Leon Spaulding wurde dann empfangen in einer Retorte und ausgetragen in einer Stahlplacenta, von der er nach den üblichen 266 Tagen ausgestoßen wurde. Vom Augenblick seiner Geburt an besaß er die vollen Rechte eines Menschen, einschließlich des Anspruchs auf das Vermögen seiner Eltern. Doch wie die meisten Ektogenen empfand er Unbehagen über die schattenhafte Grenzlinie, die den aus der Flasche Geborenen von dem aus der Retorte Geborenen trennte, und steigerte sein eigenes Existenzgefühl, indem er Verachtung gegenüber jenen zeigte, die vollkommen synthetischer Abstammung waren und nicht die künstlich empfangene Frucht natürlicher Fortpflanzungszellen. Androiden machten sich keine Illusionen, Eltern gehabt zu haben; Ektogene argwöhnten oft, daß sie keine hatten. In gewissem Sinne bemitleidete Watchman Spaulding, der auf einem dornigen Ast inmitten zwischen der Welt des vollkommen Natürlichen und der Welt des vollkommen Künstlichen saß. Doch er konnte kein Bedauern aufbringen für die Fehleinschätzung des Ektogenen.
Auf jeden Fall wäre es eine Katastrophe, wenn Spaulding in die Kapelle eindringen würde. Um Zeit zu gewinnen, sagte Watchman: »Wir können das leicht in Ordnung bringen. Warten Sie hier, ich gehe hinein, um zu sehen, was drinnen vor sich geht.«
»Ich werde Sie begleiten«, sagte Spaulding.
»Diese Betas sagen, es wäre gefährlich.«
»Gefährlicher für mich als für Sie? Wir gehen beide hinein, Watchman.«
Der Androide runzelte die Stirn. Was ihren Status in der Organisation betraf, waren er und Spaulding gleichgestellt; keiner von beiden konnte den anderen zu etwas zwingen, keiner konnte den anderen der Insubordination beschuldigen. Doch die Tatsache blieb, daß er ein Androide war, und Spaulding ein Mensch, und in allen Konflikten zwischen Androiden und Menschen war der Android verpflichtet, nachzugeben. Spaulding ging bereits auf den Eingang zu.
Watchman rief ihm nach: »Bitte. Nicht. Wenn ein Risiko besteht, lassen Sie es mich auf mich nehmen. Ich werde das Gebäude überprüfen und sicherstellen, daß Sie es ohne Gefahr betreten können. Kommen Sie erst, wenn ich Sie rufe.«
»Ich bestehe darauf…«
»Was würde Krug sagen, wenn er erführe, daß wir ein Gebäude betreten haben, nachdem man uns gewarnt hatte, es sei gefährlich? Wir schulden es ihm, unser Leben zu erhalten. Warten Sie. Warten Sie. Nur einen Augenblick.«
»Nun gut«, sagte Spaulding mürrisch.
Die Betas traten auseinander, um Watchman durchzulassen. Der Alpha eilte in die Kapelle. Drinnen fand er drei Gammas vor dem Altar in der Haltung der Nachgeberkaste; ein Beta stand über ihnen in der Haltung der Projektoren, und ein zweiter Beta kauerte an der Mauer, mit den Fingerspitzen das Hologramm Krugs berührend und die Worte des Übergängerrituals flüsternd. Alle fünf nahmen Haltung an, als Watchman eintrat.
Der Alpha improvisierte rasch eine Ablenkungstaktik.
Dem einen der Gammas winkend, sagte er: »Draußen ist ein Feind. Mit eurer Hilfe werden wir ihn verwirren.« Watchman gab dem Gamma genaue Instruktion, befahl ihm, sie zu wiederholen. Dann deutete er auf den rückwärtigen Ausgang der Kapelle hinter dem Altar, und der Gamma ging hinaus.
Nach einem kurzen Gebet kehrte Watchman zu Leon Spaulding zurück.
»Man hat Ihnen die volle Wahrheit gesagt«, berichtete der Alpha. »Dies ist in der Tat ein Teil der Gefrieranlage. Drinnen ist ein Team von Mechanikern mit schwierigen Gradkorrekturen beschäftigt. Wenn Sie hineingehen, werden Sie sie sicher stören, und außerdem setzen Sie sich Temperaturen von minus…«
»Ich wünsche trotzdem hineinzugehen«, sagte Spaulding. »Bitte lassen Sie mich durch.«
Watchman erblickte seinen Gamma, der sich atemlos von Osten näherte. Ohne sich zu beeilen, tat der Alpha so, als gewähre er Spaulding Zutritt zu der Kapellentür. In diesem Augenblick war der Gamma bei ihnen angelangt und rief: »Hilfe! Hilfe! Krug! Krug ist in Gefahr. Rettet Krug!«
»Wo?« fragte Watchman.
»Im Kontrollzentrum! Mörder! Mörder!«
Watchman ließ Spaulding keine Zeit, über die Unwahrscheinlichkeit der Situation nachzudenken. »Kommen Sie«, sagte er, den Ektogenen am Arm zerrend. »Rasch, wir müssen uns beeilen!«
Spaulding war bleich vor Schreck. Wie Watchman gehofft hatte, hatte die angebliche Gefahr für Krug das Problem der Kapelle aus seinem Bewußtsein gelöscht.
