Und dann war da noch die Sache mit seiner Schwester.
Stephanie Wolf, das mittlere Kind, kam nach ihrer Mutter.
Sie war groß und schlank und besaß lange Haare, die immer zerzaust wirkten, ganz egal, was sie mit ihnen anstellte. Ihr hagerer Körper steckte voller unterdrückter Energie, die immer in den ungeeignetsten Augenblicken auszubrechen drohte. Stephanie war vierundzwanzig Jahre alt und sah gut, aber langweilig aus, ganz egal, was sie mit Kosmetika auch anstellte. Sie war mager wie ein Junge, und das zu einer Zeit, da üppige Formen in Mode waren. Stephanie hatte einige Jahre zuvor auf der Suche nach einem akzeptableren Aussehen alle kosmetischen Läden des Planeten abgegrast, doch schließlich hatte ihre angeborene Starrköpfigkeit gesiegt, und sie hatte sich mit ihrem echten Gesicht und ihrer echten Figur abgefunden. Die Aristokratie setzte Trends, aber sie lief ihnen nicht hinterher. Niemand wagte, einen Kommentar zu Stephanies Entscheidung oder ihrem Aussehen abzugeben. Erstens, weil sie eine Wolf war, und zweitens, weil Daniel sie verehrte und nur zu bereit war, sich bei jeder erkennbaren Beleidigung seiner Schwester mit dem Übeltäter zu duellieren.
Daniel und Stephanie Wolf. Bruder und Schwester. Aneinandergekettet durch Liebe, Weltanschauung und brennenden Ehrgeiz. Reich, jung, aristokratisch. Die Welt hätte zu ihren Füßen liegen können, aber so einfach war das nicht. Sie waren die jüngeren Geschwister, und sie würden wenig oder gar nichts erben, solange Valentin lebte. Und da sie pragmatische und entschlossene Kinder ihrer Zeit waren – nicht zu vergessen, Wolfs bis ins Mark –, intrigierten sie gegen ihren älteren Bruder und schmiedeten Pläne. Gelegentlich setzten sie ihre Pläne auch in die Tat um und arrangierten kleine Unfälle für Valentin. Sie hätten seinen Tod nur zu gerne in Auftrag gegeben, aber so dumm waren sie nun doch wieder nicht. Falls Valentin einen gewaltsamen oder nur irgendwie verdächtigen Tod sterben sollte, würde der Imperiale Hof sie als allererste durch einen Esper verhören lassen. Schuld wäre gleichbedeutend mit augenblicklicher Exekution, ohne Ansehen ihres Ranges und ihrer Position. Und wenn sie es versuchten und das Attentat danebenging, dann würde man sie am gesamten Hof verspotten. Sie wären bei den Familien schlichtweg unten durch. Also beschränkten sie sich auf das Arrangieren von Unfällen. Anscheinend zufällige Ereignisse, die Valentin hoffentlich weh taten und ihn vielleicht sogar verkrüppeln würden. Zumindest würden sie ihn inkompetent aussehen lassen.
Und wenn Valentin sich als unfähiger Trottel herausstellte, dann würde sein Vater ihn in der Erbfolge vielleicht zugunsten Stephanies oder Daniels übergehen. Wenn es jemals jemandem gelang, auch nur einen einzigen dieser Unfälle auf die beiden Geschwister zurückzuführen, dann würden sie schwer dafür bezahlen müssen. Nicht zuletzt durch ihren Vater. Aber ehrlich gesagt – das Risiko war schon der halbe Spaß. Es machte ja auch keinen Spaß zu spielen, wenn man sich das Verlieren leisten konnte. Daniel und Stephanie brauchten den Nervenkitzel beinahe genausosehr wie den Sturz ihres Bruders.
Selbst wenn sie mit dem Streß nicht besonders gut fertig wurden.
Mit einer bewußten Anstrengung beendete Stephanie ihre nervösen Runden und warf sich in einen der extrem komfortablen Sessel, die von den Wachen herbeigeschafft worden waren, bevor sie sich in einen diskreten Abstand zurückgezogen hatten. Stephanie und Daniel versicherten sich, daß die Wachen außer Hörweite waren, und ignorierten sie ansonsten völlig. Wachen befanden sich immer in der Nähe, ganz egal, wohin die Geschwister gingen. Das gehörte einfach dazu, wenn man Aristokrat war. Daniel wandte sich zu seiner Schwester um und lächelte schwach.
»Das wurde aber auch allmählich Zeit. Du hast mit deinem ständigen Auf- und Abgehen beinahe eine Rille in den Teppich gelaufen. Wir wollen doch nicht, daß unser lieber Papa auf die dumme Idee kommt, wir hätten einen Grund zur Nervosität, oder?«
Stephanie lächelte ihren Bruder zuckersüß an.
