»Dort ist unser Zuhause«, sagte Stilgar. »Dorthin müssen wir diese Nacht.« Er schaute über das Land und strich dabei über seinen Schnauzbart. »Meine Leute dort draußen haben länger gearbeitet als üblich. Das bedeutet, daß keine Patrouillen in der Nähe sind. Ich werde ihnen später das Zeichen geben, daß wir auf dem Weg zu ihnen sind.«
»Deine Leute zeigen eine sehr gute Disziplin«, lobte Jessica, senkte das Fernglas und bemerkte, daß Stilgar es ansah.
»Sie gehorchen den Gesetzen des Stammes«, sagte der Fremen einfach. »Auf diese Art wählen wir auch unsere Führer. Der Führer ist der Stärkste, derjenige, der am ehesten für Wasser und Sicherheit garantieren kann.« Sein Blick löste sich von dem Fernglas und suchte Jessicas Augen.
Sie erwiderte seinen Blick, musterte die weißelosen Augen, seinen staubigen Bart und die Linie des Schlauches, der von seinem Nasenflügel hinab in der Robe verschwand.
»Habe ich deine Stellung als Führer in Zweifel gezogen, als ich dich besiegte, Stilgar?« fragte sie.
»Du hast mich nicht zu einem Kampf herausgefordert«, erwiderte er.
»Es ist sehr wichtig, daß ein Führer den Respekt seiner Leute genießt«, meinte Jessica.
»Es gibt keinen unter diesen Sandläusen, den ich nicht mit einer Hand zu Boden werfen kann«, schnaubte Stilgar. »Indem du mich besiegtest, besiegtest du uns alle. Sie hoffen jetzt, von dir etwas lernen zu können … diese Zaubertricks … Einige werden sich bestimmt auch fragen, ob du mich eines Tages herausfordern wirst.«
Jessica überdachte die damit verbundenen Implikationen. »Du meinst, ich soll dich auch in einem Zweikampf besiegen, auf den du vorbereitet bist?«
Er nickte. »Ich würde dir allerdings davon abraten, weil die Leute dir dennoch nicht folgen würden. Du bist keine Frau der Wüste. Das haben sie während unseres nächtlichen Marsches erkannt.«
»Praktische Leute«, murmelte Jessica.
»Selbstverständlich.« Stilgar warf einen Blick auf das Tal hinab. »Wir kennen unsere Bedürfnisse. Aber in der Nähe der Heimat haben die meisten jetzt sicher andere Gedanken. Wir sind lange unterwegs gewesen, um den Freihändlern eine Gewürzladung für die verfluchte Gilde zu bringen. Mögen ihre Gesichter für immer schwarz werden!«
Jessica, die eben im Begriff war, sich von Stilgar abzuwenden, zuckte zusammen und hielt mitten in der Bewegung inne. »Die Gilde? Was hat die Gilde mit unserem Gewürz zu tun?«
»Liet hat es so angeordnet«, entgegnete der Fremen. »Wir kennen den Grund, aber das Wissen sorgt auch nicht dafür, daß wir dabei ein besseres Gefühl haben. Wir bestechen die Gilde mit einem Wucherpreis dafür, daß sie davon absieht, den Himmel von Arrakis mit einem Netz von Satelliten zu überziehen, die in der Lage wären, hier herumzuspionieren.«
Nachdenklich blieb sie stehen. Ihr fiel ein, daß Paul diese Vermutung ebenfalls geäußert hatte: es gab keinen anderen Grund für die Tatsache, daß Arrakis satellitenfrei war, als den, den Stilgar soeben ausgeplaudert hatte. »Und was gibt es auf Arrakis so besonderes, daß ihr verhindern wollt, es anderen zu zeigen?«
»Wir verändern die planetare Oberfläche — langsam, aber sicher, um sie für menschliches Leben nutzbar zu machen. Auch wenn unsere Generation das nicht mehr erleben wird. Auch unsere Ur-Ur-Urenkel werden davon nichts haben … aber eines Tages wird es soweit sein.« Er starrte mit glänzenden Augen auf das Becken hinaus. »Offenes Wasser werden wir haben. Und große, grüne Pflanzen. Und die Menschen werden sich ohne Destillanzüge in ihren Schatten bewegen.«
Also das ist Liet-Kynes Traum, dachte sie und sagte: »Bestechungsgelder stellen eine große Gefahr dar. Sie haben die Angewohnheit, immer höher und höher zu werden.«
»Sie werden höher«, stimmte Stilgar ihr zu. »Aber im Moment ist der langsamste Weg immer noch der sicherste.«
Jessica schaute hinaus und versuchte sich vorzustellen, was Stilgar soeben mit seinen Worten ausgedrückt hatte. Aber sie sah nur Sand und Felsen und eine plötzliche Bewegung am Himmel über den Klippen.
