Rein technisch betrachtet hatte Razor den Titel ablegen müssen, als er aus dem Imperialen Dienst ausgeschieden war, aber niemand war dumm genug, ihm das ins Gesicht zu sagen.
Die Familien stellten häufig Investigatoren ein, wenn der Imperiale Dienst sie nicht mehr benötigte. Sie waren unbezahlbare Leibwächter und Gladiatoren – hauptsächlich aus dem einen Grund, daß es nur wenige Leute gab, die dumm genug waren, um einen Investigator zu verärgern. Unglücklicherweise lebten Investigatoren in privaten Diensten nicht allzu lange.
Das Ausscheiden aus der Imperialen Behörde wurde nämlich nur gestattet, wenn die Investigatoren alt und müde geworden waren oder Fehler zu machen begannen. Ihr Leben war der Kampf gegen die Fremdrassigen gewesen und deren Vernichtung, und sobald man ihnen diese Freude nahm, verwelkten sie rasch zu blassen Kopien ihres einstigen Selbst. Die meisten nahmen sich nach einiger Zeit das Leben oder erlaubten jemand anderem, es zu tun.
Aber solange sie durchhielten, bedeuteten sie das ultimative Statussymbol für einen Clan.
Razor bewegte sich ohne Eile auf die drei Klone zu, und sie verteilten sich um ihn wie aufgeschreckte Vögel. Ihre Schwerter blitzten auf, als sie den Investigator schweigend und synchron zu umkreisen begannen, jede Bewegung des einen von den beiden anderen reflektiert. Die Zuschauer trampelten und brüllten. Sie schrien nach dem Blut der Klone wie junge, hungrige Aaskrähen in ihren Nestern nach Nahrung. Investigator Razor beachtete seine Gegner gar nicht. Er blieb stehen, den Kopf leicht zur Seite geneigt, als lausche er, die Augen in weite Ferne gerichtet. Die drei Klone griffen gleichzeitig an.
Ihre Klingen zielten aus drei verschiedenen Richtungen auf sein Herz. Im einen Augenblick stand der Investigator noch bewegungslos da, und im nächsten schon bewegte er sich schneller, als das menschliche Auge ihm folgen konnte. Seine Krummsäbel flirrten durch die Luft, gruben sich in Fleisch und sprangen wieder zurück, um erneut zuzuschlagen. Die drei Klone taumelten von ihm weg und umklammerten ihre tödlichen Wunden, bevor sie endgültig zusammenbrachen und reglos auf dem blutgetränkten Sand liegenblieben.
Razor stieß seine Säbel in die Scheiden und verbeugte sich formell in Richtung der privaten Loge der Feldglöcks. Er wartete nicht auf Anerkennung oder Bestätigung, bevor er sich abwandte und in Richtung des Haupttors ging. Die Menge buhte ihn aus. Für ihren Geschmack war alles viel zu schnell gegangen. Sie hatten keine Gelegenheit gehabt, den Schmerz und Tod der Klone zu genießen. Nur einige wenige Kenner und ein paar Militärs, die verstanden, was sie soeben gesehen hatten, applaudierten laut. Niemand schenkte ihnen Beachtung, am wenigsten Razor. Er verließ die Arena genauso ruhig und bedächtig, wie er sie betreten hatte: ein kalter Lufthauch in einer warmen Nacht. Im einen Augenblick da, und im nächsten schon wieder gegangen. Nur ein schnelles Erschauern markierte sein Vorüberziehen. Razor war noch immer Investigator. In allen Dingen jedenfalls, die irgendwie von Bedeutung waren.
Jakob Wolf blickte dem Investigator nachdenklich hinterher. Er hatte oft daran gedacht, aber er hatte die Idee nie in die Tat umgesetzt. Und wenn der einzige Grund der war, daß er sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, einen perfekten Killer in seine unmittelbare Nähe zu lassen. Man sagte zwar, daß Investigatoren unbestechlich seien, weder durch Macht noch Geld oder Ruhm, aber der alte Wolf hatte daran so seine Zweifel. Nach den Erfahrungen zu urteilen, die er in seinem Leben gesammelt hatte, hatte jeder seinen Preis – oder einen schwachen Punkt, an dem man den Hebel ansetzen konnte.
Der nächste Kampf war so richtig nach dem Geschmack der Menge. Fremdwesen gegen Fremdwesen. Die Arena besaß ihre eigene künstliche Gravitation, Temperaturregelung und Kraftfelder, um jede Art von Umwelt simulieren zu können und die Zuschauer davon abzuschirmen. Die Zuschauer murmelten in begeisterter Erwartung, als das Licht gedämpft wurde und dem düsteren Leuchten einer violetten Holosonne wich. Der Sand verschwand und wurde durch einen dichten Dschungel aus gewaltigen Bäumen ersetzt, deren große, breite Blätter in blassem Purpur leuchteten. Hier und dort war Bewegung im düsteren Zwielicht zwischen den Bäumen auszumachen, und fremdartige Schreie hallten durch die stehende Luft. Die Illusion war vollkommen. Wie immer.
