Sie werden sich auf meine Mutter und diesen Stilgar konzentrieren, wurde ihm bewußt. Sie wird schon allein mit ihm fertig. Ich muß einen sicheren Platz finden, von dem aus ich sie bedrohen und ihr eine Möglichkeit zum Entwischen verschaffen kann.
Eine Reihe scharfer, klickender Geräusche drang von unten her an seine Ohren. Geschosse prallten von den Felsen ab. Paul zwängte sich um eine Ecke, entdeckte eine Spalte und kletterte in ihr weiter hinauf — den Rücken gegen die eine, die Füße gegen die andere Wand gepreßt — so schnell und leise, wie er nur konnte.
Stilgars brüllende Stimme erklang nun in vollster Lautstärke: »Bleibt, wo ihr seid, ihr Narren! Wenn ihr auch nur einen Schritt näher kommt, wird sie mir das Genick brechen!«
Eine Stimme aus der Tiefe rief: »Der Junge ist verschwunden, Stil. Was sollen wir …«
»Natürlich ist er verschwunden, du sandhirniger … Ach! Vorsicht. Frau!«
»Sag ihnen, sie sollen meinen Sohn nicht verfolgen«, verlangte Jessica.
»Sie haben bereits damit aufgehört, Frau. Er ist entkommen, wie es deine Absicht war. Große Götter der Tiefe! Warum hast du mir nicht gesagt, daß du zaubern und kämpfen kannst?«
»Sag deinen Leuten, sie sollen sich zurückziehen«, sagte Jessica. »Sie sollen dorthin gehen, wo ich sie im Mondlicht sehen kann … Und du kannst mir glauben, daß ich genau weiß, wieviele von ihnen da draußen sind.«
Und sie dachte: Das ist der entscheidende Augenblick, aber falls Stilgar so intelligent ist, wie ich annehme, haben wir eine Chance.
Paul verfolgte seinen Weg nach oben weiter und fand einen schmalen Felsvorsprung, an dem er sich ausruhen und die Szene unter sich genauestens verfolgen konnte. Wieder drang Stilgars Stimme zu ihm herauf.
»Und wenn ich mich weigere? Wie willst du … Ah! Laß das, Frau! Wir wollen dir nichts tun. Große Götter! Wenn du das dem stärksten unserer Männer antun kannst, bist du zehnmal dein Gewicht in Wasser wert!«
Und jetzt noch die grundsätzliche Probe, dachte Jessica. Sie sagte: »Du hast nach dem Lisan al-Gaib gefragt.«
»Ihr könntet die Gestalten der Legende sein«, erwiderte Stilgar, »aber ich kann es erst glauben wenn ihr die Probe bestanden habt. Alles, was ich bisher weiß, ist, daß ihr zusammen mit diesem dummen Herzog hergekommen seid, der … Ahhhh! Du bringst mich um, Frau! Er war ein ehrenwerter und tapferer Mann, aber die Art, in der er sich den Harkonnens ausgeliefert hat, war dumm!«
Stille. Dann sagte Jessica: »Er hatte keine andere Wahl. Aber wir sollten uns darüber nicht streiten. Und du sagst jetzt dem Mann dort hinter dem Busch, daß er aufhören soll, sich an uns heranzuschleichen, um seine Waffe besser auf mich anlegen zu können. Wenn er das nicht tut, hast du das Universum zum letztenmal gesehen. Und er wird der nächste sein, der sich von ihm verabschiedet.«
»Du da!« donnerte Stilgar. »Tu, was sie sagt!«
»Aber, Stil …«
»Du sollst tun, was sie sagt, du sandhirniger, kriechender Nachkomme eines Salamanders! Wenn du nicht sofort verschwindest, werde ich ihr noch helfen, dich in Stücke zu reißen! Bist du nicht fähig, zu erkennen, zu was diese Frau in der Lage ist?«
Der hinter dem Busch versteckte Mann richtete sich auf und senkte den Lauf seiner Waffe.
»Er hat gehorcht«, meldete Stilgar.
»Und jetzt«, begann Jessica, »erzählst du deinen Leuten genau, in welcher Beziehung ich für euch von Wichtigkeit sein kann. Ich möchte verhindern, daß irgendein junger Heißsporn auf falsche Gedanken kommt, wenn er mich sieht.«
»Wenn wir in die Städte und Dörfer gehen«, sagte Stilgar, »müssen wir uns, um unerkannt zu bleiben, entweder maskieren oder uns den Bewohnern der Ebenen und Senken anpassen. Wir tragen dann keine Waffen, denn das Crysmesser ist heilig. Aber du, Frau, kämpfst auch ohne Waffen, weil du Fähigkeiten hast, die keine Waffen benötigen. Viele von uns zweifelten daran, daß diese Ausbildung einen Wert hätte, weil die meisten Menschen nur das glauben, was sie mit den eigenen Augen sehen. Und du hast einen bewaffneten Fremen bezwungen. Du verfügst über eine Waffe, die bei keiner Durchsuchung entdeckt werden kann.«
Erregtes Gemurmel breitete sich unter den Fremen aus, als sie Stilgars Worte begriffen hatten.
