Erneut passierten sie einen Eingang, der sich hinter ihnen schloß. Der Luftzug, der ihnen zuteil wurde, war herrlich. An der Spitze des Zuges begann Stilgar, der den Leuchtglobus noch immer trug, bergab zu gehen. Paul spürte plötzlich Stufen unter den Füßen, die sich nach links unten wandten. Das Licht beschien jetzt die Kapuzen zahlreicher Menschen, die über eine spiralförmige Treppe nach unten kletterten.
Jessica spürte die anwachsende Spannung der Fremen in ihrer Nähe. Die beinahe bedrückende Stille zerrte an ihren Nerven.
Die Stufen endeten, und der Trupp passierte eine weitere Tür. Der große Raum, in den sie jetzt kamen, verschluckte das Licht in Stilgars Hand fast völlig. Hoch über ihnen wölbte sich ein stark gekrümmter Felsendom.
Paul fühlte Chanis Hand auf seinem Arm, hörte ein mattes Tröpfeln in der kühlen Luft und nahm das ehrfürchtige Schweigen der Männer wahr, die sich in einer Kathedrale befanden, in der es Wasser gab.
Ich habe diesen Ort in einem Traum gesehen, dachte er.
Der Gedanke war erhebend und frustrierend zugleich. Irgendwo, irgendwann in der Zukunft, würden sich fanatische Kämpferhorden ihren Weg durch das Universum brennen — in seinem Namen. Das grüne Banner der Atreides würde zu einem Symbol des Terrors werden. Wilde Legionen würden in Schlachten ziehen und dabei würde ihr Kriegsruf sein: »Muad'dib!«
Das darf nicht sein, dachte Paul. Ich werde das verhindern müssen.
Aber dennoch konnte er fühlen, wie es in ihm zog und zerrte, daß etwas ihn einem schrecklichen Ziel entgegensteuerte und gleichzeitig sah er mit aller Schärfe, daß nichts in der Lage war, sich diesem Moloch zu widersetzen. Wucht und Triebkraft. Selbst wenn er in diesem Moment starb, war damit das Schicksal seiner Mutter und seiner ungeborenen Schwester nicht besiegelt. Wenn er etwas aufhalten wollte, erforderte es nicht weniger als den Tod aller, die jetzt um ihn herum versammelt waren, ihn, seine Mutter und deren ungeborene Tochter eingeschlossen.
Paul sah sich um und registrierte, daß die Fremen nach rechts und links weitergingen, bis sie in einer Linie vor einer Felsbarriere standen. Paul beugte sich vor. Im Schein von Stilgars Lampe erkannte er eine dunkle Wasserfläche, die sich so weit in die Schatten hinein erstreckte, daß ihr anderes Ende mindestens einhundert Meter entfernt war.
Jessica fühlte angesichts dieser Wassermenge ein trockenes Ziehen auf ihren Wangen und der Stirn. Der Wasserspiegel lag tief unter ihr, und obwohl sie die Tiefe spüren konnte, mußte sie sich zurückhalten, um nicht die Hand auszustrecken.
Links von ihr plätscherte etwas. Als sie an der schattenhaften Linie der Fremen entlangsah, erkannte sie Stilgar und Paul, die neben den Wassermeistern standen, die gerade den Inhalt des Wassersacks durch einen Trichter schütteten. Bevor das Wasser ins Becken lief, betätigte es den Zeiger eines Meßgerätes, der genau bei der vorher angegebenen Menge stehenblieb.
Was Wasser angeht, dachte Jessica, so messen sie es genau. Ihr fiel auf, daß auf der Innenseite des Trichters nicht der geringste Tropfen zurückblieb. Die Flüssigkeit lief an der glatten Fläche hinab, ohne den kleinsten Widerstand zu treffen. Nun wurde ihr bewußt, auf welcher Prämisse die Technologie der Fremen basierte: sie waren ganz einfach Perfektionisten.
Sie bahnte sich einen Weg zu Stilgar. Die Männer machten ihr ehrerbietig Platz. Pauls Blick sah etwas gedankenverloren aus aber das Geheimnis dieser Wasseransammlung beschäftigte sie in diesem Augenblick weitaus mehr.
Stilgar maß sie mit einem Blick. »Es waren einige unter uns, die dringend Wasser brauchten«, erklärte er. »Aber dennoch wären sie nicht hierhergekommen, um welches aus diesem Becken zu schöpfen. Kannst du dir das vorstellen?«
»Ich glaube es«, erwiderte sie.
Stilgar schaute auf das Becken. »Wir haben hier mehr als achtunddreißig Millionen Dekaliter«, fuhr er fort. »Es ist hier vor den kleinen Bringern geschützt. Es ist versteckt und bewacht.«
»Eine Schatzkammer«, nickte Jessica.