Zusammen liefen sie auf das Kontrollzentrum zu. Nach zwanzig Schritten schaute Watchman zurück und sah Dutzende von Androiden auf seinen Befehl hin zur Kapelle eilen. Sie würden das Innere innerhalb Minuten vollständig verändern. Bis Leon Spaulding wieder in der Lage war, in diesen Sektor zurückzukehren, würde der Kuppelbau nichts anderes beherbergen als einen Teil der Gefrieranlage.
»Genug«, sagte Krug. »Es wird kalt. Gehen wir hinunter.«
Die Aufzüge fuhren nach unten. Schneeflocken begannen um den Turm zu wirbeln; das Isolierfeld über dem Turm lenkte sie ab, schleuderte sie in weitem Bogen beiseite. Es war unmöglich, hier eine vollkommene Wetterkontrolle durchzuführen wegen der Notwendigkeit, die Tundra ständig gefroren zu halten. Es war gut, dachte Krug, daß die Androiden sich nichts daraus machten, im Schnee zu arbeiten.
Manuel sagte: »Wir möchten uns verabschieden, Vater. Wir haben uns im Psychoschaltinstitut von New Orleans angemeldet für eine Woche Egotausch.«
Krugs Blick verfinsterte sich. »Ich wünschte, du würdest aufhören mit diesem Unsinn.«
»Was ist Schlimmes dabei, Vater, mit Freunden die Identität zu tauschen? Eine Woche lang in der Seele eines anderen zu verbringen? Es ist harmlos, es ist befreiend. Es ist wunderbar. Auch du solltest es einmal versuchen.«
Krug zog verächtlich die Mundwinkel herab.
»Ich meine es ernst«, sagte Manuel. »Es würde dich ein wenig von dir selbst distanzieren. Deine krankhafte Konzentration auf Finanzprobleme, diese überspannte Begeisterung für dein interstellares Hobby, dieser entsetzliche Druck auf dein Nervensystem, das alles kommt von…«
»Geht nur«, sagte Krug. »Geht. Tauscht eure Seelen, soviel ihr wollt. Ich habe zu tun.«
»Willst du es nicht doch einmal versuchen, Vater?«
»Es ist sehr angenehm«, sagte Nick Ssu-ma. Er war Krug am sympathischsten von den Freunden seines Sohnes, ein liebenswürdiger junger Chinese mit kurzgeschnittenem blonden Haar und einem freundlichen Lächeln. »Es eröffnet Ihnen neue Einsichten in alle menschlichen Beziehungen.«
»Versuchen Sie es wenigstens einmal«, sagte Jed Guilbert, »und ich verspreche Ihnen, Sie werden nie…«
»Eher gehe ich zum Schwimmen auf den Jupiter«, sagte Krug.
»Geht, geht. Seid glücklich. Tauscht eure Egos, soviel ihr wollt. Ich nicht.«
»Ich sehe dich nächste Woche, Vater.«
Manuel und seine Freunde eilten zu den Transmatkabinen. Krug stieß seine Handknöchel gegeneinander und schaute den jungen Männern nach. Er empfand etwas, was einem Neidgefühl nahekam. Er hatte nie Zeit gehabt für eine dieser Vergnügungen. Immer hatte er zu tun gehabt, einen Vertrag abzuschließen, eine entscheidende Reihe von Laboratoriumtests zu überwachen, ein Treffen mit den Bankiers, eine Krisis auf dem Marsmarkt. Während andere sich in Selbstvergessenheit fallenließen und für wochenlange Egotrips ihre Seelen tauschten, hatte er einen Riesenkonzern aufgebaut, und nun war es zu spät für ihn, sich den Freuden der Welt hinzugeben. ›Na und?‹ sagte er sich mit Ingrimm. ›Dann bin ich eben ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts in einer Welt des dreiundzwanzigsten! Dann werde ich eben ohne Psychoschaltinstitut auskommen. Außerdem, wem sollte ich Einlaß gewähren in mein Innerstes? Mit welchem Freund sollte ich die Seele tauschen? Mit wem, mit wem?‹ Er gestand sich ein, daß es kaum jemand gab. Vielleicht Manuel? Es mochte nützlich sein, mit Manuel einen Egotausch vorzunehmen. Sie würden einander vielleicht besser verstehen. Einige ihrer extremen Standpunkte aufgeben, aufeinander zugehen zu einer Begegnung in der Mitte. Manuel hatte nicht ganz Unrecht mit seiner Lebensweise. Ich bin nicht vollkommen, dachte Krug, und vielleicht sollte man wirklich einmal die Dinge mit den Augen eines anderen sehen. Doch plötzlich schreckte er vor dem Gedanken zurück. Ein Egotausch zwischen Vater und Sohn erschien ihm fast wie ein Inzest. Es gab Dinge, die er von Manuel nicht wissen wollte. Und es gab gewiß Dinge, die Manuel nicht von ihm wissen wollte. Mit ihm die Identität zu tauschen, selbst für einen kurzen Augenblick, kam nicht in Frage. Doch wie war es mit Thor Watchman als Tauschpartner? Der Alpha war bewundernswert gesund und begabt, vertrauenswürdig. In vielfacher Hinsicht stand Krug ihm näher als alle anderen, die er kannte; er konnte sich nicht erinnern, je ein Geheimnis vor Watchman gehabt zu haben. Und wenn er beabsichtigte, Egotauscherfahrungen zu sammeln, wäre es vielleicht sehr nützlich und lehrreich…
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