»Hör auf mit dem Sarkasmus, Brüderchen. Er paßt einfach nicht zu dir. Man braucht dazu unter anderem Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart, und beide Eigenschaften liegen weit jenseits deiner Fähigkeiten. Vater wird bald eintreffen und bringt hoffentlich die Nachricht von dem Mißgeschick mit, das deinem lieben Bruder zugestoßen ist. Wenn es soweit ist, dann versuch bitte, nicht zu aufgeregt zu reagieren. Man wird uns wahrscheinlich verdächtigen, aber es macht keinen Sinn, wenn wir unsere Feinde auch noch mit Munition versorgen.
Versuch auch nicht, überrascht auszusehen. Sei einfach still und überlaß das Reden mir, ja?«
»Natürlich, Stephanie. Mach’ ich das nicht immer? Aber es besteht die Hoffnung, daß Valentin tot ist. Wenn die Dinge außer Kontrolle geraten sind…?«
»Ich wüßte nicht wieso. Wir haben jede Möglichkeit in unserem Plan berücksichtigt. Jedenfalls, wenn diese Kerle sich an ihre Anweisungen gehalten haben. Und wenn Valentin tot wäre, dann hätten wir mit Sicherheit bereits etwas davon gehört. Vater wäre mit der Nachricht hereingeplatzt, oder die Leibwächter, oder ein Diener. So etwas kann man nicht geheimhalten.«
»Sei leise, Stephanie. Sicher hast du recht. Der liebe Bruder Valentin liegt im Augenblick wahrscheinlich mit lauter gebrochenen Knochen in einer dunklen Seitengasse im Dreck.«
»Ja, so wird es sein.« Stephanie atmete tief ein und stieß die Luft langsam wieder aus. »Du hast die Waffe präpariert, oder?«
»Selbstverständlich. Ich habe persönlich sämtliche Identifikationsmerkmale entfernt. Die Herkunft des Disruptors kann auf gar keinen Fall bis zu uns zurückverfolgt werden.«
»Trotzdem. Die Waffe macht mir Sorgen. Es ist ein eindeutiger Hinweis darauf, daß die Bande in fremdem Auftrag gehandelt hat.«
»Aber wir mußten sichergehen, daß niemand von ihnen überlebt und Fragen beantwortet. Die Waffe und die unterbewußte Konditionierung werden dafür sorgen.«
Stephanie entspannte sich ein wenig in ihrem Sessel. »Valentin wird nicht einmal mitbekommen haben, was mit ihm geschah. Die Medics werden ihn sicher bald wieder zusammengeflickt haben, aber der Zwischenfall wird ernsthafte Zweifel an seinen Fähigkeiten aufkommen lassen. Noch ein paar derartiger Mißgeschicke, und er wird zum Gespött der Leute. Und dann werden wir schließlich einen Weg finden, um uns den armen, schicksalsgebeutelten Valentin endgültig vom Hals zu schaffen, und nichts wird uns mehr daran hindern, die Herrschaft über die Familie anzutreten.«
»Es sei denn, Konstanze kriegt noch ein Kind.«
»Ach ja. Die liebe Stiefmutter. Wenn sie noch ein Kind bekommt, dann könnte der liebe Papa uns zugunsten des Neugeborenen enterben. Und genau aus diesem Grund habe ich unseren Vorkoster bestochen, die Kontrazeptiva zu übersehen, die ich in Konstanzes Essen mische. Sie kann genausowenig ein Kind bekommen wie der Herr Papa.« Daniel starrte seine Schwester an.
»Und was, wenn der Vorkoster plötzlich Skrupel bekommt und uns verrät?«
»Keine Sorge, das wird nicht geschehen. Er kann uns nicht verraten, ohne seinen eigenen Hals in die Schlinge zu stecken.
Er hätte in dem Augenblick zu Vater gehen sollen, als er Verdacht schöpfte. Aber das Geld, das ich ihm bot, war einfach zu verlockend. Außerdem habe ich mich natürlich vorher versichert. Die Droge in seinem eigenen Essen macht extrem abhängig, und ich bin seine einzige Quelle.« Stephanie lachte leise. »Er hat jedermanns Essen überprüft, nur nicht sein eigenes. Hör auf, dir Gedanken zu machen, Daniel. Ich habe an alles gedacht, lieber Bruder.«
Daniel blickte liebevoll zu seiner Schwester. »Du hast immer einen köstlich verschlagenen Verstand gehabt, Stephanie. Wir werden soviel Spaß haben, wenn wir die Familie erst beherrschen.«
Читать дальше