Frank Herbert - Der Wüstenplanet

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Herzog Leto Atreides erhält vom Imperator Arrakis zum Lehen, den Wüstenplaneten, eine schreckliche Welt, in der nur die Stärksten überleben können. Aber gleichzeitig ist Arrakis die wertvollste Welt der Galaxis, denn nur in ihren Dünenfeldern ist das Melange zu finden, eine Droge, die den Menschen die Gabe verleiht, in die Zukunft zu blicken. Als der Herzog Arrakis betritt, ist er so gut wie tot. Seine mächtigen Gegner haben längst alles vorbereitet, um die Familie Atreides auszurotten. Doch seinem Sohn gelingt es, in die Wüste zu entkommen und bei den Premen unterzutauchen. Er wird der Anführer, und sie nennen ihn Muad'dib. Er sammelt die Wüstenbeduinen um sich zu einem gnadenlosen Rachefeldzug.

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Jamis, der Mann, der von Paul besiegt wurde! dachte sie.

»Du kennst das Gesetz, Stilgar«, sagte Jamis.

»Und ob ich es kenne«, erwiderte Stilgar mit einer Stimme, der man anhören konnte, daß er trotz allem bereit war, eine offene Konfrontation zu vermeiden.

»Ich habe den Kampf gewählt«, knurrte Jamis.

Jessica machte einige hastige Schritte nach vorn und ergriff Stilgars Arm. »Was hat das zu bedeuten?« fragte sie.

»Es geht um die Amtal-Regel«, erklärte Stilgar. »Jamis fordert das Recht, deine Rolle in der Legende auf die Probe zu stellen.«

»Ich verlange, daß jemand für sie kämpft«, forderte Jamis. »Wenn ihr Kämpfer siegt, so ist das Recht auf ihrer Seite. Aber es heißt …«, er warf einen Blick auf die anderen Männer, »… daß sie keinen Kämpfer aus den Reihen der Fremen braucht. Und das kann nur bedeuten, daß sie ihren Kämpfer selbst mitbringt.«

Er spricht von einem Zweikampf mit Paul! wurde Jessica in diesem Augenblick klar.

Sie ließ Stilgars Arm fahren und ging einen halben Schritt vor. »Ich bin immer mein eigener Kämpfer gewesen«, stieß sie hervor. »Und deshalb werde ich, der Legende gemäß …«

»Du brauchst uns nicht unsere eigenen Legenden auszulegen«, unterbrach Jamis sie barsch. »Ich glaube jetzt gar nichts mehr. Ich will Beweise sehen. Wer sagt mir, ob Stilgar dir nicht erzählt hat, was du sagen sollst? Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, dich mit allem vollzustopfen, was du benötigst, um uns hinters Licht zu führen.«

Ich bin ihm gewachsen, dachte Jessica, aber das könnte ihrer Auslegung der Legende widersprechen. Erneut fragte sie sich, wie die Missionaria Protectiva auf diesem Planeten vorgegangen war.

Stilgar schaute Jessica an und sagte dann mit leiser Stimme: »Jamis ist einer von denen, die manchen Leuten immer etwas nachtragen müssen, Sayyadina. Da dein Sohn ihn besiegt hat …«

»Das war ein Zufall!« protestierte Jamis lauthals. »Er hat mich im Tuono-Becken nur mit einem Zaubertrick außer Gefecht gesetzt! Aber jetzt werde ich es ihm zeigen!«

»… auch ich habe ihn besiegt«, fuhr Stilgar fort. »Er hat nichts anderes vor, als durch diese Tahaddi-Herausforderung auch mich zu treffen. Jamis ist einfach viel zu gewalttätig, um jemals einen guten Führer abzugeben. Immer unterliegt er der Ghafla, der Ablenkung. Obwohl er ständig das Gerede von Regeln und Gesetzen im Munde führt, gehört sein Herz doch nur dem Sarfa, der Abwendung von ihnen. Nein, aus ihm kann niemals ein guter Führer werden. Ich habe ihn bisher nur deswegen am Leben gelassen, weil er ein guter Kämpfer ist, wenn wir einer Gefahr ins Auge sehen. Wenn er seinem Zorn erliegt, bildet er auch für uns, seine eigenen Leute, eine Gefahr.«

»Stilgarrrrr!« fauchte Jamis.

Und Jessica wurde klar, daß Stilgar sich bemühte, Jamis gegen sich selbst aufzubringen, damit er nicht Paul, sondern ihn herausforderte. Er sah Jamis an und dann hörte Jessica, wie er in einem beschwichtigenden Tonfall sagte: »Jamis, es handelt sich hier nur um einen Jungen. Er ist …«

»Du hast ihn einen Mann genannt«, erwiderte Jamis. »Und seine Mutter behauptete, er habe die Prüfung durch das Gom Jabbar bestanden . Er ist kräftig gebaut und besitzt eine Menge überschüssigen Wassers. Diejenigen, die sein Gepäck getragen haben, sagten, es befänden sich Literjons voll Wasser darin. Literjons! Und wir saugen an unseren Wasserbehältern, sobald sich auch nur ein feuchter Niederschlag gebildet hat.«

Stilgar sah Jessica an. »Ist das wahr? Ihr habt Wasser in eurem Gepäck?«

»Ja.«

»Literjons voll?«

»Zwei Literjons.«

»Was habt ihr mit diesem Reichtum anfangen wollen?«

Reichtum? dachte Jessica. Sie schüttelte den Kopf, als sie der Kälte in Stilgars Stimme gewahr wurde.

