»Jamis hat ihm nicht einmal einen Kratzer beigebracht«, murmelte einer der Fremen. Chani erschien. Auch sie sah Paul an. Es erschien Jessica, als läge in ihrem Blick mehr als nur Überraschung. Ihre Züge zeigten offene Verehrung.
Es muß schnell und sofort geschehen, dachte Jessica. Sie legte allen Zynismus zu dem sie fähig war in ihre Stimme und sagte mit sichtlicher Verachtung: »Nun, mein Junge — wie fühlt man sich als Killer?«
Paul zuckte zusammen, als hätte man ihm in den Leib getreten. Sein Blick traf auf die kalten Augen seiner Mutter und im gleichen Augenblick wurde er rot. Unwillkürlich schaute er zu der Stelle hinüber, an der eben noch Jamis gelegen hatte.
Stilgar quetschte sich durch die Umstehenden an Jessicas Seite. Er kam aus der Richtung, in die man Jamis' Leiche gebracht hatte und sagte, Paul zugewandt, in einem bitteren, wenngleich kontrollierten Tonfall:
»Wenn eines Tages die Zeit kommen sollte, an der du mich zum Kampf um meine Burda herausforderst — glaube nicht, daß du mit mir so spielen kannst wie mit Jamis.«
Es blieb Jessica nicht verborgen, wie ihre und Stilgars Worte auf Paul einwirkten. Man irrte sich in Paul, wenn man ihn für einen Sadisten hielt — aber dieser Irrtum erfüllte einen guten Zweck. Sie blickte auf die sie umgebenden Gesichter und sah in ihren das gleiche wie Paul: Verehrung, aber auch Furcht. Vielleicht sogar auch Haß. Sie musterte Stilgar und erkannte an seinem Fatalismus, wie der Kampf auf ihn gewirkt haben mußte.
Paul sah seine Mutter an. »Du weißt, was es war«, sagte er.
Er kam also wieder auf den Boden zurück. Jessica warf einen Blick auf die Umstehenden und sagte dann: »Paul hat niemals zuvor einen Menschen mit einem Messer getötet.«
Stilgar starrte sie ungläubig an.
»Ich habe nicht mit ihm gespielt«, fügte Paul jetzt hinzu. Er drängte sich zu seiner Mutter durch, glättete seine Robe und warf einen Blick auf den Blutfleck, der auf dem felsigen Boden zurückgeblieben war. »Ich wollte ihn auch gar nicht umbringen.«
Stilgar schien ihm allmählich zu glauben. Der Führer der Fremen spielte unentschlossen mit seinem Bart. Die anderen murmelten überrascht.
»Deswegen hast du ihn also aufgefordert, sich zu ergeben«, meinte Stilgar. »Ich verstehe jetzt. Wir gehen nach anderen Regeln vor, aber du wirst auch darin bald einen Sinn erkennen. Ich hatte an sich schon angenommen, wir hätten einen Skorpion in unserem Stamm aufgenommen.« Er zögerte und meinte schließlich: »Ich sollte dich von nun an nicht mehr einen Jungen nennen.«
Eine Stimme aus dem Hintergrund rief: »Er braucht jetzt einen Namen, Stil.«
An seinen Barthaaren zerrend, nickte Stilgar. »Ich sehe Stärke in dir … ähnlich der Stärke einer Säule.« Er machte eine Pause und fuhr fort: »Wir wollen dich auf den Namen Usul taufen, nach der Basis, ohne die keine Säule bestehen kann. Usul wird dein geheimer Name sein, der, unter dem du in der Truppe bekannt sein wirst. Die Leute unseres Sietch Tabr dürfen ihn benutzen, niemand anders … Usul.«
Ein Murmeln ging durch die Truppe. »Ein guter Name … voller Kraft … er wird uns Glück bringen!« Und Jessica spürte, daß man damit nicht nur Paul akzeptierte, sondern auch sie. Erst jetzt galt sie wirklich als Sayyadina.
»Und welchen Mannesnamen, mit dem du in der Öffentlichkeit angesprochen werden willst, wählst du? « fragte Stilgar.
Paul sah seine Mutter an und schaute dann wieder auf Stilgar. Sein anderes Bewußtsein begann plötzlich wieder zu arbeiten und wies ihn auf etwas Bestimmtes hin. Es war wie ein Druck; ein Druck, der auf ihm lastete und ihn zwar, eine Tür in die Gegenwart aufzustoßen.
»Wie nennt ihr die kleine Maus, die hüpft?« fragte er und erinnerte sich gleichzeitig an das hopp-hopp , das ihn im Tuono-Becken so fasziniert hatte. Er verdeutlichte mit einer Hand, was er meinte.
Ein Grinsen ging durch die Reihen der Männer.