Im Zentrum des Dschungels befand sich eine Lichtung von etwa zehn Metern Durchmesser. Die Zuschauer warteten atemlos darauf, daß irgendwer auf die Lichtung trat. Hinter den Hologrammen glitt ein Tor auf, und eine Kreatur wurde aus ihrem Käfig befreit. Sie zögerte, ihren Unterschlupf zu verlassen, und mußte erst mit Elektrostäben überzeugt werden, bevor sie durch die holographischen Bäume nach vorne stolperte und den tobenden Zuschauern bellend ihre Wut entgegenschleuderte. Die Kreatur brach hinaus auf die Lichtung, und der erste ungehinderte Blick auf das Wesen brachte die Menge vor Staunen zum Schweigen, als wären alle gleichzeitig betäubt worden. Vom Kopf bis zum Schwanz maß das Wesen beinahe neun Meter; ein gewaltiger, hoch aufgereckter Zweibeiner, der einem Saurier verdammt ähnlich sah. Unter seinem glitzernden Schuppenpanzer zeichneten sich mächtige Muskeln ab, und das Wesen stand unverrückbar wie ein Fels auf zwei großen, schweren Beinen. Ein langer, stacheliger Schwanz zuckte vor und zurück. Hoch oben am Leib saßen vier Greifarme, mit denen es wahrscheinlich seine Beute festhielt, während die mächtigen Kiefer sie zerrissen. Der gewaltige, keilförmige Kopf bestand beinahe nur aus einem riesigen Maul, das vor spitzen Zähnen nur so strotzte. Die Kreatur wirbelte mit einer für ein so großes Wesen beängstigenden Geschwindigkeit im Kreis herum und suchte nach den Zuschauern, die sie spüren, aber nicht sehen konnte. Das Fremdwesen brüllte ohrenbetäubend und stampfte mit den Füßen auf den getarnten Sand der Arena. Die Menge genoß das Schauspiel. Dann witterte die Kreatur plötzlich die Nähe eines anderen Wesens im holographischen Dschungel und erstarrte.
Der Ring von Augen auf dem Kopf der Kreatur schien den Wald zu durchdringen, und das Wesen gab ein leises Knurren von sich. Die Menge wartete mit angehaltenem Atem auf das zweite Fremdwesen, das von den Arenameistern als Gegner für einen so gefährlichen Feind ausgewählt worden war. Es dauerte eine Weile, bis das Publikum bemerkte, daß es schon längst da war. Das zweite Fremdwesen war ein großer Haufen verwundener Pflanzen, beinahe fünfzehn Meter hoch. Es schien größtenteils aus langen Schlingen verdrehter Reben zu bestehen, die sich um eine wuchtige Masse in der Mitte rankten. Wenn das Wesen Sinnesorgane besaß, dann blieben sie jedenfalls verborgen. Trotzdem orientierte sich die zentrale Masse irgendwie in Richtung des Sauriers. Lange Reben schossen hervor wie Tentakel und wickelten sich um die Echse, die wütend auf brüllte und die Fesseln zerriß, als wären sie aus Papier. Aber es kamen immer neue Ranken nach und wickelten sich wie Hunderte langer Arme um das Reptil. Die beiden Fremdwesen kämpften verbissen miteinander, während die Zuschauer außer Rand und Band gerieten und die Buchmacher Rekordgewinne verzeichneten. Die vermeintlich Schlauen hatten auf das Tentakelwesen gesetzt, und wenn es nur deswegen war, weil es keine lebenswichtigen Stellen zu besitzen schien, die der Saurier angreifen konnte.
»Sind sie nicht wunderbar?« seufzte Konstanze glücklich.
»Liebst du die Fremden auch so sehr? Meinst du, sie sind intelligent?«
Der alte Wolf zuckte die Schultern. »Wen kümmert das schon?«
Der Saurier war inzwischen beinahe unter den fesselnden Ranken verschwunden. Er wurde nun langsam, aber stetig in Richtung der zentralen Masse des Tentakelwesens gezogen.
Die Echse kämpfte verzweifelt, doch ihre Arme waren an die Brust gefesselt, und ihre Beine wurden von Unmassen verdrehter Ranken gehalten. Nur der zuckende Schwanz besaß noch Bewegungsfreiheit, aber noch immer schossen weitere Ranken hervor und schlugen auf den keilförmigen Kopf der Echse ein wie Peitschen. Blut floß, und die Menge tobte.
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