»Dort, wo ich geboren wurde«, erklärte sie, »fällt das Wasser vom Himmel und strömt in breiten Flüssen über das Land. Es gibt dort Ozeane, die so groß sind, daß man ihr Ende nicht erkennen kann. Ich bin nicht — wie ihr — an eine Art von Wasserdisziplin gewöhnt. Ich habe es bisher nicht einmal nötig gehabt, darüber nachzudenken.«

Ein Seufzen ging durch die Reihen der Fremen: »Wasser, das vom Himmel fällt … es strömt in breiten Flüssen über das Land.«

»Wußtest du, daß einige von uns durch einen Unfall Wasser aus ihren Fangtaschen verloren, so daß sie große Schwierigkeiten haben werden, Tabr in dieser Nacht zu erreichen?«

»Woher sollte ich das wissen?« fragte Jessica kopfschüttelnd. »Wenn sie Wasser benötigen, sollen sie es sich aus unserem Gepäck nehmen.«

»Hattest du das mit deinem Reichtum vor?« fragte Stilgar.

»Ich hatte vor, damit Leben zu retten«, erwiderte Jessica.

»Dann nehmen wir deinen Segen dankend an, Sayyadina.«

»Wir lassen uns mit diesem Wasser nicht kaufen«, knurrte Jamis. »Und ich werde mich auch nicht gegen dich aufbringen lassen, Stilgar. Ich weiß sehr gut, daß du beabsichtigst, meinen Zorn auf dich zu lenken, bevor ich meine Worte bewiesen habe.«

Stilgar warf ihm einen Blick zu und meinte: »Du zögerst also nicht, einen Kampf gegen ein Kind zu führen, Jamis?«

»Jemand muß für sie kämpfen.«

»Auch da sie unter meinem Schutz steht?«

»Ich bestehe auf der Amtal-Regel«, erwiderte Jamis. »Und ich verlange mein Recht.«

Stilgar nickte. »Gut. Falls der Junge es nicht schaffen sollte, dich zu besiegen, wirst du anschließend im Angesicht meines Messers deine Antworten geben müssen. Und diesmal werde ich nicht wie beim erstenmal zögern, dich zu töten.«

»Du kannst das nicht zulassen«, protestierte Jessica. »Paul ist doch erst …«

»Mische dich nicht ein, Sayyadina«, gab Stilgar zurück. »Ich weiß, daß du mich bezwingen kannst — und deswegen jeden aus unseren Reihen. Aber du kannst nicht gegen alle von uns auf einmal kämpfen. Dies hier muß sein; es ist die Amtal-Regel.«

Jessica schwieg und starrte ihm im Schein der grünen Leuchtgloben an. Ein dämonischer Zug hatte sich auf Stilgars Gesicht gelegt, während Jamis die Mundwinkel mürrisch verzog.

Ich hätte das voraussehen sollen, dachte sie. Er brütet vor sich hin. Er zählt zu jenen Leuten, deren innere Spannung sich in Gewalttätigkeiten äußert. Ich hätte darauf vorbereitet sein sollen.

»Wenn du meinen Sohn verletzt«, sagte sie zu Jamis, »bekommst du es mit mir zu tun. Dann fordere ich dich heraus. Und dann werde ich dir zeigen, wie …«

»Mutter!« Paul kam auf sie zu und berührte ihren Arm. »Vielleicht sollte ich Jamis erklären, wie …«

»Erklären«, schnaubte Jamis verächtlich.

Paul verfiel in Schweigen und sah sich den Mann genauer an. Er hatte keinerlei Angst vor ihm. Der Mann hatte sich so tolpatschig bewegt und war beinahe von allein umgefallen, als sie sich in der Nacht zwischen den Felsen begegnet waren. Und trotzdem … Ihm fiel die Vision wieder ein, die ihm seinen eigenen Körper gezeigt hatte: getötet von den Stichen eines Messers. Und es gab nicht viele Wege, der Realität dieser Vision zu entgehen …

Stilgar sagte: »Sayyadina, du solltest dich besser hier heraushalten …«

»Hör endlich auf, sie ständig Sayyadina zu nennen«, fauchte Jamis. »Das muß sie erst beweisen. Auch wenn sie unsere Gebete kennt: das besagt noch gar nichts. Gebete kennen sogar unsere Kinder!«

Er hat jetzt genug geredet, dachte Jessica. I ch könnte ihn jetzt mit einem Wort lähmen. Sie zögerte. Aber ich kann sie nicht alle festnageln.

»Du wirst also gegen mich bestehen müssen«, sagte sie in einem seltsamen Tonfall, der den Mann verunsichern mußte.

Jamis starrte sie an. Die plötzliche Furcht in seinem Gesicht war unübersehbar.

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