»Wir Bene Gesserit halten genausoviel von der Einhaltung unserer Abmachungen wie ihr Fremen«, erwiderte Jessica.
Eine Weile herrschte allgemein verblüfftes Schweigen. Dann zischten mehrere Stimmen: »Eine Bene-Gesserit-Hexe!«
Paul zog die erbeutete Waffe aus der Schärpe und richtete sie auf Stilgar, aber der Mann und seine Begleiter blieben unbeweglich stehen und starrte seine Mutter an.
»Es ist eine Legende«, sagte jemand.
»Man sagt, daß die Shadout Mapes dich bereits unterrichtet hat«, fuhr Stilgar fort. »Aber eine Sache von solcher Wichtigkeit muß geprüft werden. Bist du die Bene Gesserit, deren Sohn uns den Weg zum Paradies zeigen wird, dann …« Er zuckte die Achseln.
Seufzend dachte Jessica: Also hat unsere Missionaria Protectiva sogar in dieser Sandhölle für religiöse Sicherheitsventile gesorgt. Nun … es wird uns helfen. Und mehr war auch von ihr nicht beabsichtigt.
Sie sagte: »Die Seherin, die euch diese Legende brachte, war durch die Bande von Karama und Ijaz verpflichtet — dies weiß ich sicher. Ihr wollt also ein Zeichen?«
Stilgars Nasenflügel vibrierten im Schein des Mondlichts. »Wir haben keine Zeit mehr für die Riten«, flüsterte er.
Jessica erinnerte sich an die Landkarte, die Kynes ihr gezeigt hatte, während ihrer Flucht. Wie lange das nun schon zurückzuliegen schien! Auf ihr war ein Ort eingezeichnet gewesen, der den Namen ›Sietch Tabr‹ getragen hatte. Daneben hatte nur ein Wort gestanden: ›Stilgar‹.
»Vielleicht, wenn wir im Sietch Tabr angekommen sind«, lautete ihre Antwort.
Die Worte beeindruckten Stilgar sichtlich, und Jessica dachte:
Wenn er nur wüßte, welche Tricks wir benutzen! Die Bene Gesserit, die die Missionaria Protectiva nach Arrakis schickte, muß eine ausgezeichnete Arbeit geleistet haben. Die Fremen sind sehr gut darauf vorbereitet worden, an uns zu glauben.
Stilgar bewegte sich unruhig. »Wir sollten jetzt gehen.«
Jessica nickte und gab ihm damit zu verstehen, daß sie mit ihrer Zustimmung aufbrachen.
Er hob den Kopf und schaute zu der Klippe hinauf, wo Paul auf dem Vorsprung hockte. »Du da, Junge, du kannst jetzt herunterkommen.« Zu Jessica gewandt meinte er: »Dein Sohn hat beim Klettern ungeheuren Lärm gemacht. Er wird, wenn er einer der unseren werden will, noch viel zu lernen haben. Aber er ist noch jung.«
»Zweifellos werden wir viel voneinander lernen können«, entgegnete Jessica. »Inzwischen sollte sich jemand um den Mann kümmern, den mein Sohn entwaffnete. Ich glaube, er ist nicht nur laut, sondern auch ziemlich rauh mit ihm umgegangen, als er ihn niederschlug.«
Stilgar wirbelte herum. Seine Kapuze flatterte.
»Wo?«
»Hinter diesen Büschen«, deutete Jessica an.
Stilgar stieß zwei seiner Leute an. »Schaut nach ihm.« Er warf einen raschen Blick auf die anderen und sagte dann, erkennend, wen Paul erledigt hatte: »Jamis fehlt.« Zu Jessica gewandt meinte er: »Also beherrscht auch dein Sohn diese Technik.«
»Und außerdem wirst du feststellen, daß er sich trotz deiner Anweisung bisher nicht von der Stelle gerührt hat«, stellte Jessica fest.
Die beiden von Stilgar ausgeschickten Männer kehrten nun zurück. Sie hielten einen dritten Mann zwischen sich, der keuchend atmete. Stilgar warf ihm einen finsteren Blick zu und sagte dann zu Jessica: »Er befolgt also nur deine Befehle, wie? Das ist nicht schlecht. Immerhin zeugt das von Disziplin.«
»Du kannst jetzt runterkommen, Paul«, rief Jessica.
Paul stand auf, schob die erbeutete Waffe wieder hinter die Schärpe und trat ins Mondlicht hinaus. Im gleichen Moment tauchte vor ihm eine weitere Gestalt auf.
Im Schein des Satelliten musterte Paul die kleine Figur in Fremenkleidung. Ein im Schatten der Kapuze liegendes Gesicht sah ihn an, aber er konnte es nicht erkennen. Deutlicher war da schon die Projektilpistole, die auf seinen Körper zeigte.
