Die anderen kamen herbei und sammelten sich um ihn.
»Und was machen wir jetzt?« fragte Ruby Reise.
»Wir klopfen«, erwiderte Ohnesorg. »Ganz einfach. Und ganz höflich.«
»Das werden wir wohl auch müssen«, stimmte Owen ihm zu. »Ich kann keinen Türgriff oder Sensor erkennen.«
»Wahrscheinlich haben sie hier draußen nicht so häufig Besuch«, sagte Ohnesorg.
»Ich will ja niemanden beunruhigen«, meldete sich Hazel plötzlich. »Aber der Schild hat sich hinter uns wieder geschlossen. Wir sitzen in der Falle.«
»Für jemanden, der keinen beunruhigen will, habt Ihr Euch aber ziemlich viel Mühe gegeben«, sagte Owen.
»Ich könnte die Tür aufbrechen«, meldete sich Tobias Mond mit seiner summenden Stimme zu Wort.
»Danke für den Vorschlag, aber ich schätze, das werden wir bleiben lassen«, erwiderte Owen. »Wir wollen doch keinen schlechten Eindruck erwecken, oder? Diese Energiewaffen sind ganz bestimmt noch immer auf uns gerichtet, und ich habe keine Lust, wen auch immer an den Kontrollen nervös zu machen. Wenn Ihr Euch nützlich machen wollt, Mond, dann versucht doch mit der Burg in Kontakt zu treten. Wenn es im Innern so etwas wie Lektronen gibt, könnt Ihr vielleicht mit ihnen reden.«
Mond nickte und legte die Stirn in leichte Falten, als er sich konzentrierte. In diesem Augenblick verschwand fast alles Menschenähnliche aus dem von den blitzenden goldenen Augen beherrschten Gesicht des Hadenmanns. Owen kämpfte gegen den unwillkürlichen Impuls zu erschauern. Dann wurde Monds Gesicht wieder klar, und er blickte Owen an. »Nichts.
Wenn es dort drinnen Lektronen gibt, dann hören sie entweder nicht zu, oder sie antworten einfach nicht.«
»Zeig den Sensoren doch einfach noch mal deinen Ring«, schlug Hazel vor. »Letztes Mal haben sie ja auch darauf reagiert.«
Owen hob seine Hand in Richtung der Fenster über der Tür und versuchte, selbstbewußt dreinzuschauen. Kein Licht zeigte sich, und er stand eben im Begriff, seine Hand resignierend zurückzuziehen, als er sich plötzlich woanders wiederfand. Es hatte keine Warnung gegeben, kein Gefühl von Bewegung, nichts: Im einen Augenblick hatte er noch vor dem verschlossenen Tor gestanden, und im nächsten befand er sich in einer großen Halle, höchstwahrscheinlich im Innern der Burg. Die Halle erstreckte sich vor ihm, unglaublich lang und breit und vollkommen leer. Hier hätte eine ganze Armee üben können oder ein Clan eine Vollversammlung einberufen, aber es gab keinerlei Zeichen von Leben, mit Ausnahme der Beleuchtung, die hoch oben an der Decke brannte. Der gewaltige marmorne Kamin war kalt, doch der Fußboden konnte erst vor kurzem gebohnert und poliert worden sein, denn nirgendwo fand sich auch nur eine Spur von Staub. Ganz plötzlich waren auch die anderen in der Halle bei ihm, und sie blickten genauso verwirrt drein, wie er sich fühlte.
»Was zur Hölle war das?« fragte Hazel ungläubig. Ihre Hand fiel in einem Reflex auf die Pistole an ihrer Hüfte.
»Ein Transferportal«, erwiderte Owen. »Ich habe davon gehört, aber ich hätte niemals erwartet, ein funktionierendes Portal vorzufinden. Sie wurden vor Jahrhunderten geschaffen; Teleportation von einem Ort zum anderen, um der Aristokratie die Mühen und Strapazen körperlicher Bewegung zu ersparen. Aber sie setzten sich nicht durch, weil sie so unglaublich viel Energie verbrauchten. Und weil sie ein Alptraum waren, was die Sicherheit anging. Dann tauchten die ersten Esper auf und ersetzten die Portale. Keine Energiequelle war mehr nötig, und sie waren viel billiger. Das Imperium zieht seit jeher Sklavenarbeit Maschinen vor. Jedenfalls muß diese Burg eine unglaubliche Energiequelle besitzen, wenn das Transferportal nach all den Jahren noch funktioniert.«
»Neunhundertvierzig«, sagte Ohnesorg. »Neunhundertvierzig Jahre! Wer immer diese Burg errichtet hat, sie wurde gebaut, um eine Ewigkeit zu überdauern.«
»Mir kommt da gerade ein ziemlich übler Gedanke«, mischte sich Hazel leise ein. »Wenn diese Burg von Lektronen gewartet wird – kann es dann nicht sein, daß die KIs von Shub sie übernommen haben? Sie sollen eine Menge Technologie besitzen, die wir nicht haben.«
»Ihr habt recht«, sagte Owen. »Das ist wirklich ein schlimmer Gedanke. Wenn Ihr noch mehr davon habt, behaltet sie ruhig für Euch, Hazel d’Ark. Auch ohne Eure Schwarzmalerei ist es in Anbetracht unserer Situation schon schwer genug, keine chronische Paranoia zu entwickeln. Wir sind ziemlich weit von Shub weg, und nach dem, was mir zu Ohren gekommen ist, hat man die Feinde der Menschheit sicher hinter einer Imperialen Blockade isoliert. Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich vorschlagen, daß wir uns lieber auf unsere aktuellen Probleme konzentrieren.«
»Du hast uns hergebracht, Todtsteltzer«, sagte Ruby Reise.
