»Die Leiche gehört der Labrador-Transmat«, erwiderte Krug. »Laß sie einfrieren, verwahre sie, solange das Verfahren läuft.« Zu Spaulding sagte er: »Stehen Sie auf! Ich werde in New York erwartet. Sie kommen mit mir!«
Während er auf das Kontrollzentrum zuging, vollzog Watchman zweimal den Ritus des Ausbalancierens der Seele, bevor die Dumpfheit ihn zu verlassen begann. Der häßliche Ausgang seiner List betäubte ihn noch immer. Als er sein Büro erreichte, machte Watchman achtmal hintereinander das Zeichen des Krug-sei-gepriesen und rezitierte die Hälfte der Sequenz des genetischen Codes. Diese Andachtübungen beruhigten ihn. Er rief San Francisco an, das Büro von Fearon & Doheny, Krugs Anwälte für Haftpflichtsachen. Auf dem Schirm erschien Lou Fearon, der jüngere Bruder des Senators der Absterbe Partei, und Watchman erzählte ihm die Geschichte.
»Warum hat Spaulding geschossen?« fragte Fearon.
»Hysterie, Dummheit, Erregung.«
»Krug hatte ihm nicht befohlen zu schießen?«
»Keineswegs. Um einen Meter hätte der Bolzen Krug selbst getötet, und er war nicht in Gefahr.«
»Zeugen?«
»Niccolò Vargas, ich selbst, der andere AGP-Alpha, sowie verschiedene Betas und Gammas, die dabeistanden. Soll ich ihre Namen besorgen?«
»Das hat keinen Zweck«, erwiderte der Anwalt. »Sie wissen, was die Aussage eines Betas wert ist. Wo ist Vargas jetzt?«
»Noch immer hier. Ich denke, er geht bald zurück in sein Observatorium.«
»Sagen Sie ihm, er soll mich später anrufen. Ich werde mit dem Transmat heraufkommen und seine Aussage aufnehmen. Was den Alpha betrifft…«
»Kümmern Sie sich nicht um ihn«, riet Watchman.
»Warum?«
»Er ist ein politischer Fanatiker. Er wird versuchen, Kapital aus der Sache zu schlagen. Sie sollten ihn aus dem Fall heraushalten, wenn Sie können.«
»Er war Zeuge«, sagte Fearon. »Er muß vorgeladen werden. Ich werde ihn irgendwie neutralisieren. Wissen Sie, wem er gehört?«
»Dem Eigentumschutz von Buenos Aires.«
»Wir haben für sie gearbeitet. Ich werde Joe Doheny anrufen und ihn für Krug kaufen lassen. Er kann Krug kaum Schwierigkeiten bereiten, wenn er ihm gehört…«
»Nein«, sagte Watchman. »Ein schlechter Zug. Sie überraschen mich, Lou.«
»Warum?«
»Dieser Alpha ist ein AGP-Mann. Er ist sehr empfindlich in bezug auf den Status der Androiden. Wir schießen seine Begleiterin ohne Warnung nieder, und dann versuchen wir sein Schweigen zu erkaufen? Wie hört sich das an? Wir treiben der AGP innerhalb von zwölf Stunden, nachdem er der Presse eine Erklärung abgegeben hat, zehn Millionen neue Mitglieder in die Arme.«
Fearon nickte mißmutig. »Natürlich. Natürlich. Sie haben recht, Thor. Wie würden Sie handeln?«
»Lassen Sie mich mit ihm sprechen«, sagte Watchman. »Von Android zu Android. Ich werde irgendwie mit ihm fertig werden.«
»Ich hoffe es. Inzwischen rufe ich die Labrador-Transmat an und stelle fest, wieviel sie an Schadenersatz verlangen für den Verlust ihrer Alphafrau. Das werden wir schnell regeln. Sagen Sie Krug, er soll sich keine Sorgen machen. Nächste Woche ist der Fall gelaufen, als wäre die ganze Sache nicht geschehen.«
Abgesehen davon, daß ein Alpha tot ist, dachte Watchman und unterbrach die Verbindung.
Er ging hinaus. Der Schnee fiel dichter. Die Gammatrupps hielten das ganze Gebiet schneefrei bis auf einen Kreis von etwa fünfzig Metern um die Stelle, wo die Leiche von Kassandra Nucleus lag. Sie vermieden den Bereich sorgfältig. Eine dünne Schneedecke bedeckte jetzt ihren Körper. Neben ihr stand bewegungslos, immer weißer werdend, Siegfried Fileclerk. Watchman ging zu ihm.
»Ihr Besitzer ist informiert worden«, sagte er. »Ich werde sie von einigen Gammas in das Lager bringen lassen, bis sie abgeholt wird.«
»Lassen Sie sie hier«, sagte Fileclerk.
