Er fühlte sich plötzlich viel jünger, als er auf das Zentrum des Kreises zuging, als sei er auf der Suche eines verlorenen Fragmentes seiner selbst, das er hier zu finden hoffte. Er beugte sich über die Reste von Jamis' Eigentum und griff nach dem Baliset. Eine Saite schepperte leise, als er sie mit den Fingern berührte.
»Ich war ein Freund von Jamis«, erklärte er flüsternd.
Er fühlte heiße Tränen in seinen Augen und zwang sich zum Weitersprechen. »Jamis … brachte mir bei … daß, wenn man einen Menschen tötet … man dafür bezahlen muß. Ich wünschte, ich hätte ihn besser gekannt.«
Tränenblind stolperte er zu seinem Platz zurück und sank auf den Felsen.
Eine Stimme zischte: »Er vergießt Tränen!«
Sofort wisperten die anderen: »Usul gibt den Toten Wasser!«
Paul fühlte tastende Hände auf seinen Wangen und hörte erschrecktes Geflüster.
Jessica, die die Stimmen ebenfalls hörte, spürte die tiefe Erschütterung der Fremen und wurde sich erst jetzt darüber klar, welche tiefe Bedeutung sie demjenigen zumaßen, der für einen anderen Tränen vergoß. Welche Bedeutung diese Verschwendung von Flüssigkeit unter ihnen hatte. Jemand hatte gesagt: »Usul gibt den Toten Wasser.« Es war ein Geschenk an die Schattenwelt: Tränen. Es bedeutete, daß er den Toten segnete.
Nichts auf diesem Planeten hätte ihr die Wichtigkeit des Wassers besser einhämmern können. Weder die Wasserverkäufer noch die ausgetrocknet wirkenden Körper der Eingeborenen, weder die Destillanzüge noch die Gesetze der Wasserdisziplin: das Vergießen von Tränen war das Vergießen von Leben selbst.
Wasser.
»Ich habe seine Wange berührt«, flüsterte jemand. »Ich habe das Geschenk gespürt.«
Zuerst hatten die tastenden Finger Paul einen Schrecken eingejagt und seine Hände hielten den Hals des Balisets so fest umklammert, daß die Saiten in seine Finger bissen. Dann sah er die Augen der Männer, die die Arme nach ihm ausstreckten. Sie waren weitgeöffnet und blickten erstaunt.
Dann zogen sich die Hände wieder zurück. Die Zeremonie nahm ihren weiteren Verlauf, aber Paul saß nun von den anderen, die ihm dadurch respektvoll ihre Ehre erwiesen, etwas getrennt. Der Ritus endete mit einem leisen Gesang.
»Der Vollmond ruft dich
Du wirst den Shai-Hulud schauen;
Rote Nacht, staubiger Himmel,
Einen blutigen Tod starbst du.
Wir beten zu einem Mond
Das Glück wird mit uns sein,
Wonach wir suchen, wird gefunden
Im Land mit festem Boden.«
Nachdem Jamis' Eigentum verteilt worden war, blieb vor Stilgars Füßen nur noch ein bauchiger Sack zurück. Stilgar kniete sich hin und tastete ihn mit den Handflächen ab. Neben ihm tauchte eine weitere Gestalt auf, die ihn mit dem Ellbogen berührte. Unter der Kapuze erkannte Paul die Gesichtszüge Chanis.
»Jamis hat dreiunddreißig Liter vom Wasser unseres Stammes getragen«, sagte sie. »Ich segne es in der Gegenwart einer Sayyadina. Ekkeri-akkairi, dies ist das Wasser, fillissin-follasy, des Paul-Muad'dib! Kivi a-kavi, nakalas! Nakelas! Es sei gesegnet und gemessen, ukair-an, an den Herzschlägen, jan-jan-jan, unseres Freundes … Jamis.«
In einer abrupten und völligen Stille wandte sich Chani um und sah Paul an. Dann sagte sie: »Wo ich die Flamme bin, sollst du die Kohle sein. Wo ich der Tau bin, sollst du das Wasser sein.«
»Bi-lal kaifa«, murmelten die Fremen.
»Dieses Wasser geht an Paul-Muad'dib«, fuhr Chani fort. »Möge er es bewachen für den Stamm und es beschützen gegen die Unvorsichtigkeit. Möge er freigebig damit in Zeiten der Not umgehen. Möge er es zum Nutzen des Stammes bewahren.«
»Bi-lal kaifa«, wiederholten die Umstehenden.
Ich muß das Wasser annehmen, dachte Paul. Langsam stand er auf und bahnte sich einen Weg an Chanis Seite. Stilgar wich zurück, um ihm Platz zu machen und nahm ihm sanft das Baliset aus der Hand.