»Was hältst du davon, wenn du uns jetzt zu deinem Vorfahren führst? Mir brennen ein paar Fragen auf der Zunge, die ich ihm liebend gern stellen würde.«
»Also gut«, antwortete Owen und tat sein Bestes, um Zuversicht auszustrahlen. »Dann folgt mir bitte.«
Er stapfte durch den gewaltigen Saal davon, und das Echo seiner Schritte hallte laut und unnatürlich durch die Stille. Die anderen beeilten sich, ihm zu folgen. Keiner verspürte den Wunsch zurückzubleiben, und alle gaben sich die größte Mühe, lässig und unbeeindruckt zu erscheinen. Owen hakte die Hand unauffällig hinter seiner Pistole in den Gürtel. Er war nicht sicher, was er in der legendären Fluchtburg seines Vorfahren zu finden erwartet hatte, aber das hier jedenfalls nicht.
Diese gewaltige Burg sah ganz und gar nicht nach der letzten Zuflucht eines verzweifelten Mannes aus, der von allen gejagt und bis zu diesem Planeten fernab jeder Zivilisation verfolgt worden war. Das hier war ein Stützpunkt, eine Machtbasis, wie geschaffen, um selbst gegen die größte Übermacht zu bestehen; ein Platz, von dem aus man zurückschlug. Aber der Erste Todtsteltzer hatte es nie getan. All diese Macht in seinen Händen, doch er hatte beschlossen, sich in ein Stasisfeld zu begeben und auf ein Erwachen zu warten, das niemals kam.
Owen runzelte die Stirn. Wahrscheinlich war das Imperium auch damals schon ein so übermächtiger Gegner gewesen wie heute; andererseits bemächtigte sich seiner allmählich das Gefühl, auch nicht die Hälfte der Geschichte zu kennen, trotz all seiner Nachforschungen. Er stapfte weiter, bemüht,
gegenüber seinen Kameraden zuversichtlich und gleichzeitig für keinen unerkannten Beobachter bedrohlich zu wirken. Owen war sich verdammt sicher, daß die Todtsteltzer-Fluchtburg in ihrem Innern mindestens genauso viele Sicherheitseinrichtungen besaß wie nach außen hin.
Ohne Zwischenfall erreichte er das andere Ende der Halle, trat durch eine offene Tür und fand sich an einem Ort wieder, der ganz sicher nicht an die Empfangshalle grenzte. Anscheinend war er durch ein weiteres Transferportal gegangen. Es dauerte nicht lange, bis Owen und seine Kameraden zwei wichtige Details über diese Portale erkannten: Erstens, jede Tür und jeder Durchgang in dieser Burg war ein Portal, das einen an einen unerwarteten Ort beförderte. Und zweitens, man kam, wenn man das gleiche Portal in umgekehrter Richtung betrat, nicht wieder am Ausgangsort heraus. Also blieb der Gruppe nichts weiter übrig, als orientierungslos von Raum zu Raum zu gehen und sich immer tiefer im Labyrinth der Burg zu verirren. Owen behielt eine grobe Übersicht durch seinen inneren Kompaß, aber er hatte wirklich keine Ahnung, wo innerhalb der Burg er sich zu einem gegebenen Zeitpunkt eigentlich aufhielt. Oder wie er wieder nach draußen gelangen konnte. Alle Räume befanden sich in perfektem Zustand und waren hell erleuchtet, aber absolut überhaupt nichts deutete darauf hin, daß jemals Menschen in ihnen gelebt hatten. In Owen wuchs die Überzeugung, daß sie die ganze Zeit über unter Beobachtung standen, doch er entdeckte nichts, das er als Sensor identifizieren konnte. Wer auch immer die Portale kontrollierte – er hatte ganz sicher einen Plan, zu welchem Ort er Owen und seine Kameraden führen wollte. Aber warum und wohin blieb ihnen verborgen.
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