Frank Herbert - Der Wüstenplanet

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Herzog Leto Atreides erhält vom Imperator Arrakis zum Lehen, den Wüstenplaneten, eine schreckliche Welt, in der nur die Stärksten überleben können. Aber gleichzeitig ist Arrakis die wertvollste Welt der Galaxis, denn nur in ihren Dünenfeldern ist das Melange zu finden, eine Droge, die den Menschen die Gabe verleiht, in die Zukunft zu blicken. Als der Herzog Arrakis betritt, ist er so gut wie tot. Seine mächtigen Gegner haben längst alles vorbereitet, um die Familie Atreides auszurotten. Doch seinem Sohn gelingt es, in die Wüste zu entkommen und bei den Premen unterzutauchen. Er wird der Anführer, und sie nennen ihn Muad'dib. Er sammelt die Wüstenbeduinen um sich zu einem gnadenlosen Rachefeldzug.

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Kynes' Finger griffen in den Sand.

Sie haben mir nicht einmal einen Destillanzug gelassen!

»Die Luftfeuchtigkeit verhindert das allzu schnelle Austrocknen lebender Organismen«, sagte sein Vater.

Warum wiederholt er das Offensichtliche? fragte sich Kynes.

Er versuchte sich die Luftfeuchtigkeit vorzustellen … und Gras, das die Düne überwucherte … offenes Wasser irgendwo unter ihm … und einen langen Qanat, der durch die Wüste zog, mit Wasser gefüllt, während Bäume zu seinen Seiten standen. Er hatte in seinem Leben noch niemals offenes Wasser zu Gesicht bekommen, ausgenommen auf Bildern. Offenes, sich bewegendes Wasser … man benötigte fünftausend Kubikmeter Wasser für einen Hektar Land, allein um eine Jahreszeit zu überstehen, erinnerte er sich.

»Unser erstes Ziel auf Arrakis«, fuhr die Stimme fort, »sind Graslandgebiete. Wir werden mit mutierten Steppengräsern beginnen. Wenn wir in diesen Gebieten Luftfeuchtigkeit eingefangen haben, werden wir mit dem Anbau von Waldgebieten fortfahren. Schließlich beginnen wir mit kleinen Gewässern …«

Was soll dieser Vortrag? dachte Kynes. Warum hört er nicht damit auf? Sieht er denn nicht, daß ich im Sterben liege?

»Und wenn du nicht bald von dieser Blase verschwindest«, sagte sein Vater, »bedeutet das deinen sicheren Tod. Du weißt genau, daß sie sich unter dir befindet, weil du die Vorgewürzgase riechen kannst. Und du weißt ebenfalls, daß die kleinen Bringer jetzt dabei sind, etwas von ihrem Wasser in die Masse einzubringen.«

Der Gedanke, daß sich Wasser unter ihm befand, war beinahe wahnsinnerzeugend. Kynes konnte sich jetzt recht deutlich vorstellen: die Entwicklungsform des arrakisischen Sandwurms in seiner allerersten Stufe, wo er noch eine halbpflanzliche/halbtierische Erscheinungsform darstellte. Ihre Exkremente und das Wasser, daß …

Eine Vorgewürzmasse!

Kynes inhalierte, schmeckte die vage Süße. Das Aroma wurde jetzt immer stärker.

Er zwang sich, eine kniende Stellung einzunehmen, hörte einen der Vögel kreischen und das Geräusch klatschender Schwingen.

Ich bin hier in einem Gewürzgebiet, dachte er. Es müssen Fremen in der Nähe sein, auch wenn es Tag ist. Sicher können sie die Vögel sehen und werden sich fragen, was hier los ist.

»Bewegungen in der Wüste sind für tierisches Leben eine Notwendigkeit«, fuhr die Stimme fort. »Und die Nomaden folgen den gleichen Prinzipien. Aber Bewegungen ziehen auch einen Verschleiß der Wasser-, Nahrungs- und Energievorräte nach sich. Deshalb ist es unerläßlich, die Bewegungen einer strikten Kontrolle zu unterwerfen und sie für konkrete Ziele aufzusparen.«

»Halt den Mund, Alter«, sagte Kynes.

»Wir werden auf Arrakis etwas tun, was bisher auf keinem anderen Planeten getan wurde. Statt des Weges der Terraformung benutzen wir den Menschen als konstruktive, ökologische Kraft auf dieser Welt. Hier eine Pflanze, dort ein Tier — und dort einen Menschen. Das führt zu einem Wasserzyklus, der die ganze Landschaft verändern wird.«

»Halts Maul!« krächzte Kynes.

»Bewegungen waren auch die Grundlage dafür, daß wir die Zusammenhänge zwischen dem Gewürz und den Würmern erkannten.«

Ein Wurm, dachte Kynes mit einem Anflug von Hoffnung. Wenn die Blase platzt, kommt bestimmt einer hierher. Aber ich habe keine Haken. Wie kann ich einen Großen Bringer ohne Haken erklettern?

Kaum hatte er eine Idee entwickelt, folgte ihr die Frustration.

Das Wasser war so nah, höchstens hundert Meter unter ihm; sicher würde ein Wurm kommen, aber er hatte keine Chance, ihn an die Oberfläche zu locken und zu benutzen.

