Aber die Zeit lief gegen ihn; sie konnten warten, bis sich eine günstige Gelegenheit bot. Ihr Opfer hatte plötzlich Klauen und Zähne entwickelt, und sie waren gewarnt. So sollte es auch sein. Sie jagten schließlich nicht den berüchtigten Stutzer Finlay Feldglöck. Sie waren Kämpfer, aber er war der Maskierte Gladiator. Sie besaßen nicht seine Erfahrung eines Kampfes auf Leben und Tod. Sie waren daran gewöhnt, Angreifer zu sein, und sie waren dumm und langsam, weil sie sich auf die Stärke und Überlegenheit verließen, die ihre hohe Übermacht ihnen vorgaukelte. Finlay grinste breit, und seine Hände huschten mit neuem Selbstvertrauen über die Steuerkonsole. Der Shreck-Turm lag ganz in der Nähe, und Evangeline besaß ein Apartment dort. Er zögerte ein wenig, seine heimliche Geliebte in seine Schwierigkeiten zu verwickeln, doch ihm blieb keine andere Wahl. Adrienne lag im Sterben, und in Evangelines Apartment stand eine Regenerationsmaschine. Er hatte sie vor einiger Zeit dorthin schaffen lassen, und sie versteckte die Maschine für ihn, für den Fall, daß er in Not geriet.
Finlay besaß zwar seinen eigenen Apparat in seinem Quartier in den Katakomben der Arena, aber zu viele Leute wußten davon. Es bestand immer die Möglichkeit, daß jemand die Maschine sabotierte. Der Maskierte Gladiator hatte sich eine Menge Feinde innerhalb wie außerhalb der Arena geschaffen, die jede Gelegenheit genutzt hätten, um sich für seine vielen Siege an ihm zu rächen. Es lag nicht an ihm, sondern am Geschäft selbst. Familien, die einen geliebten Angehörigen verloren hatten, Spieler, die ein Vermögen gegen ihn gesetzt und verloren hatten… Also war er insgeheim hingegangen und hatte sich eine zweite Regenerationsmaschine besorgt. Er hatte sie im Apartment von Evangeline Shreck aufgestellt, als Reserve sozusagen, für den Notfall. Niemand würde auf die Idee kommen, dort nach ihr zu suchen, weil nämlich niemand von ihm und Evangeline wußte. Niemand durfte je etwas davon erfahren. Evangeline mußte unter allen Umständen geschützt werden, koste es, was es wolle.
Finlay verzog unglücklich das Gesicht, als ihm die Konsequenzen seiner Gedanken bewußt wurden. Er würde die Verfolger abschütteln oder töten müssen, bevor er wagen durfte, den Shreck-Turm anzusteuern. Auf der anderen Seite lief Adrienne die Zeit davon. Wenn er ihr nicht bald half, wäre alles zu spät.
Er fluchte leidenschaftslos. Finlay konnte es nicht allein schaffen, und ihm fiel nur eine einzige Person ein, die ihm vielleicht helfen würde. Eine Person, die allen Grund hatte, ihn bis ins Mark zu hassen. Er schaltete sich über sein Implantat in das Komm-Gerät des Gravschlittens und wählte eine Verbindung an, von der er noch bis vor weniger als einer Stunde geglaubt hatte, daß er sie so bald nicht mehr benutzen würde.
»Hier spricht Finlay Feldglöck, letzter Überlebender der Ersten Familie des Clans Feldglöck. Ich erbitte Loyalität, Blut um Blut. Robert, kannst du mich empfangen?«
Eine lange Pause, dann erklang plötzlich eine trockene Stimme in seinem Kopf. »Hier spricht Robert. Du hast dir eine höllisch unpassende Zeit ausgesucht, um anzurufen.«
»Es tut mir leid. Ich weiß, daß du noch immer wegen Letitia trauerst.«
»Vergiß es, ich hab’ keine Zeit zum Trauern! Hier geht alles zum Teufel! Die ganze Familie wird angegriffen! Wolfs und Feldglöcks kämpfen es unter sich aus, überall, selbst auf der Straße, bis hinunter zum entferntesten Vetter. Ich habe mich in meinem eigenen Haus verbarrikadiert. Die Wolfs haben uns die Vendetta erklärt: Tod allen Feldglöcks, bis hin zum letzten Mann, der letzten Frau und dem letzten Kind. Sie stecken unsere Fabriken und Geschäfte in Brand und greifen unsere Firmen an. Ich bin dabei, eine improvisierte Verteidigung zu organisieren, aber sie haben uns mit heruntergelassenen Hosen erwischt. Zum Glück besitze ich ein paar Freunde bei der Armee, die mir helfen. Die Behörden halten sich aus der Sache heraus und warten ab. Sie wollen sich nicht in Familienstreitigkeiten verwickeln lassen. Unterm Strich betrachtet: Wir sind in der Unterzahl, wurden überrascht, und eine Menge unserer Leute sind bereits tot. Wie sieht es bei dir aus, Finlay? Und wer ist jetzt eigentlich der Feldglöck?«
