Sie befanden sich zwar noch in Disruptorreichweite, doch bei der Geschwindigkeit, mit der sie jetzt zwischen den Türmen hindurchrasten, war die Wahrscheinlichkeit eines Treffers extrem gering. Und außerdem – wenn ihre Schüsse danebengingen, dann standen die Chancen gar nicht schlecht, daß Unschuldige getötet wurden, und die Forderungen der betroffenen Familien nach Schadenersatz wären gewaltig. Trotzdem durften die Wolf-Söldner sich nicht mehr viel weiter zurückfallen lassen, weil sie sonst befürchten mußten, Finlay zu verlieren. Er konnte sie nicht abschütteln, bevor er beim Turm der Shrecks ankam. Finlay verzog das Gesicht. Er würde sich jetzt mit seinen Verfolgern auseinandersetzen müssen, jetzt und hier, solange der Vorteil der Überraschung noch auf seiner Seite lag. Und er mußte es schnell erledigen, Adriennes wegen.
Er hatte bereits einen Plan gefaßt, während er mit Robert verbunden gewesen war. Einen gefährlichen Plan, der sehr stark von Glück und Täuschung abhing, aber ein besserer fiel ihm nicht ein. Er beugte sich rasch über die Steuerkonsole, damit er keine Zeit hatte, es sich anders zu überlegen, riß den Gravschlitten in eine enge Kurve und nahm Kurs auf die Glas-und-Stahl-Fassade des nächstgelegenen Turms. Er wappnete sich gegen den Aufprall, als die Mauer des Bauwerks wie eine riesige leuchtende Fliegenklatsche auf ihn zuraste. Hinter einem erleuchteten Fenster erblickte er einen langen Korridor und Menschen, die stehenblieben und in seine Richtung gestikulierten. Andere nahmen die Beine in die Hand und rannten weg. Finlay aktivierte den Disruptor und feuerte auf das Fenster.
Das schwere Panzerglas zersprang, als der Energiestrahl hineinfuhr, und ein tödlicher Schauer scharfkantiger Splitter fetzte durch den dahinter liegenden Gang. Menschen sanken blutüberströmt zu Boden und blieben reglos liegen. Finlay hatte keine Zeit, sich deswegen Gedanken zu machen. Sicher, sie waren unbeteiligte Dritte, aber ihr Pech, daß sie nicht zur Familie gehörten. Er steuerte den Schlitten durch das große gezackte Loch in der Turmfassade und verzögerte mit allem, was die Bremsen hergaben. Nach der Hälfte des langen Korridors kam das Gefährt ächzend zum Stehen. Beinahe wäre Finlay doch noch hinuntergeschleudert worden. Adriennes bewußtloser Körper rollte über die Ladepritsche und drückte von hinten gegen seine Beine, und das rettete ihn.
Einen Augenblick stützte er sich auf die Konsole und rang nach Atem. Er zitterte am ganzen Leib, und murmelte die beruhigenden Sprechgesänge, die der vorherige Maskierte Gladiator ihm beigebracht hatte. Kontrollierte Ruhe war alles in der Arena. Rings um ihn herum schrien und stöhnten Menschen, aber bis jetzt waren noch keine Sicherheitsleute aufgetaucht. Finlay wendete den Schlitten, so daß er mit der Nase auf das Loch in der Wand zeigte. Die Schlitten der Wolfs waren ein Stück vor dem beschädigten Turm zum Halten gekommen. Sie schwebten in der Luft, und die Besatzungen beobachteten argwöhnisch, was Finlay als nächstes tun würde.
Sie schienen sich nicht allzu viele Gedanken zu machen. Wohin wollte er schon entkommen? Er hatte sich selbst in die Falle begeben. Finlays breites Totenkopfgrinsen zeigte sich wieder auf seinem Gesicht, als er sich bückte und die Platte mit Plastiksprengstoff aus dem Stiefelschaft zog, die er seit dem Tag mit sich führte, an dem er der Maskierte Gladiator geworden war. Er hatte stets damit gerechnet, daß das Geheimnis seiner Identität irgendwann bekannt werden und er sich gegen eine große Übermacht von Feinden verteidigen mußte. Der Sprengstoff war sozusagen sein letztes As im Ärmel. Finlay war gerne vorbereitet, innerhalb der Arena genauso wie außerhalb.
Er steckte die Platte in seinen Gürtel, wo er sie schnell und leicht ergreifen konnte, und grinste die Wolfs auf ihren Schlitten an. Sollten sie nur kommen. Schließlich war er nur Finlay Feldglöck, der berüchtigte Stutzer, oder? Was konnte jemand wie er schon über Taktik und Fallen wissen?
Die Wolfs berieten sich kurz, und dann näherte sich einer der Schlitten vorsichtig dem Loch in der Fassade. Sie schienen zu ahnen, daß er ihnen eine Falle gestellt hatte und auf sie wartete, aber sie konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie die Falle aussehen mochte. Finlay grinste, bis seine Wangen schmerzten. Kommt nur , ihr Bastarde . Nur noch ein wenig näher… Der Schlitten glitt durch das zerbrochene Fenster und in den Korridor. Finlay hämmerte auf das Steuerpult, und sein Schlitten machte einen Satz nach vorn.