Stilgar hob die Lampe, um ihr besser in die Augen blicken zu können. »Es ist weit mehr als ein Schatz. Wir besitzen Tausende solcher Höhlen, aber nur ein paar von uns kennen alle.« Er deutete mit dem Kopf zur Seite, und das Licht warf einen leuchtend roten Schatten über sein bärtiges Gesicht. »Hörst du das?«
Sie lauschten.
Wasser tröpfelte aus der Windfalle und plätscherte in das Bassin. Das Geräusch schien den ganzen Raum auszufüllen. Es fiel Jessica auf, daß der ganze Trupp diesem Geräusch zuhörte. Nur Paul schien noch immer völlig versunken zu sein.
Für ihn hörte sich das Tröpfeln an wie das Ticken einer Uhr, die anzeigte, wie die Zeit verstrich. Er fühlte, wie die Zeit ihn durchfloß, wie die Momente vergingen ohne jemals wieder zurückzukehren. Es drängte ihn danach, etwas zu tun, aber er war zu keiner Bewegung fähig.
»Wir haben alles genauestens ausgerechnet«, erklärte Stilgar mit lauter werdender Stimme. »Wir wissen bis auf eine Million Dekaliter genau, wieviel wir brauchen werden. Und wenn wir es haben, wird es das Angesicht des Planeten verändern.«
Die Fremen flüsterten zustimmend: »Bi-lal kaifa.«
»Wir werden die Dünen bepflanzen, damit sie nicht mehr fortlaufen können«, fuhr Stilgar fort. »Und wir bewahren das Wasser mit Hilfe von Bäumen und Büschen im Boden.«
»Bi-lal kaifa«, erwiderten die Fremen.
»Von Jahr zu Jahr zieht sich das Polareis zurück«, sagte Stilgar.
»Bi-lal kaifa«, sangen die Männer.
»Wir werden eine Heimat aus Arrakis machen, mit Schmelzlinsen an den Polen, mit Seen in den gemäßigten Zonen. Die Wüsten werden nur noch weit draußen existieren, für den Bringer und das Gewürz.«
»Bi-lal kaifa.«
»Und kein Mensch wird jemals wieder nach Wasser dürsten. Jeder soll das aus Brunnen, Teichen, Seen oder Kanälen schöpfen können, was er will. Das Wasser wird durch die Qanats fließen und unsere Pflanzen bewässern. Es wird da sein, für jeden, der es braucht. Und es wird ihm gehören, wenn er nur die Hand ausstreckt.«
»Bi-lal kaifa.«
Jessica spürte das religiöse Ritual in seinen Worten und stellte fest, daß sie, gleich den anderen, jedesmal mit den gleichen Worten der Bestätigung geantwortet hatte. Sie haben mit der Zukunft einen Pakt geschlossen, dachte sie. Sie haben sich einen Berg dahingestellt, den sie zu erklimmen bereit sind. Dies ist der Wunschtraum eines jeden Wissenschaftlers … und diese einfachen Leute, dieses Wüstenvolk ist davon erfüllt.
Sie dachte an Liet-Kynes, den planetaren Ökologen des Imperators zurück, dem Mann, der sich den Eingeborenen angepaßt hatte. Und sie wunderte sich über ihn. Dies alles war ein Traum, der die Seelen der Menschen für sich gefangennahm, und sie glaubte, die Hand des Ökologen dahinter zu verspüren. Es war ein Traum, für den Menschen gerne bereit waren zu sterben. Und das gehörte zu den wichtigsten Voraussetzungen, derer ihr Sohn dringend benötigte: ein Volk mit einem Ziel. Es würde nicht schwer sein, ein solches Volk zu begeistern und mitzureißen; sie würden sich leicht in das Schwert verwandeln lassen, das Paul benötigte, wollte er den ihm zustehenden Platz zurückerobern.
»Wir werden jetzt gehen«, sagte Stilgar, »und darauf warten, daß der erste Mond aufgeht. Wenn Jamis sicher auf seinem Weg ist, gehen auch wir nach Hause.«
Zustimmend murmelnd warfen die Männer noch einen sehnsüchtigen Blick auf das Bassin und machten sich dann wieder an den Aufstieg.
Paul, der hinter Chani ging, spürte jetzt, daß ein bestimmter Moment an ihm vorübergezogen war, ohne daß er eine grundsätzliche Entscheidung getroffen hätte. Er war ganz in seinem eigenen Mythos gefangen. Ihm war sicher, daß er diesen Ort bereits vorher gesehen und in einem Fragment eines Voraustraums auf Caladan erforscht hatte. Jetzt mußte er jedoch feststellen, daß der Platz ihm Details gezeigt hatte, die ihm unbekannt gewesen waren. Irgendwie berührten ihn die Grenzen seiner Kraft mit einem unverständlichen Schauder. Er kam sich vor, als ritte er auf einem Zeitstrom, manchmal in seiner Mitte, manchmal an seinem Rand, während links und rechts, oben und unten weitere Ströme dahinjagten, die ihm die Sicht versperrten.
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