»Im Augenblick fliehe ich auf einem gestohlenen Gravschlitten um mein Leben. Die Wolfs sind mir dicht auf den Fersen und schreien nach Blut. Ich bin jetzt der Feldglöck, wenn überhaupt noch jemand. Die anderen sind alle tot. Können deine Leute helfen, wenn ich es bis zu euch schaffe?«
»Negativ, Finlay. Wir sind von allen Seiten umzingelt. Du mußt alleine klarkommen.«
Finlay lachte kurz, ein kaltes, hartes Geräusch. »Nichts ändert sich jemals. Also gut, hör zu! Ich habe Adrienne bei mir, und sie ist schwer verwundet. Ich bringe sie zum Shreck-Turm. Ich kenne dort jemanden, der ihr helfen wird. Stell jetzt keine Fragen; dazu bleibt nicht genügend Zeit. Ich werde Adrienne bei Evangeline Shreck zurücklassen und untertauchen. Wenn ich erst verschwunden bin, der letzte aus der herrschenden Familie, solltest du imstande sein, um Frieden nachzusuchen. Die Imperatorin wird der Vendetta sowieso nicht lange zusehen. Sie darf nicht zulassen, daß ein einzelner Clan so mächtig wird. Aber vorher mußt du mit deinen Leuten einen Ausbruchversuch starten, zum Shreck-Turm gehen und Adrienne schützen, bis sie wieder aufstehen kann. Ich weiß, daß ich eine ganze Menge von dir verlange, aber ich bitte nicht für mich selbst. Wirst du kommen?«
»Ich versuch’s«, erwiderte Robert. »Sie war gut zu mir. Können wir Hilfe von den Shrecks erwarten?«
»Das wage ich zu bezweifeln.«
Robert lachte auf. »Du verlangst nicht viel, was? Wohin gehst du?«
»Ich will verdammt sein, wenn ich das wüßte. Ich suche mir ein Loch und mache es hinter mir zu. Ich muß für eine Weile von der Bildfläche verschwinden. Und das bedeutet, daß du der Feldglöck wirst. Ich hab’ zwar keine Ahnung, was von dem Clan noch übrig sein wird, den du leiten wirst, wenn sich die Unruhe erst gelegt hat, aber vergiß nicht: Du hast die verdammte Pflicht, alles Nötige zu tun, um den Clan zu schützen und ihm zu dienen. Schließ einen Handel mit den Wolfs ab.
Versprich ihnen, was du willst. Die Zeit der Rache kommt später.«
»Ich werde tun, was ich kann«, erwiderte Robert. Seine Stimme klang müde und zugleich amüsiert. »Ist das nicht komisch? Ich bin jetzt der Feldglöck? Nach allem, was auf der Hochzeit passiert ist! Ich war soweit, mich von der Familie zu trennen, einen neuen Namen anzunehmen und mein Leben bei der Armee zu verbringen. Aber das geht jetzt nicht mehr, wie?
Die Familie hat mich wieder in ihren verdammten Klauen.
Also gut, Finlay. Ich werde mit einigen Freunden beim Militär sprechen. Vielleicht können sie mir Deckung geben, wenn ich durch das Chaos in den Straßen zum Shreck-Turm gehe. Ich komme, so schnell ich kann.«
Finlays Komm-Implantat schaltete sich ab, und er kaute nachdenklich auf der Innenseite seiner Backe. Nicht soviel Hilfe, wie er sich erhofft hatte, aber immerhin mehr, als er nach der Lage der Dinge erwarten durfte. Die Familie hatte Robert ziemlich mies behandelt. Finlay lächelte dünn. Hoffentlich würde Robert die Familie besser behandeln, nun, da er der Feldglöck war. Er blickte auf die Steuerkonsole des Schlittens und registrierte zufrieden, daß das Gerät noch immer mit Höchstgeschwindigkeit flog. Finlay wußte, daß die Maschine der Beanspruchung nicht lange standhalten konnte.
Gravschlitten waren nicht für derart extremen Gebrauch konstruiert. Er zuckte innerlich mit den Schultern. Entweder hielt der Schlitten durch oder nicht. Es lag nicht in seiner Hand, und er konnte sich nicht leisten, deshalb besorgt zu sein. Er mußte nachdenken.
Wenn es ihm gelang, Adrienne sicher zum Turm der Shrecks und zu Evangeline zu bringen, dann konnte er vielleicht einen Ausweg aus diesem Chaos finden. Er warf einen Blick über die Schulter. Die Schlitten seiner Verfolger hingen noch immer hinter ihm, aber sie hielten vorsichtigen Abstand.
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