»Anfänger«, sagte der Mann Paul zugewandt, und dann: »Wenn ihr vor den Harkonnens geflüchtet seid, seid ihr uns vielleicht willkommen. Wie sieht es aus, Junge?«
Mehrere Möglichkeiten zuckten durch Pauls Gehirn: Ist es nur ein Trick? Oder spricht er die Wahrheit? Auf jeden Fall mußten sie zu einer schnellen Entscheidung gelangen.
»Aus welchem Grund sollten euch Flüchtlinge willkommen sein?« fragte er.
»Ein Kind, das wie ein Mann denkt und redet«, erwiderte der Hochgewachsene. »Nun, um diese Frage zu beantworten, mein junger Wali, brauche ich nicht weit auszuholen. Ich bin einer von denen, die sich weigern, den Harkonnens den Fai — den Wassertribut — zu zahlen. Aus diesem Grund heiße ich Leute, die vor ihnen flüchten, willkommen.«
Er weiß, wer wir sind, dachte Paul, auch wenn er sich bemüht, uns das nicht merken zu lassen.
»Ich bin Stilgar, der Fremen«, sagte der große Mann jetzt. »Löst das vielleicht deine Zunge, junger Mann?«
Es ist die gleiche Stimme, dachte Paul. Und er erinnerte sich an das Zusammentreffen im Kontrollraum von Arrakeen; der Mann war dort aufgetaucht und hatte sich nach der Leiche eines von Harkonnen-Agenten erschlagenen Freundes erkundigt, der auf dem Weg gewesen war, seinem Vater eine Botschaft zu überbringen.
»Ich kenne dich, Stilgar«, erwiderte Paul. »Ich war zusammen mit meinem Vater bei einer Lagebesprechung, als du nach dem Wasser deines Freundes fragtest. Du hast einen der Männer meines Vaters mit dir genommen Duncan Idaho. Es war ein Austausch von Freunden.«
»Idaho verließ uns, um zu seinem Herzog zurückzukehren«, entgegnete Stilgar.
Der Ärger in Stilgars Stimme war unüberhörbar. Jessica bereitete sich innerlich auf einen Angriff vor.
Die Stimme aus den Felsen über ihnen sagte plötzlich: »Wir vergeuden hier nur unsere Zeit, Stil.«
»Es ist der Sohn des Herzogs!« gab Stilgar zurück. »Ich zweifle nicht daran, daß er derjenige ist, den Liet uns zu suchen auftrug!«
»Aber … ein Kind, Stil.«
»Der Herzog war ein Mann, und dieser Bursche hat es geschafft, einen Plumpser einzustellen«, erwiderte Stilgar. »Es war eine tapfere Sache, dies in der Nähe eines Shai-Hulud zu tun.«
Jessica wurde klar, daß der Mann sie aus seinen Gedanken ausschloß. Bedeutete das, daß man bereits ein Urteil über sie gefällt hatte?
»Wir haben keine Zeit für den Test«, protestierte die Stimme von oben jetzt.
»Und er könnte dennoch der Lisan al-Gaib sein«, erwiderte Stilgar.
Er wartet auf ein Omen! dachte Jessica.
»Aber die Frau …«, sagte die Stimme des unsichtbaren Mannes.
Jessica spannte alle Muskeln an. Die Stimme erklang ihr wie eine tödliche Bedrohung.
»Ja, die Frau«, nickte Stilgar. »Und ihr Wasser.«
»Du kennst das Gesetz«, sagte der Mann aus den Felsen. »Diejenigen, die nicht in der Wüste leben können …«
»Sei still«, gab Stilgar zurück. »Die Zeiten sind nicht mehr die gleichen.«
»Hat Liet das befohlen? « fragte der andere Mann.
»Du hast die Stimme des Cielago gehört, Jamis«, erwiderte Stilgar. »Aus welchem Grund drängst du mich also?«
Und Jessica dachte: Cielago! Jetzt wurde ihr so manches klar: dies war die Sprache von Ilm und Fiqh, und Cielago war das Wort für Fledermaus, ein kleines, fliegendes Säugetier. Die Stimme des Cielago. Sie hatten also eine Distrans-Botschaft erhalten, aufgrund deren sie nach Paul und ihr suchten.
»Ich wollte dich nur an deine Pflichten erinnern, Freund Stilgar«, sagte die Stimme aus der Dunkelheit der Felsen.