»Und wenn ich mich bereit erkläre, euch diese … Zauberwaffe ebenfalls zu geben?«
»Dann steht ihr beide unter meinem persönlichen Schutz.«
»Wie können wir deinen Worten trauen?«
Stilgars Stimme verlor einiges von ihrem grimmigen Unterton. Seine weiteren Worte klangen irgendwie bitter. »Leider haben wir hier draußen kein Papier, um einen Vertrag aufzusetzen, Frau. Es ist keine Sache der Fremen, am Abend Versprechungen zu machen und sie am nächsten Morgen zu brechen. Wenn ein Mann etwas verspricht, ist das ein Vertrag. Mein Stamm ist mir mit seinem Wort verpflichtet, und ich ihm mit dem meinen. Erkläre uns, wie diese Zauberkampftechnik funktioniert, und ihr werdet unseres Schutzes sicher sein. Unser Wasser wird auch euer Wasser sein.«
»Kannst du für alle Fremen sprechen?« fragte Jessica.
»Vielleicht später einmal. Nur mein Bruder Liet kann für alle Fremen sprechen. Aber vorerst brauchen die anderen nichts davon zu erfahren. Meine Männer werden schweigen, wenn sie einen anderen Sietch besuchen. Die Harkonnens sind mit einer Streitmacht nach Arrakis zurückgekehrt. Und der Herzog ist tot. Man sagt, auch ihr zwei seid in einem Muttersturm umgekommen. Der Jäger sucht nicht nach totem Wild.«
Er hat nicht unrecht, dachte Jessica. Aber diese Leute verfügen über ein ausgezeichnetes Kommunikationsnetz und könnten eine Nachricht absenden.
»Ich nehme an, man hat eine Belohnung auf unsere Köpfe ausgesetzt«, sagte sie.
Stilgar schwieg zunächst, und Jessica erschien es, als könne sie die sich drehenden Gedanken des Mannes auf seiner Stirn ablesen. Ihre Fingerspitzen fühlten die Bewegungen seiner Muskeln. Schließlich erwiderte er: »Ich sage es noch einmal. Ich habe euch das Wort meines Stammes gegeben. Meine Leute wissen jetzt, welchen Wert ihr für unseren Stamm darstellt. Was können die Harkonnens uns schon geben? Unsere Freiheit? Ha! Nein, du bist die Taqwa, die uns viel mehr wert ist als alle Gewürzvorräte der Harkonnens zusammen.«
»Dann werde ich euch meine Kampftechnik lehren«, entgegnete Jessica mit einem erkennbar rituellen Tonfall.
»Du wirst mich jetzt freilassen?«
»So sei es.« Jessica löste ihren Griff, schritt zur Seite und lieferte sich damit völlig dem Mondlicht aus. Dies ist der Test-Mashad, dachte sie. Aber selbst wenn ich jetzt sterbe, hat das einen Sinn. Paul wird zumindest etwas über die Ehrlichkeit dieser Leute erfahren.
Paul benutzte die sich jetzt ausbreitende Stille dazu, sich über den Vorsprung zu beugen, um bessere Sicht auf seine Mutter zu haben. Gleichzeitig hörte er über sich das schwere Atmen eines Menschen, das sofort verstummte. Über ihm, am Ende der Felsspalte, erkannte er die schattenhaften Umrisse einer Gestalt, die sich gegen den nächtlichen Himmel abhob.
Von unten erscholl Stilgars Stimme: »Du da oben! Du brauchst nicht mehr nach dem Jungen zu suchen. Er kommt sowieso gleich herunter.«
Die Stimme eines Jungen oder eines Mädchens erwiderte aus der Finsternis: »Aber Stil, er kann nicht weit von mir …«
»Laß ihn in Ruhe, Chani, du Echsenbrut!«
Ein geflüsterter Fluch drang an Pauls Ohren, verbunden mit dem empörten Satz » Mich als Echsenbrut zu bezeichnen!« Aber der Schatten verschwand.
Paul richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tiefe und konzentrierte sich auf die graue Gestalt Stilgars, die neben seiner Mutter stand.
»Kommt alle her«, rief Stilgar aus. Und mit einem Blick auf Jessica: »Und jetzt möchte ich dir eine Frage stellen. Wie sollen wir sicher sein, daß du dein Versprechen hältst? Du gehörst zu jenen, deren Versprechungen ständig mit papierenen Verträgen und zahllosen Unterschriften besiegelt werden, und …«
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