Stephanie strahlte ihren Bruder an. »Mit meinem Gehirn und deinen Muskeln erreichen wir alles, was wir wollen. Wirklich alles.«
Beide verstummten, als laute Schritte sich näherten und die Leibwächter Haltung annahmen. Daniel und Stephanie hatten gerade noch Zeit, auf die Füße zu springen und einen gelassenen Gesichtsausdruck aufzusetzen, als Jakob Wolf in die Loge gestürmt kam, gefolgt von ihrer Stiefmutter. Jakob war sichtlich schlechter Laune. Seine schwere Stirn war in verdrießliche Falten gelegt. Seine beiden jüngsten Kinder hatten genug Sinn für Höflichkeit, um sich schweigend vor ihrem Vater zu verbeugen. Der Wolf war rot vor Wut wegen irgendeiner Sache, und die beiden hatten keine Lust, seinen Ärger in ihre Richtung zu lenken. Daniel verbeugte sich auch vor seiner Stiefmutter, doch Stephanie nickte kaum. Konstanze Wolf lächelte beiden zu.
Konstanze war siebzehn und bereits jetzt eine atemberaubende Schönheit auf einer Welt, die wegen ihrer schönen Frauen berühmt war. Sie war groß und blond und besaß vollendete Proportionen. Sie schien vor Gesundheit und guter Laune und schierer Erotik nur so zu sprühen. Allein ihr Anblick reichte aus, um die Hormondrüsen eines Mannes zu Höchstleistungen anzuspornen. Jakob hatte sie auf traditionelle Weise als seine neue Frau gewonnen, indem er einfach alle anderen Verehrer unter Druck gesetzt und die, die sich nicht beugen wollten, in Duellen getötet hatte. Jakob war ein großer Anhänger von Tradition. Konstanze schien mit dem Arrangement recht zufrieden; immerhin wurde sie auf diese Weise zu einer der mächtigsten Frauen Golgathas. Sie hatte sich schnell in ihre Rolle eingelebt und lenkte nun den Clan und ihren Mann. Die drei Wolf-Kinder hatten mit verschiedenen Graden von Besorgnis reagiert, als Konstanzes Wort zum Gesetz wurde und ihre Launenhaftigkeit immer mehr zunahm.
Jakob wußte genau, was hinter seinem Rücken vorging, aber er schwieg. Es war Sache seiner Frau und seiner Kinder, ihre eigene Hackordnung auszumachen. Solange sie in der Öffentlichkeit höflich miteinander umgingen und sich nicht in seiner Gegenwart stritten, war es ihm egal.
Unvermittelt wandte der Wolf sich zu den überraschten Kindern und seiner Frau und funkelte sie an. »Der alte Sommer-Eiland starb heute am Hof. In einem Duell mit Kid Death. Sein eigener verdammter Enkel. Es gibt keinen Familienstolz mehr.«
Daniel lächelte verkrampft. »Die Jugend muß ihre Chance bekommen, Vater. Die Alten müssen den Jungen Platz machen. So ist das Leben.«
Der alte Wolf musterte seinen jüngsten Sohn verächtlich.
»Wenn du es je wagst, eine Hand gegen mich zu heben, Junge, dann schneide ich dir den ganzen Arm ab. Oder meinst du vielleicht, du wärst fähig, diese Familie zu leiten?«
»Natürlich nicht, Vater. Noch nicht.«
»Du wirst niemals soweit sein, wenn du dich nicht ganz gewaltig ranhältst. Aber ich werde noch einen Mann aus dir machen, Junge, und wenn deine Schwester sich auf den Kopf stellt, das verspreche ich dir.«
»Das ist nicht fair!« beschwerte sich Stephanie und stellte sich schützend vor ihren Bruder. »Irgend jemand muß sich schließlich um ihn kümmern.«
»Er ist ein Wolf. Er hat verdammt noch mal alleine auf sich aufzupassen!« schnappte der alte Wolf. »Das ist es, was einen Mann ausmacht! Ich werde nicht immer da sein, um seine Rotznase abzuwischen.«
»Hört jetzt gefälligst auf zu streiten«, mischte sich Konstanze ein und zog einen hinreißenden Schmollmund, während sie dem alten Wolf eine besänftigende Hand auf den Arm legte.
»Du wirst noch mindestens hundert Jahre leben, und ich werde nicht dulden, daß du anders sprichst. Außerdem ist der Tag viel zu schön, um sich zu streiten. Wollten wir nicht ein Familientreffen veranstalten, bevor die Spiele beginnen? Warum fangen wir nicht einfach an?«
»Nicht ohne Valentin«, erwiderte der Wolf. »Ich bezweifle zwar ernsthaft, daß er etwas Sinnvolles beizutragen hat, außer der Adresse seines neuesten Drogenlieferanten, aber er ist mein Ältester und hat ein Recht darauf, anwesend zu sein.
