Owen beeilte sich, ihm zu folgen, und seine Kameraden hasteten hinter den beiden Todtsteltzern her.
»Historiker!« brummte Giles nachdenklich. »Jetzt erzähl mal, wie weit ist die Wissenschaft während meiner Abwesenheit fortgeschritten? Benutzt ihr immer noch Disruptoren?«
»Jawohl, Sir, äh… Giles. Das Imperium hat Wissenschaft und Forschung all die Jahrhunderte sorgfältig unter Kontrolle gehalten. Es trägt zur Stabilisierung bei und reserviert allen Fortschritt für die herrschende Klasse. Eigentlich ein recht primitiver Weg, um die Macht zu erhalten. Wir benutzen noch immer Disruptorpistolen. Die Nachladezeiten haben sich allerdings auf zwei Minuten verringert.«
Giles rümpfte die Nase. »Ich schätze, das ist wirklich ein Fortschritt. Energiepistolen. Kleine Blitzwerfer. Mächtige Waffen, aber von eingeschränktem Nutzwert. Projektilwaffen sind viel flexibler, aber sie waren schon damals dabei, sie im gesamten Imperium zu verbannen, als ich in aller Eile verschwinden mußte. Die Aristokratie wollte, daß man sie ausrottet. Sie waren zu einfach herzustellen, zu einfach zu benutzen, und sie bedeuteten viel zuviel Macht in den Händen der niederen Stände. Energiewaffen sind anders. Ihre Produktion kostet viel Geld, und ihre Herstellung ist alles andere als einfach. Also ersetzt man einfach Projektilwaffen durch Energiewaffen, und schon befinden sich die einzig nützlichen Waffen ganz automatisch in den Händen der herrschenden Klassen und ihrer Schergen. Gut gedacht. Aber ich persönlich hielt nie etwas von dieser Idee, und das ist mindestens zum Teil der Grund, warum ich hier geendet bin.«
Er blieb vor dem Portal stehen und befahl »Waffenkammer!« Dann trat er hindurch und verschwand. Owen warf seinen Begleitern einen Blick zu.
»Und? Was denkt Ihr darüber? Folgen wir ihm?«
»Er ist schließlich dein Vorfahre«, brummte Hazel. »Können wir ihm vertrauen?«
»Ich weiß es nicht. Er ist nicht gerade das, was ich erwartet habe.«
»Seht es einmal so«, meldete sich Jakob Ohnesorg. »Welche andere Wahl bleibt uns? Ohne seine Hilfe finden wir nicht einmal den Ausgang.«
Er trat durch das Portal, und der Rest der Gruppe folgte ihm.
Owen ging als letzter. Als er auf der anderen Seite wieder herauskam, fiel ihm vor Staunen die Kinnlade herab. Er befand sich in einer weiteren gewaltigen Halle, die sich, so weit das Auge reichte, vor ihm ausdehnte. Die Wände waren mit mehr verschiedenen Arten von Waffen bedeckt, als er je zuvor in seinem Leben zu sehen bekommen hatte. Handwaffen und Gewehre aller Größen und Kaliber, einschließlich einiger, deren Gewicht alleine bestimmt zwei Mann zur Bedienung und zum Transport erforderte. Und was das bemerkenswerteste war: keine einzige schien eine Energiewaffe zu sein.
»Was zur Hölle ist das?« flüsterte Hazel neben ihm.
»Projektilwaffen?« vermutete Owen. »Ich habe Holos in einigen älteren Archiven gesehen. Sie sind effektiv und einfach zu bedienen, aber verdammt nutzlos gegen EnergieSchilde.
Sie schießen ungenauer und besitzen eine viel geringere Reichweite als Energiewaffen, deswegen wurden sie ja auch gegen Disruptoren ausgetauscht. So lautet jedenfalls die offizielle Version der Geschichte.«
»Sie ist nicht ganz unwahr«, erklärte Giles. »Ein Disruptor ist jeder Projektilwaffe überlegen, aber auf der anderen Seite benötigen Projektilwaffen keine zwei Minuten, um nachzuladen. Man kann Schuß auf Schuß abgeben, solange die Munition ausreicht. Ihr wärt überrascht, wenn ihr sehen könntet, wieviel Schaden eine Salve von tausend Schuß pro Minute anrichten kann. Ich lagere hier Waffen für jede Einsatzmöglichkeit, kleine und große. Ich besitze Waffen, mit denen man einen einzelnen Mann aus einer Entfernung von mehr als drei Kilometern mitten aus einer Gruppe heraus niederschießen kann, und andere, die ganze Städte dem Erdboden gleichmachen können.«
»Außer, wenn sie durch Energieschirme geschützt sind«, warf Owen ein.