»Wir nennen sie Muad'dib«, sagte Stilgar.
Jessica schnappte nach Luft. Es war genau der Name, von dem Paul ihr erzählt hatte; von dem er behauptet hatte, daß die Fremen ihn unter diesem Namen anerkennen und bei sich aufnehmen würden. Sie hatte plötzlich Angst um und vor ihrem Sohn.
Paul schluckte. Ihm wurde plötzlich bewußt, daß er hier eine Rolle spielte, die er in seinem Bewußtsein bereits zahllose Male gespielt hatte … und doch … es gab einige Unterschiede. Er fühlte sich wie ein Mann auf einem hohen Berggipfel, der von finsteren, nebelverhangenen Abgründen umgeben ist.
Und erneut erinnerte er sich an die Vision fanatischer Legionen, die dem grünen Banner der Atreides' folgten, die mordend und brennend durch das Universum rasten. Im Namen ihres Propheten Muad'dib.
Dies darf auf keinen Fall geschehen, sagte er sich.
»Ist das der Name, den du zu tragen wünschst — Muad'dib?« fragte Stilgar.
»Ich bin ein Atreides«, flüsterte Paul. Und dann, lauter: »Es ist nicht recht, daß ich völlig den Namen aufgebe, den mein Vater mir gab. Wäre es möglich, daß ich unter euch den Namen Paul-Muad'dib trage?«
»Du bist Paul-Muad'dib«, erwiderte Stilgar.
Und Paul dachte: Dies hat es in keiner meiner Visionen gegeben. Ich habe etwas verändert.
Aber er hatte weiterhin das Gefühl, daß er von Abgründen umgeben war.
Erneut begannen die Fremen zu murmeln: »Weisheit, gepaart mit Stärke … Mehr kann man nicht verlangen … Genau wie es in der Legende heißt … Lisan al-Gaib … Lisan al-Gaib …«
»Ich werde dir etwas über deinen neuen Namen sagen«, erklärte Stilgar. »Die Wahl, die du getroffen hast, ehrt uns, denn Muad'dib beherrscht die Kunst, in der Wüste zu existieren. Muad'dib erzeugt sein eigenes Wasser. Muad'dib versteckt sich vor der Sonne und bewegt sich in der kühlen Nacht. Muad'dib ist fruchtbar und bevölkert das Land. Wir nennen Muad'dib den Lehrer der Jungen. Du hast eine gute Grundlage für das Leben in unserer Mitte geschaffen, Paul-Muad'dib, der in unseren eigenen Reihen als Usul bekannt werden wird. Wir heißen dich willkommen.«
Stilgar berührte Pauls Stirn mit der Handfläche, zog sie zurück, umarmte ihn und sagte: »Usul.«
Kaum hatte Stilgar ihn aus seiner Umarmung entlassen, als der nächste Mann bereits heran war und dasselbe mit ihm tat. Auch er wiederholte Pauls neuen Truppennamen. Umarmung auf Umarmung folgte, und jeder der Fremen murmelte: »Usul … Usul … Usul.« Einige der Wüstenmänner kannte er bereits beim Namen. Und dann kam auch Chani, preßte sich an ihn und drückte ihre Wange gegen die seine.
Schließlich stand Paul wieder vor Stilgar, der sagte: »Du bist nun einer der Ichwanbeduinen — unser Bruder.« Seine Züge verhärteten sich plötzlich, und er fuhr fort, in einem Tonfall, der einem knappen Kommando glich: »Und jetzt, Paul-Muad'dib, schließt du auf der Stelle deinen Destillanzug!« Er schaute zu Chani hinüber. »Chani! Paul-Muad'dibs Nasenfilter sitzen so erbärmlich schlecht, wie ich es noch bei keinem Mann bisher gesehen habe! Sagte ich dir nicht, du solltest auf ihn achtgeben?«
»Ich hatte keine Möglichkeit, ihm bessere zu geben, Stil«, verteidigte sich das Mädchen. »Aber wir haben noch die von Jamis, aber …«
»Genug davon!«
»Dann gebe ich ihm eine von meinen«, erwiderte Chani. »Ich kann mit einem Filter auskommen, bis wir …«
»Das wirst du nicht«, sagte Stilgar. »Ich weiß doch, daß wir ein paar Ersatzfilter bei uns haben. Wo stecken sie? Her damit. Sind wir eine Truppe oder ein lausiger Räuberhaufen?«
Sofort streckten die Männer die Hände aus und reichten ihm das Gewünschte. Stilgar wählte vier Filter aus und gab sie Chani.
»Die sind für Usul und die Sayyadina.«
Einer der Männer fragte: »Was ist mit dem Wasser, Stil? Ich meine die Literjons in ihrem Gepäck?«
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