»Meine Pflicht besteht darin, den Stamm bei Kräften zu halten«, erwiderte Stilgar. »Das ist die einzige Pflicht, der ich zu dienen habe. Und niemand braucht mich daran zu erinnern. Dieser Kindmann interessiert mich. Er ist wohlgenährt und hat bisher von vielem Wasser gelebt. Er hat weit von der Vatersonne entfernt gelebt. Und er hat nicht die Augen des Ibad. Und dennoch spricht und bewegt er sich nicht wie einer von diesen Weichlingen aus der Ebene. Auch sein Vater tat das nicht. Wie kann das sein?«
»Wir können nicht die ganze Nacht über hier verharren und uns darüber streiten«, sagte der andere Mann von den Felsen herab. »Falls eine Patrouille …«
»Ich möchte dir nicht noch einmal sagen müssen, daß du still sein sollst, Jamis«, meinte Stilgar.
Der andere Mann schwieg jetzt, aber Jessica hörte, daß er über die Steine hinweg nach unten kletterte und den Grund links von ihnen erreichte.
»Die Stimme des Cielago hat uns mitgeteilt, es sei unter Umständen wichtig, euch zu retten«, fuhr Stilgar fort. »Und ich sehe eine Möglichkeit für diesen jungen Mann: er ist jung und kann lernen. Aber wie steht es mit dir, Frau?« Er sah Jessica an.
Seine Stimme und seine Denkweise habe ich nun analysiert, dachte Jessica. Ich könnte ihn mit einem Wort unter Kontrolle bekommen — aber er ist ein starker Mann … Er ist wichtiger für uns, solange er freie Entscheidungen treffen kann. Warten wir also ab.
»Ich bin die Mutter dieses Jungen«, sagte sie laut. »Die Kraft, die du an ihm bewunderst, ist zum Teil Ergebnis meiner Ausbildung.«
»Auch die Kraft einer Frau kann unbegrenzt sein«, nickte Stilgar. »Jedenfalls dann, wenn sie eine Ehrwürdige Mutter ist. Bist du eine Ehrwürdige Mutter?«
Jessica zögerte einen Moment und dachte über die Auswirkungen ihrer Antwort nach. Schließlich sagte sie: »Nein.«
»Bist du für das Leben in der Wüste ausgebildet?«
»Nein, aber viele erachten meine Ausbildung als nicht weniger wertvoll.«
»Darüber entscheiden wir selbst«, meinte Stilgar.
»Es ist das Recht eines jeden Mannes, sich darüber sein Urteil selbst zu bilden«, versetzte Jessica.
»Es ist gut, daß du das einsiehst«, erwiderte Stilgar. »Aber wir können uns hier nicht länger aufhalten, um dich auf eine Probe zu stellen, Frau, verstehst du? Wir möchten nicht von deinem Schatten verfolgt werden. Ich werde den Kindmann, deinen Sohn, mit mir nehmen zu meinem Stamm, wo man ihm Schutz und Zuflucht gewähren wird. Aber was dich angeht, Frau … du verstehst doch, daß ich nichts persönlich gegen dich habe? Ich halte mich an das Gesetz des Allgemeinwohls. Ist das nicht genug?«
Paul machte einen halben Schritt nach vorn. »Was soll das bedeuten?«
Stilgar sah kurz zu ihm hinüber, behielt aber dann wieder seine Mutter im Auge. »Da du nicht von Kindheit an für das Leben in der Wüste ausgebildet wurdest, könntest du eine Gefahr für den ganzen Stamm bedeuten. Wir können es uns nicht leisten, nutzlose …«
Jessicas Knie gaben nach. Scheinbar besinnungslos sank sie zu Boden, als habe sie vor Schreck jegliche Körperbeherrschung verloren. Sie ließ jedoch Stilgar, der sie in diesem Moment für eine verweichlichte Außenweltlerin halten mußte und möglicherweise sein Urteil über sie bestätigt sah, keine Sekunde aus den Augen. Als sie sah, wie sich sein rechter Arm hob und in seiner Hand stoßbereit eine Klinge blitzte, riß sie sich zusammen, veränderte unmerklich ihre Position, sprang auf, riß seinen rechten Arm nach hinten und stand plötzlich mit dem Rücken gegen die Felswand, Stilgar wie einen Schild vor sich haltend.
Bereits bei der ersten Bewegung seiner Mutter war Paul zwei Schritte zurückgewichen. Als sie zum Angriff überging, tauchte er im Schatten unter. Vor ihm wuchs plötzlich ein bärtiger Mann aus dem Dunkel empor und bedrohte ihn mit einer Waffe. Paul versetzte ihm einen Faustschlag in den Magen, sprang zur Seite und verpaßte dem Fallenden einen Handkantenschlag in den Nacken. Dann nahm er ihm die Waffe ab.
Die Waffe im Gürtel kletterte er in der Finsternis über die Felsen nach oben. Anhand der ungewöhnlichen Form klassifizierte er die Waffe als Projektilgeschoß. Also verwendete man auch hier keine Schilde.
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