»Ah«, sagte Stilgar.
Im ersten Moment nahm Jessica an, die Erscheinung sei ein Patrouillenfahrzeug, doch dann wurde ihr bewußt, daß sie Zeugin eines Naturschauspiels wurde: die Landschaft war von plötzlichem, grünem Pflanzenwuchs bedeckt, während im Vordergrund der Luftspiegelung ein Sandwurm über den Boden kroch, auf dessen Rücken mehrere mit Roben bekleidete Fremen balancierten.
Die Szene löste sich auf.
»Wenn wir reiten würden, kämen wir schneller voran«, erklärte Stilgar. »Aber wir können es nicht erlauben, einen Bringer in das Becken zu lassen. Deshalb müssen wir in der Nacht wieder marschieren.«
Bringer — das Fremen-Wort für den Wurm, dachte sie und überlegte, was Stilgar damit ausgesagt hatte. Sie durften keinen Wurm in das Becken hinein lassen . Gleichzeitig wurde ihr bewußt, was sie gesehen hatte: Die Fremen waren auf dem Rücken des Wurms geritten. Sie mußte sich beherrschen, um ihrem Gegenüber nicht anmerken zu lassen, wie stark sie diese Erkenntnis erschreckte.
»Wir sollten zu den anderen zurückkehren«, schlug Stilgar vor. »Ehe die Leute anfangen zu glauben, ich hätte mich hier in ein Abenteuer gestürzt. Einige scheinen mir bereits jetzt schon eifersüchtig zu sein, weil meine Hände deiner Lieblichkeit bereits im Tuono-Becken ziemlich nahe waren.«
»Genug davon!« sagte Jessica schroff.
»Keine Sorge«, erwiderte Stilgar beruhigend. »Es ist bei uns nicht üblich, Frauen gegen ihren Willen zu nehmen. Und was dich angeht …«, er zuckte die Achseln, »… so wirst du dir den gebührenden Respekt schon verschaffen.«
»Ich hoffe, du vergißt nicht, daß ich die Lady eines Herzogs war«, erwiderte Jessica gelassen.
»Wie du wünschst«, nickte Stilgar. »Aber es ist jetzt an der Zeit, diese Öffnung zu verschließen, damit meine Männer die Destillanzüge ablegen können. Sie müssen sich während des Tages ausruhen, und wenn sie es dabei etwas bequemer haben, bedeutet das viel für sie. Wenn sie erst mal bei ihren Familien sind, werden sie kaum zum Ruhen kommen.«
Sie schwiegen beide.
Jessica sah in den Sonnenschein hinaus. Es war ihr nicht entgangen, was Stilgar mit seinen Worten unterschwellig hatte ausdrücken wollen. Er hatte ihr das Angebot gemacht, mehr als nur ein Beschützer zu sein. Brauchte er eine Frau? Es war ihr klar, daß sie einen Platz an seiner Seite einnehmen konnte. Damit wäre auch jeder eventuelle Streit um den Führungsanspruch innerhalb seines Stammes von vornherein beigelegt. Mit ihren vereinten Kräften brauchten sie keine Herausforderung zu fürchten.
Aber was würde dann aus Paul werden? Wer konnte schon absehen, welche Rechte bei den Fremen die Eltern über die Kinder hatten? Und was wurde aus der noch ungeborenen Tochter, die sie seit einigen Wochen in sich trug? Was wurde aus der Tochter des toten Herzogs? Sie machte sich die Bedeutung klar, die dazu geführt hatte, diesem Kind das Leben zu schenken. Sie wußte, welchen Grund die Empfängnis gehabt hatte. Er unterschied sich nicht von dem, den alle Kreaturen, die dem Tod ins Angesicht schauen mußten, besaßen. Der Nachwuchs verschaffte einem in gewisser Beziehung die Unsterblichkeit. Wenn sie starb, lebte etwas von ihr weiter.
Jessica sah Stilgar an und merkte, daß er die Linien ihres Gesichts studierte. Eine Tochter, die von einer Frau geboren wird, deren Mann ein Fremen ist — welches wird ihr Schicksal sein? fragte sie sich. Würde er die Notwendigkeiten überhaupt anerkennen, die das Leben einer Bene Gesserit ausmachten?
Stilgar räusperte sich und bewies damit, daß er Verständnis für die Lage aufbrachte, in der Jessica sich befand. »Wichtig für einen Führer sind die Eigenschaften, die ihn zu einem Führer machen«, sagte er. »Er muß die Bedürfnisse seines Volkes kennen. Wenn du mir deine Kräfte zeigst, kommt eines Tages vielleicht der Tag, an dem wir sie messen werden müssen. Ich persönlich würde eine Alternative vorziehen.«
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