Kynes ließ den Kopf wieder auf den Sand fallen. Seine linke Wange war heiß, aber er spürte es kaum.

»Arrakis ist in der Lage, die Grundvoraussetzungen für eine glückliche Evolution selbst zu schaffen«, sagte die Stimme. »Es ist an sich kaum zu glauben, weshalb sich bisher so wenig Leute Gedanken darüber gemacht haben, wieso der Planet trotz seiner nahezu idealen Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre so wenig pflanzliches Leben entwickelt hat. Und das, obwohl die energetische Sphäre des Planeten deutlich einem unerbittlichen Prozeß unterworfen ist. Gibt es also eine Bresche, in die man schlagen kann? Wenn ja, wird sie von irgend jemand besetzt gehalten. Die Wissenschaft ist aus so vielen kleinen Dingen zusammengesetzt, aber dennoch wird sie, wenn man sie erklärt, jedem völlig offensichtlich erscheinen. Ich wußte, daß die Kleinen Bringer hier lebten, bevor ich den ersten von ihnen sah.«

»Hör bitte auf, mich zu schulmeistern, Vater«, flüsterte Kynes schwach.

In der Nähe seiner auf dem Sand ausgestreckt liegenden Hand landete ein Falke. Kynes schaute zu, wie der Vogel die Schwingen an den Körper legte und ihn anstarrte. Er biß die Zähne zusammen und kroch auf ihn zu. Der Vogel hüpfte zwei Schritte zurück, floh aber nicht. Er blieb stehen und ließ sein potentielles Opfer nicht aus den Augen.

»Bis jetzt haben die Menschen, wenn sie die Oberfläche ihrer Planeten veränderten, diesen Welten nichts als Krankheiten zugefügt«, fuhr sein Vater fort. »Glücklicherweise tendiert die Natur dazu, den ihr zugefügten Schaden zu absorbieren oder sie dem eigenen System geschickt anzupassen.«

Der Falke senkte den Kopf, streckte die Schwingen aus und zog sie wieder ein. Er richtete seine Aufmerksamkeit jetzt auf Kynes Hand.

Kynes fühlte sich zu geschwächt, um noch weiter auf den Vogel zuzukriechen.

»Das auf gegenseitiger Übereinkunft basierende System der Ausbeutung und Erpressung findet hier auf Arrakis sein Ende«, fuhr die Stimme fort. »Man kann nicht bis in die Ewigkeit hinein stehlen, ohne an die zu denken, die später einmal hier leben müssen. Die physikalischen Qualitäten eines Planeten haben mit seiner ökonomischen und politischen Lage zu tun. Die Lage offenbart sich uns nun, und der Weg, den wir zu gehen haben, ist offensichtlich.«

Er hat nie damit aufhören können, mich zu schulmeistern, dachte Kynes. Nie. Nie. Nie.

Der Falke hüpfte einen Schritt näher auf ihn zu, sah ihn an und richtete seinen Kopf dann Kynes' ausgestreckt auf dem Sand liegender Hand zu.

»Arrakis ist ein Ernteplanet«, sagte die Stimme jetzt. »Er dient einer herrschenden Klasse und ihren Bedürfnissen, die auf ihm lebt, wie herrschende Klassen immer gelebt haben, während sie eine große Masse von Halbsklaven unterdrückt. Und wir müssen unser Hauptaugenmerk auf die Massen richten. Sie sind für uns wichtiger, als wir je angenommen haben.«

»Ich höre einfach nicht mehr zu, Vater«, flüsterte Kynes. »Geh weg!«

Und er dachte: Sicher sind einige Fremen in der Nähe. Sie werden die Vögel sehen und nachforschen, ob es hier Wasser zu holen gibt.

»Die Massen, die auf Arrakis leben, werden erfahren, daß es unser Ziel ist, das Land zu bewässern«, sagte sein Vater. »Auch wenn die meisten von ihnen unsere Absichten nur für eine halbmystische Aufgabe halten. Viele werden auch annehmen, daß wir die Flüssigkeit von einem wasserreichen Planeten einführen wollen. Laß sie denken, was sie wollen. Die Hauptsache ist, daß sie uns Glauben schenken.«

Noch eine Minute, dachte Kynes. Dann werde ich aufstehen und ihm sagen, was ich von ihm halte. Wie kann er nur da rumstehen und mich schulmeistern, anstatt mir zu helfen.

Der Vogel machte einen weiteren Hüpfer auf seine ausgestreckte Hand zu. Hinter ihm tauchten zwei weitere Falken auf und ließen sich auf dem Sand nieder.

»Religion und Gesetz sollten für die Massen miteinander verschmolzen werden«, sagte sein Vater. »Ein Akt des Ungehorsams sollte als Sünde deklariert werden und eine religiöse Buße nach sich ziehen. Dies wird nicht nur zu größerem Gehorsam, sondern auch zu gesteigerter Tapferkeit führen. Wir dürfen zudem nicht zu großen Wert auf die Tapferkeit des einzelnen legen. Was uns interessiert, ist die Tapferkeit der Masse, verstehst du?«

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