Auch wenn er sich verspätet. Wie immer.«
»Ja«, sagte Daniel. »Ich frage mich, was ihn aufhält?«
Stephanie versteifte sich. Doch Daniel brachte ausnahmsweise genügend Geistesgegenwart auf, um ihr kein verschworenes Lächeln zuzuwerfen. Statt dessen blickte er seinen Vater mit einem Ausdruck von Besorgnis an. Stephanie gesellte sich zu ihrem Bruder. Jakob Wolf zog sich bei Familientreffen nur dann in die private Loge zurück, wenn er wirklich delikate Angelegenheiten zu besprechen hatte. Die Kombination von Öffentlichkeit und Privatsphäre machte es schwierig, eine Wanze zu verstecken, und der eingebaute ESP-Blocker verhinderte psionische Lauschangriffe. Jakob hielt viel von Gründlichkeit.
Stephanie wandte den Blick von ihrem Vater und suchte nach einer Ablenkung. Draußen in der Arena zeigte der riesige Holoschirm Nahaufnahmen und Zeitlupenwiederholungen der letzten Kämpfe. Der Schirm war für die Kenner aufgestellt worden und half den Besuchern auf den hinteren Rängen, keine Einzelheit der blutigen Schlachterei zu versäumen.
Stephanie grinste breit und genoß die Schau. Es ging doch nichts über ein Drama auf Leben und Tod, um das Blut in Wallung zu bringen. Sicher, es gab Leute – innerhalb und außerhalb der Familien –, die regelmäßig die Schließung der Arena forderten, oder zumindest ihre Entschärfung, aber sie erreichten nie etwas. Die Spiele genossen unglaubliche Popularität im gesamten Imperium und zogen große Massen überall hin, wo ein Holoschirm stand: und die Schau übertrug.
Allein der Versuch, die Schau abzusetzen, würde die Bevölkerung rebellieren lassen.
Und dann versteifte sich Stephanie erneut, als sich Schritte der Loge näherten. Ihr Herz begann zu hämmern, und sie atmete tief durch, um die verräterische Röte aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Der Bote mit der Nachricht von Valentins Mißgeschick war endlich eingetroffen. Sie wandte sich langsam um, den Augenblick genießend, und fand sich Auge in Auge mit Valentin, der gelassen die Loge betrat, als sei nichts geschehen und alles in der Welt stünde zum Besten. Für einen Moment glaubte Stephanie, ohnmächtig werden zu müssen, doch ein schneller Blick zu Daniel, der mit offenstehendem Mund und hervorquellenden Augen dastand, brachte sie wieder zu sich. Sie mußte ruhig bleiben, kalt wie Eis. Sie mußte stark genug sein für beide, bis sie herausgefunden hatte, wie groß die Schwierigkeiten tatsächlich waren, in denen sie steckten. Stephanie brachte eine lässige Verbeugung in Richtung ihres ältesten Bruders zustande, und er nickte freundlich zurück.
»Stimmt etwas nicht, Schwesterherz?« fragte er höflich.
»Du siehst so blaß aus.«
»Nein, nein, alles in Ordnung«, erwiderte Stephanie so ruhig, wie sie nur konnte. »Du hast dich verspätet, Valentin.
Wir haben uns Sorgen gemacht, daß dir etwas zugestoßen sein könnte. Ist… ist dir auf dem Weg hierher irgend etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Etwas Ungewöhnliches? Nein, nicht daß ich wüßte. Warum fragst du?«
»Oh, äh… kein besonderer Grund«, stammelte Stephanie.
»Wirklich, kein besonderer Grund.«
Valentin grinste sein breites purpurnes Grinsen. Seine dunklen Augen verrieten nichts. Er schüttelte den Umhang ab und legte ihn über die Rückenlehne des nächsten Sessels. Stephanie runzelte verblüfft die Stirn. Ihr Bruder steckte in den häßlichsten, gröbsten und unmodernsten Kleidern, die sie je an ihm gesehen hatte. Ehrlich gesagt sahen sie aus wie die Kleider eines gewöhnlichen Geschäftsmannes, und sie hatten nicht einmal die passende Größe. Stephanie hätte schwören können, daß ihr Bruder lieber gestorben wäre, als mit solchen Kleidern in der Öffentlichkeit herumzulaufen.
»Ich hab’ mich verspätet, weil ich unterwegs noch in einen Laden mußte«, sagte Valentin lässig. »Ich mußte meine neue Staffage abholen. Ziemlich schneidig, findest du nicht auch?«
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