Die Wolfs feuerten ihre Bordwaffen ab, aber zu spät. Die Karossen der beiden Schlitten prallten aufeinander, und die Wolfs fielen wie Kegel durcheinander. Finlay war auf den Zusammenstoß vorbereitet gewesen und hatte sich an einem Griff festgehalten. Jetzt hob er seinen Disruptor und schoß auf den gegnerischen Piloten. Der Strahl fuhr durch die Brust des Wolfs und riß ihn seitlich vom Schlitten. Die anderen griffen nach ihren Waffen, doch Finlay war bereits mitten unter ihnen und hielt das Schwert in der Hand. Er schlug wild um sich, nicht elegant, aber schnell wie der Blitz, und Blut spritzte auf.
Die Wolfs hatten weder genug Platz noch genug Zeit, ihre Schwerter zu ziehen, und mit den Disruptoren hätten sie sich wahrscheinlich nur gegenseitig erschossen. Sie wehrten sich verzweifelt, aber sie waren überrascht worden, und Finlay war der Maskierte Gladiator.
Sie hatten nicht den Hauch einer Chance.
Finlay stach den letzten Überlebenden mit kalter Berechnung nieder, trat den Körper von der Pritsche herunter und steckte sein Schwert weg. Die Schlitten der anderen Wolfs schossen vor. Die Soldaten schrien vor Wut und Ärger. Disruptorstrahlen schossen rechts und links an Finlay vorbei. Er zog den Plastiksprengstoff aus dem Gürtel, knallte ihn auf den Boden der Ladefläche, damit er haftenblieb, und aktivierte den eingebauten Näherungszünder. Dann sprang er zurück, drehte den präparierten Schlitten und steuerte ihn den heranstürmenden Gegnern entgegen. Er schätzte sorgfältig den richtigen Zeitpunkt, bevor er absprang. Finlay prallte hart auf den Boden und rollte sich hinter einem massiven Schreibtisch in Deckung. Der Schlitten krachte mitten in die Fahrzeuge der Wolfs und explodierte in einem Feuerball, der die anderen Schlitten verschlang. Minutenlang erschütterten Folgeexplosionen das Gebäude, als die Antriebe hochgingen, und ein gefährlicher Regen aus Schrapnell fetzte durch den Gang, durchsetzt mit weichen, blutigen Fetzen, die einmal die feindlichen Wolfs gewesen waren. Ein letzter Feuerball flammte auf, der rasch wieder in sich zusammenfiel und erstarb.
Finlay hatte sich hinter dem Schreibtisch ganz flach auf den Boden gelegt und die Hände fest auf die Ohren gepreßt, um sie gegen den überwältigenden Krach der Explosionen zu schützen. Als er bemerkte, daß plötzlich alles still geworden war, nahm er zögernd die Hände herunter und erhob sich eben weit genug, um über den Schreibtisch hinweg nach vorn zu spähen. Überall im Korridor waren kleinere Feuer ausgebrochen. Tote und Verwundete lagen herum, und einige von ihnen brannten. Finlay beachtete sie kaum. Er kannte sie nicht.
Jetzt zählte nur Adrienne, und sonst nichts. Er erblickte ein rotes Licht, das über der Tür blinkte, und wunderte sich warum er bisher keine Alarmglocken gehört hatte. Nur langsam dämmerte ihm, daß auch sonst nichts zu hören war. Die Alarmglocken schrillten wahrscheinlich sehr wohl, nur hatten die Explosionen ihn vorübergehend taub werden lassen. Zumindest hoffte er, daß es nur vorübergehend war. Sein Bedarf an Problemen war bereits gedeckt.
Schmerzerfüllt kämpfte er sich auf die Beine und stolperte zu seinem eigenen Schlitten, der noch immer dort schwebte, wo er ihn zurückgelassen hatte. Rings um Adrienne lagen brennende Wrackteile auf der Pritsche, aber seine Frau schien keine weiteren Verletzungen erlitten zu haben. Finlay wischte die Trümmer mit dem Arm vom Schlitten und kletterte an Bord. Die Feuer im Korridor breiteten sich rasch aus, und allmählich wurde es ungemütlich warm. Seine nackte Haut schmerzte bereits von der sengenden Hitze. Die Besitzer des Turms hätten besser Geld für eine automatische Löschanlage ausgegeben. Der Gedanke amüsierte Finlay, und er kicherte unwillkürlich. Dann riß er sich zusammen. Er blickte auf Adrienne hinunter. Das Deck, wo es nicht gebrannt hatte, war schlüpfrig von ihrem Blut, und Adriennes Hände glänzten naß und purpurn, wo sie ihre Eingeweide zusammenhielten. Ihr Gesicht war im krassen Gegensatz dazu leichenblaß. Wenigstens atmete sie noch, zwar flach, aber spürbar. Finlay setzte den Schlitten in Bewegung. Mit höchster Beschleunigung schoß er durch das zerfetzte Fenster hinaus und nahm Kurs auf den Turm der Shrecks.
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