»Nein, wirklich, es stimmt. Hier, ich will es dir zeigen. Ich werde Feuer machen.«
Richard streckte seine Hand aus. Er rief die Kraft aus seiner ruhenden Mitte herbei. So sehr er sich auch mühte, nichts geschah. Er brachte nicht einmal einen Funken zustande. Er seufzte, während Gratch vor Lachen heulte und amüsiert mit den Flügeln schlug.
Dann überkam ihn plötzlich eine Erinnerung — etwas, das Denna zu ihm gesagt hatte. Er hatte sie gefragt, wie sie all die Dinge mit Magie getan hatte. Sie hatte ihn mit diesem allwissenden, friedlichen Lächeln angesehen und gesagt: Sei stolz, daß du die richtigen Entscheidungen getroffen hast, Richard, die Entscheidungen, die zu dem geführt haben, was geschehen ist, doch lasse keine Überheblichkeit in dein Herz, indem du glaubst, alles was geschehen ist, sei dein Werk .
Richard wurde bewußt, daß er noch eine Menge zu lernen hatte, bevor er ein richtiger Zauberer wäre. Er war nicht einmal sicher, ob er Zauberer sein wollte, doch jetzt akzeptierte er, wer er war — jemand, der mit der Gabe geboren worden war, der geboren war, ein Kiesel im Teich zu sein, der Sohn des Darken Rahl, der dennoch das Glück hatte, von Menschen großgezogen zu werden, die ihn liebten. Er spürte das Heft seines Schwertes an seinem Ellenbogen. Für ihn war es geschaffen worden.
Er war der Sucher. Der wahre Sucher.
In Gedanken streifte Richard noch einmal jene Seele, die ihm in seinem Leben mehr Glück als Qualen gebracht hatte. Er war zutiefst dankbar dafür, daß Denna ihren Frieden gefunden hatte. Mehr konnte er sich für sie nicht wünschen, für einen Menschen, den er liebte.
Er löste sich aus seinen Gedanken und tätschelte Gars Arm. »Warte hier eine Minute, Gratch. Ich geh dir etwas holen.«
Richard lief in die Küche und besorgte eine Lammkeule. Als er zurükkam und die Treppen hinabrannte, hüpfte Gratch vor Aufregung von einem Bein aufs andere. Zusammen saßen sie auf den Stufen, Richard aß seine Suppe, und Gratch machte sich über das Fleisch her.
Als sie aufgegessen hatten — Gratch hatte sogar den Knochen verspeist –, zog Richard eine lange Locke von Kahlans Haar heraus.
»Die gehört der Frau, die ich liebe.« Gratch überlegte, dann hob er den Kopf und streckte vorsichtig die Hand aus. »Ich möchte, daß du sie bekommst. Ich habe ihr von dir erzählt und davon, was du mir bedeutest. Sie wird dich ebenso lieben, wie ich dich liebe, Gratch. Sie wird dich niemals davonjagen. Du kannst bei uns sein, wann immer du willst, solange du willst. Warte, gib sie mir einen Augenblick zurück.«
Gratch hielt ihm die Haarsträhne hin. Richard nahm den Lederriemen ab, an dem Scarlets Zahn befestigt war. Er nützte ihm nichts mehr, er hatte sie bereits damit gerufen. Er befestigte die lange Haarlocke am Riemen, dann hängte er das Ganze Gratch um den Kopf.
Mit einer Kralle strich Gratch über das lange Haar. Als er grinste, kräuselte sich seine Nase, und seine Reißzähne waren in ihrer vollen Länge zu sehen.
»Ich werde jetzt zu ihr gehen. Möchtest du mitkommen?«
Gratch nickte begeistert, sein Kopf hob und senkte sich, seine Ohren zuckten, er flatterte mit den Flügeln.
Richard sah hinunter auf die Stadt. Truppen zogen umher. Eine Menge Truppen. Truppen der Imperialen Ordnung. Es würde nicht lange dauern, bis sie den Mut fassen würden, den Tod des Rats zu untersuchen — selbst wenn dabei ein Zauberer seine Hand im Spiel gehabt hatte. Richard mußte lächeln. »Dann sollte ich mir wohl ein Pferd besorgen, damit wir aufbrechen können. Ich halte es für das Beste, wenn wir von hier verschwinden.« Er blickte hinaus in den heller werdenden Tag. Eine Brise mit einem Hauch von Wärme bauschte sein Mriswith-Cape auf. Nicht mehr lange, und es würde Frühling sein.