»Knie dich hin«, verlangte Chani.
Paul tat es.
Sie führte seine Hände über den Wassersack und hielt sie dort fest. »Der Stamm vertraut dir dieses Wasser an«, sagte sie. »Jamis benötigt es nicht mehr. Nimm es in Frieden.« Sie richtete sich wieder auf und zog Paul gleich mit sich.
Stilgar gab ihm das Baliset zurück und zeigte dabei eine Reihe metallener Ringe in der Handfläche. Paul schaute sie sich an. Sie hatten verschiedene Größen und im Licht des Leuchtglobus' glitzerten sie auf.
Chani nahm den größten der Ringe und zog ihn sich über einen Finger.
»Dreißig Liter«, sagte sie. Sie nahm die übrigen einen nach dem anderen, zeigte sie Paul und zählte sie dabei. »Zwei Liter; ein Liter; fünf Zehntelliter — insgesamt bedeuten diese Ringe dreiunddreißigsechzehntel Liter.«
Sie hielt die Hand hoch, damit er sie sehen konnte.
»Du nimmt sie an?« fragte Stilgar.
Paul schluckte. Schließlich nickte er. »Ja.«
»Später«, sagte Chani, »werde ich dir zeigen, wie man es in ein Tuch wickelt, ohne daß es klimpern kann und dich verraten, wenn du in einer Situation bist, in der es still sein muß.« Sie schloß die Hand wieder.
»Willst du es … solange für mich tragen?« fragte Paul.
Chani sah kurz Stilgar an.
Stilgar lächelte und sagte zu Chani: »Paul-Muad'dib, der Usul ist, kennt unsere Regeln noch nicht so genau. So trage denn seine Wasserringe ohne weitere Verpflichtung, bis es Zeit ist, ihm die richtige Tragweite zu erklären.«
Chani nickte, nahm einen Tuchstreifen aus ihrer Robe, zog die Metallringe wie Perlen darüber, zögerte und ließ sie schließlich wieder verschwinden.
Ich habe irgend etwas verpaßt, dachte Paul. Er spürte die leichte Amüsiertheit der ihn umgebenden Menschen, sah in ihrem Lächeln eine Art gutmütigen Spott und wußte plötzlich, was er getan hatte: Wasserringe an eine Frau abgeben — das konnte nur eine Art Liebeswerbung darstellen.
»Wassermeister«, sagte Stilgar.
Der Trupp erhob sich mit raschelnden Roben. Zwei Männer kamen aus der Menge zum Vorschein und hoben den Wassersack. Stilgar nahm den Leuchtglobus und führte sie aus der Höhle hinaus.
Paul, der hinter Chani ging, sah, wie das Licht über gezackte Felsvorsprünge fiel, sah das Tanzen der Schatten und fühlte, daß die Truppe in beinahe euphorischer Stimmung marschierte. Jessica, eingekeilt zwischen einer Reihe von Männern, wurde beinahe von Panik ergriffen. Sie hatte eine Anzahl von Fragmenten des Ritus erkannt und eine Reihe von Bedeutungen der Chakobsa und Bhotani-Jib aus den Worten herausgelesen, und ihr wurde plötzlich bewußt, welche Gewalt daraus erwachsen konnte.
Jan-jan-jan, dachte sie. Vorwärts, vorwärts, vorwärts!
Es war wie ein Kinderspiel, das in den Händen Erwachsener seine ursprüngliche Bedeutung verloren hatte.
An einer gelben Felswand hielt Stilgar an, drückte auf einen Vorsprung. Die Wand glitt lautlos zurück und öffnete sich zu einer gewöhnlichen Spalte. Er führte sie an einem Gestell entlang, das wabenförmig war und aus dem ein kühler Luftzug blies.
Paul warf Chani einen fragenden Blick zu und berührte ihren Arm. »Die Luft schien mir feucht zu sein«, meinte er.
»Pscht«, flüsterte Chani.
Hinter ihnen sagte ein Mann: »Ganz schön viel Feuchtigkeit heute abend in der Falle. Jamis zeigt uns damit an, daß er mit uns zufrieden ist.«
Als Jessica die geheime Tür passierte, hörte sie, wie sie sich hinter ihr schloß. Die Fremen verlangsamten ihren Schritt, als sie in die Nähe des Gestells kamen, unweigerlich konnte auch sie sich der Kühle nicht entziehen.
Eine Windfalle, dachte sie. Irgendwo an der Oberfläche haben sie eine Windfalle versteckt aufgebaut und leiten die Luft in kühlere Bereiche hinunter, wo sie ihr die Feuchtigkeit entnehmen.
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