»Warum?«
»Genau hier, wo sie gefallen ist. Ich wünsche, daß jeder Android, der hier arbeitet, ihre Leiche sieht. Nur von einem Mord wie diesem hören, genügt nicht. Ich wünsche, daß man sie s i eht!«
Watchman betrachtete die tote Alpha. Offenbar hatte Fileclerk ihr Gewand geöffnet. Ihre Brüste waren unbedeckt, und der Einschuß des Bolzens war sichtbar zwischen ihnen.
»Sie kann nicht hier im Schnee liegenbleiben«, sagte er.
Fileclerk preßte die Lippen zusammen. »Ich will, daß man sie sieht! Watchman, das war Mord. Ein politischer Mord!«
»Seien Sie nicht albern!«
»Krug rief seinen Henker herbei und ließ sie niederschießen, weil sie das Verbrechen begangen hatte, ihn um seine Unterstützung zu bitten. Wir beide haben es gesehen. Sie hat ihn nicht bedroht. In ihrem Eifer kam sie ihm zu nahe, während sie ihm unseren Standpunkt darlegte. Das ist alles. Dennoch hat er sie töten lassen.«
»Eine völlig irrationale Interpretation«, sagte Watchman. »Krug hätte nichts gewonnen, wenn er sie hätte töten lassen. Im Gegenteil. Er sieht in der Androiden-Gleichheits-Partei eine unangenehme Belästigung, aber keine Bedrohung. Wenn er einen Grund hätte, AGP-Leute zu töten, warum hätte er Sie dann leben lassen sollen? Ein weiterer schneller Schuß, und Sie wären ihr gefolgt.«
»Warum aber wurde sie dann getötet?«
»Ein Irrtum«, sagte Watchman. »Der Täter war Krugs Privatsekretär. Ihm war berichtet worden, Mörder unternähmen einen Anschlag auf Krugs Leben. Als er den Schauplatz erreichte, sah er, daß sie mit Krug rang. Es sah höchst verdächtig aus; ich hatte zunächst denselben Eindruck wie er. Ohne zu zögern schoß er.«
»Auch dann«, erwiderte Fileclerk, »hätte er auf ihr Bein zielen können. Er ist bekannt als guter Schütze. Statt zu verwunden, tötete er. Er hat mit Absicht auf die Brust gezielt. Warum? Warum?«
»Ein Charakterfehler. Er ist Ektogene; er hegt starke Vorurteile gegen die Androiden. Wenige Augenblicke zuvor ist es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen ihm, mir und einigen anderen Androiden gekommen, und er mußte klein beigeben. Er ist voller Ressentiments, und diesesmal ist er übergekocht. Als er sah, daß der angebliche Mörder ein Androide war, schoß er, um zu töten.«
»Ich verstehe.«
»Es war seine persönliche Entscheidung. Krug hat ihm überhaupt keinen Befehl zum Schießen gegeben, geschweige denn zum Schießen, um zu töten.«
Fileclerk wischte Schnee von seinem Gesicht. »Nun, was wird geschehen, um diesen Ektogenen für seinen Mord zu bestrafen?«
»Krug wird ihm einen scharfen Verweis erteilen.«
»Ich spreche von gerichtlicher Bestrafung. Auf Mord steht doch Auslöschung der Persönlichkeit?«
Seufzend sagte Watchman: »Für Mord an einem Menschen, ja. Der Ektogene hat lediglich der Labrador-Transmat-Gesellschaft gehörendes Eigentum zerstört. Es kommt zu einer Zivilklage; Labrador-Transmat wird vor Gericht Schadenersatz beanspruchen, und Krug hat bereits seine Verantwortlichkeit anerkannt. Er wird ihren vollen Preis bezahlen oder Ersatz liefern.«
»Ersatz liefern! Ihren vollen Preis bezahlen! Ihren vollen Preis! Eine Zivilklage! Krug soll zahlen! Und was zahlt der Mörder! Nichts. Nichts! Er wird nicht einmal angeklagt. Alpha Watchman, sind Sie wirklich ein Android?«
»Sie können Einsicht nehmen in meine Fabrikationsakte.«
»Ich bin verwundert. Sie sehen synthetisch aus, aber Sie denken wie ein Mensch.«
»Ich bin synthetisch, Alpha Fileclerk. Ich versichere Sie.«
»Aber kastriert?«
»Mein Körper ist vollständig.«
»Ich sprach in Metaphern. Sie sind auf irgendeine Weise manipuliert worden, den menschlichen Standpunkt gegen unsere eigenen Interessen einzunehmen.«
»Ich habe nichts anderes durchgemacht als das normale Androidentraining.«
»Aber Krug scheint nicht nur Ihren Körper, sondern auch Ihre Seele gekauft zu haben.«
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