Giles grinste ihn an. »Schon besser, Junge. Wenigstens denken kannst du wie ein Krieger. Energieschilde sind eine feine Sache, aber auch sie besitzen eine eingebaute Schwachstelle.
Sie halten nur so lange wie die Energiekristalle, die sie versorgen. Und wenn die Kristalle erst mal erschöpft sind, dauert es eine Ewigkeit, sie wieder aufzuladen. Also muß man lediglich einen konstanten Beschuß durchhalten und geduldig warten, und dann…«Er gestikulierte großartig in Richtung von Owens Kameraden. »Seht Euch nur um. Seht nach, ob nicht auch etwas Passendes für Euch dabei ist. Du nicht, junger Todtsteltzer. Du bleibst bei mir, mein Junge.«
Er wartete, bis die anderen weg waren, dann wandte er sich wieder zu Owen und senkte die Stimme zu einem Flüstern.
»Jetzt erzähl mal. Wie groß ist deine Armee? Wie viele Leute muß ich mit Waffen ausrüsten?«
Owen sah seinen Vorfahren verblüfft an. »Genaugenommen besitze ich keine Armee. Es gibt nur mich selbst und meine Partner hier. Unser Schiff ist nicht weit von der Burg entfernt in den Dschungel gestürzt. Es ist nur noch ein Wrack. Wir sind alle, und wir sind allein.«
Giles schürzte die Lippen und nickte langsam. »Todtsteltzerglück. Typisch. Immer im Pech. Zum Glück für dich besitze ich ein Schiff, Junge. Wie stark sind die Truppen auf deinen Fersen? Ich gehe doch recht in der Annahme, daß das Imperium dicht auf deinen Fersen war, als du hierhergekommen bist?«
»Jawohl Sir, äh… Giles. Zwei Imperiale Sternenkreuzer.«
Giles blickte ihn zum ersten Mal mit einem gewissen Respekt an. »Gar nicht schlecht. Aber mach dir keine Sorgen Wir werden von hier verschwunden sein, lange bevor sie uns finden können. Erzähl mir von deinen Freunden, Junge. Sind sie gute Kämpfer? Verläßlich?«
»Sie sind die besten. Hazel d’Ark ist eine ehemalige Piratin und Klonpascherin. Ruby Reise ist eine berüchtigte Kopfgeldjägerin, Jakob Ohnesorg ist ein Berufsrebell, und der beunruhigend aussehende Mann dort ist Tobias Mond. Er ist ein aufgerüsteter Mensch.«
»Ein Kyborg? Als ich verschwinden mußte, waren Kyborgs noch im Experimentalstadium. Taugt er etwas im Kampf?«
Owen grinste. »Mond nimmt es mit jedem auf. Wirklich jedem. Aber ich an deiner Stelle würde ihm nicht zu häufig den Rücken zukehren. Aufgerüstete Männer haben oft ihre eigenen, geheimen Pläne.«
»Kann ich mich denn auf deine Kameraden verlassen? Folgen sie Befehlen?«
»Vielleicht. Schließlich sind sie Gesetzlose wie ich. Und wie du, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Wenn du sie überzeugst, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, mit dir zusammenzuarbeiten, dann folgen sie dir auch. Aber wenn du meinst, du müßtest ihnen nur Befehle erteilen und schon würden sie vor dir in Habacht springen, dann täuschst du dich. Sie haben für Autoritäten im allgemeinen und Aristokraten im besonderen keinerlei Sympathien übrig. Aber sie sind gute Leute. Meistenteils.«
»Und was ist mit dir, Owen Todtsteltzer? Du bist Historiker? Kannst du wenigstens kämpfen?«
»Ich schlage mich ganz gut«, erwiderte Owen mit fester Stimme. »Ich wurde von den besten Lehrern ausgebildet, und ich habe den Zorn . Ich kann alleine auf mich aufpassen.«
»Du hast den Zorn ? Das ist noch so eine Sache, mit der meine Leute herumexperimentierten, als ich verschwand. Du steckst voller Überraschungen, Junge. Unglücklicherweise habe ich aber auch eine für dich. Nach meinen Lektronen zu urteilen ist in diesem Augenblick ein Imperialer Sternenkreuzer in einen Orbit um Shandrakor eingeschwenkt. Die Burg ist vor ihren Sensoren abgeschirmt, es sei denn, sie haben ihre Ortungstechnologie seit meinen Tagen radikal verbessert - aber dein Wrack ist es nicht. Sie werden sicher nicht lange brauchen, um es zu entdecken. Anschließend werden sie schwerbewaffnete Truppen landen und nach Überlebenden suchen. Ich habe deine KI inzwischen in die Systeme der Burg überspielt; ziemlich fortgeschrittenes System übrigens, aber bei weitem nicht so schlau, wie sie meint.«
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