»Ich bin Chani, Liets Tochter.«
Die Stimme klang spöttisch und ähnelte einem Lachen.
»Ich hätte es nicht zugelassen, falls du meinen Genossen etwas angetan hättest«, sagte sie.
Paul schluckte. Das Mondlicht fiel nun auf ein elfenhaftes Antlitz mit schwarzen Augen. Der Anblick dieses Gesichts, das Paul in unzähligen Träumen auf Caladan gesehen hatte, traf ihn wie ein Schock. Er erinnerte sich, der Ehrwürdigen Mutter Gaius Helen Mohiam gesagt zu haben: »Ich werde ihr begegnen.«
Und jetzt stand sie vor ihm, obwohl er diese Art des Zusammentreffens nicht vorausgesehen hatte.
»Du hast einen Lärm gemacht, wie ihn sonst nur ein wütender Shai-Hulud erzeugen kann«, fuhr das Mädchen fort. »Und außerdem hast du dir den schwierigsten Weg nach oben ausgesucht. Wenn du hinter mir hergehst, zeige ich dir einen leichteren von unten.«
Paul kletterte aus dem Spalt heraus und folgte ihrer wehenden Robe über die Oberfläche des schroffen Felsstocks. Das Mädchen bewegte sich mit der Anmut einer Gazelle. Jeder ihrer Schritte war wie ein Tanz. Paul spürte plötzlich, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß und war der Dunkelheit dankbar, daß sie seinen Zustand verbarg.
Dieses Mädchen! Ihm war, als hätte das Schicksal ihn jetzt berührt. Er fühlte sich von einer Welle emporgehoben, im Einklang mit dem Universum, in einem Zustand höchster geistiger Aktitivät.
Dann standen sie auch schon zwischen den Fremen.
Jessica warf Paul ein müdes Lächeln zu und sagte dann zu Stilgar: »Ich verspreche mir einiges vom Austausch unserer Kenntnisse und hoffe, daß du und deine Leute mir nicht böse seid, daß ich sie zuerst gegen euch anwenden mußte. Wir hatten wirklich keine andere Wahl, denn ihr wart im Begriff, einen Fehler zu machen.«
»Man kann dem, der einem vor einem Fehler bewahrt, immer nur dankbar sein«, erwiderte Stilgar. Er berührte mit der linken Hand seine Lippen und zog mit der rechten Paul die erbeutete Waffe aus der Schärpe, die er einem seiner Leute zuwarf. »Du wirst deine eigene Maula-Pistole bekommen, Junge, wenn du sie dir verdient hast.«
Paul wollte etwas sagen, zögerte und ließ es dann doch bleiben. Jede Art von Anfang, hatte seine Mutter ihn gelehrt, ist schwer.
»Die Waffen, die mein Sohn benötigt, besitzt er bereits«, erklärte Jessica und gab Stilgar mit einem Blick zu verstehen, sich daran zu erinnern, wie Paul an die Pistole gelangt war.
Der Fremen schaute zu dem Mann hinüber, der Paul unterlegen gewesen war — Jamis. Er stand etwas abseits, hielt den Kopf gesenkt und atmete immer noch schwer. »Du bist eine schwierige Frau«, entgegnete er dann, streckte einem seiner Männer den Arm entgegen und schnippte mit den Fingern. »Kushti Bakka te.«
Chakobsa, registrierte Jessica.
Der andere Fremen legte zwei Rechtecke aus Gaze in Stilgars Hand, der eines davon an Jessicas Kapuze befestigte und mit dem anderen Paul kennzeichnete.
»Ihr tragt jetzt das Tuch der Bakka«, erläuterte er. »Falls wir getrennt werden sollten, kennzeichnet euch das als Mitglieder von Stilgars Sietch. Was die Bewaffnung angeht, so werden wir darüber ein andermal reden.«
Er durchquerte die Reihen seiner Leute, zählte sie ab und gab einem seiner Männer Pauls Bündel zu tragen.
Bakka , dachte Jessica und erinnerte sich der Bedeutung dieses religiösen Wortes: Bakka — die Klagenden. Sie fühlte, daß der Symbolismus dieser Bezeichnung eine enge Verbindung zwischen den Angehörigen dieses Volkes darstellte. Aber wieso fahlen sie sich durch Tränen miteinander verbunden?
Stilgar erreichte das Mädchen, das mit Paul zusammen aus den Felsen gekommen war und sagte: »Chani, du nimmst den Kindmann unter deine Fittiche. Und sorg dafür, daß ihm nichts passiert.«
Chani berührte Pauls Arm. »Komm mit, Kindmann.«
Seine Wut kaum verbergend, fuhr Paul auf: »Ich heiße Paul. Und du stündest besser da, wenn …«
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