangshalle um. Es schien ihm im Augenblick das sicherste. Selbst wenn er ruhig dastand und schwieg, hatte der Hadenmann etwas zutiefst Beunruhigendes an sich. Er befand sich nun seit beinahe einer Stunde in Owens Nähe, doch seine Gegenwart war noch immer genauso bedrohlich wie im ersten Augenblick. Owen hatte das Gefühl, als wäre der Hadenmann immer bereit zuzuschlagen, bereit, im nächsten Augenblick zu töten. Er entschied, diesen Gedanken eine Weile nicht weiterzuverfolgen, und konzentrierte sich statt dessen auf den Empfangsraum.
Owen lag eine sarkastische Bemerkung auf der Zunge, doch er beherrschte sich und setzte ein herablassendes Lächeln auf.
Die Einrichtung des Olympus’ war seit mindestens zwanzig Jahren aus der Mode, und das Mobiliar war eindeutig von jemandem entworfen worden, der mehr an Stil als an Bequemlichkeit interessiert gewesen war. Nicht, daß Owen viel Ahnung von Stil gehabt hätte. Er entschied sich, lieber stehen zu bleiben. Er hatte die vage Vermutung, daß die Stühle schreckliche Dinge mit seinem Hintern anrichten könnten.
Nicht ganz unähnlich der Göttin an der Tür…
Seine Gedanken schweiften eben wieder ab, als die Tür am gegenüberliegenden Ende der Rezeption sich öffnete und ein Riese hereinkam. Nach einem Augenblick erkannte Owen, daß der Mann nicht wirklich so groß war, höchstens eins-neunzig, doch seine gewaltigen Muskelpakete ließen ihn viel größer erscheinen. Er war unglaublich gut entwickelt und hatte Muskeln an Stellen, wo Owen nicht einmal Stellen hatte.
Der Mann sah aus, als hätte er bereits als Säugling Gewichte gehoben. Als Owen bemerkte, wie seine Muskeln sich beim Gehen spannten und schwollen, fragte er sich überrascht, ob das Gehen dem Riesen keine Schmerzen bereitete. Der Gigant kam heran, baute sich vor ihnen auf und bedachte seine Besucher mit einem knappen, unpersönlichen Lächeln. Owen erkannte überrascht, daß der Mann recht gutaussehend war. Es fiel nur nicht gleich als erstes auf, weil der Riese nur mit einer äußerst eng sitzenden kurzen Hose bekleidet war, damit seine Muskeln besser zur Geltung kamen. Unter anderem. Owen bemerkte, daß Hazel den Riesen mit unverhohlener Faszination anstarrte. Sie sah aus, äs wolle sie ihn mit den Augen auffressen. Owen rümpfte indigniert die Nase. Es gab wichtigere Dinge als Muskeln.
Er hüstelte höflich, um die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zu lenken, und der andere wandte sich ihm zu. Owen fühlte sich, als stünde er in einem Loch.
»Mein Name ist Tom Sefka«, sagte der Riese mit einer rumpelnden Baßstimme, die Owens Knochen vibrieren ließ.
»Geschäftsführer und Besitzer des Sportpalasts. Ich nehme an, es geht um etwas Wichtiges. Delia stört mich für gewöhnlich nicht, aber der Hadenmann dort hat sie beeindruckt.« Er blickte nachdenklich zu Mond. »Wenn Ihr ein wenig Geld verdienen wollt – einige meiner Gäste würden gut bezahlen, um im Ring gegen einen aufgerüsteten Mann anzutreten.«
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