Wieder entwischte Paul ihm und griff zu langsam an.
Und wieder.
Und wieder.
Jedesmal kam sein Konterschlag einen Augenblick zu spät.
Dann sah Jessica etwas, und sie hoffte inständig, daß es Jamis nicht auffiel: Paul parierte zwar jeden Angriff blitzschnell, aber sein Messer befand sich immer an genau der Stelle, die die richtige gewesen wäre, hätte ein Schild den Angriff abgelenkt.
»Spielt dein Sohn mit diesem Narren?« fragte Stilgar leise. Bevor sie ihm eine Antwort geben konnte, gab er ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dies nicht zu tun. »Tür mit leid, aber du mußt noch immer schweigen.«
Paul und Jamis begannen einander nun zu umkreisen. Jamis hielt das Messer ausgestreckt von sich, während Paul gebeugt dahinschlich, die Waffe gesenkt.
Jamis griff wieder an, und diesmal warf er sich nach rechts; in die Richtung, in die Paul beim letztenmal ausgewichen war.
Anstatt auszuweichen und sich zurückzuziehen, stieß Paul zu und traf die Hand des Angreifers mit der Spitze seiner Klinge. Dann war er plötzlich verschwunden und bewegte sich, der Warnung Chanis gemäß, nach links.
Jamis sprang in die Mitte des Ringes zurück und rieb seine Hand. Blut tropfte aus seiner Wunde. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Paul an. Er war unverkennbar wütend.
»Ah, das hat er gemerkt«, murmelte Stilgar.
Paul bewegte sich wie jemand, der einen Angriff plant und rief seinem Kontrahenten, so wie man es ihm beigebracht hatte, zu: »Gibst du auf?«
»Hah!« schrie Jamis.
Die Männer begannen erregt zu murmeln.
»Ruhe!« schrie Stilgar. »Der Junge kennt nicht die Gesetze unseres Volkes.« Zu Paul gewandt sagte er: »In einer Tahaddi-Herausforderung kann sich niemand ergeben. Dieser Kampf endet mit dem Tod eines Beteiligten.«
Jessica fiel auf, daß Paul schluckte. Und sie dachte: Er hat noch nie einen Menschen in einem Zweikampf getötet. Ist er überhaupt dazu in der Lage?
Paul wich langsam nach rechts aus, während Jamis ihm folgte. Erneut drangen die ihn umgebenden Wahrscheinlichkeitsfaktoren auf ihn ein. Sein neues Bewußtsein sagte ihm klar, daß er zu vielen Faktoren ausgesetzt war, um irgendeiner vorausberechneten Linie zu folgen.
Die Varianten waren unendlich — deswegen erschien ihm diese Grotte wie ein tiefschwarzes Loch auf dem Pfad, den er zu gehen hatte. Er fühlte sich wie ein Fels in einem reißenden Strom, und je mehr er sich bewegte, desto stärker und zahlreicher wurden die Strudel, denen er ausweichen mußte.
»Mach ein Ende, Junge«, murmelte Stilgar. »Spiel nicht mit ihm.«
Paul drang tiefer in den Ring vor.
Jamis griff nun langsamer an. Offenbar war er sich der Tatsache bewußt geworden, daß dieser Außenweltler nicht das leichte Opfer war, das er sich vorgestellt hatte.
Jessica sah den Schatten der Ernüchterung auf dem Gesicht des Wüstenbewohners. Jetzt ist er am gefährlichsten, dachte sie. Er ist verzweifelt und zu allem fähig. Er hat herausgefunden, daß Paul nichts mit den Kindern seines eigenen Volkes gemein hat, sondern daß er eine Kampfmaschine ist, die von klein auf hart trainiert wurde. Die Angst, die ich in sein Herz gepflanzt habe, wird nun Früchte tragen.
Sie stellte fest, daß sie für Jamis so etwas wie Mitleid empfand. Das Gefühl war beinahe so stark, wie die Angst um den eigenen Sohn.
Jamis ist zu allem fähig … und deswegen kann man sein Handeln so schwer berechnen. Sie fragte sich, ob Paul auch diese Begegnung in seinen Visionen vorausgesehen hatte und über ihren Ausgang informiert war. Aber als sie sah, wie sich ihr Sohn bewegte, wie er sich anstrengte, nicht der Unterlegene zu sein, wurde ihr klar, wie begrenzt seine Gabe sein mußte.
Paul verschärfte den Kampf nun, ohne jedoch ernsthaft anzugreifen. Er umkreiste Jamis schnell und sah die Furcht im Gesicht des anderen. Er erinnerte sich plötzlich an etwas, das Duncan Idaho einst zu ihm gesagt hatte: »Sobald du feststellst, daß dein Gegner Angst vor dir hat, gib ihm die Möglichkeit, mit dieser Angst eine Weile allein zu sein. Laß aus der einfachen Angst pures Entsetzen werden. Ein entsetzter Mensch hat seinen größten Gegner in sich selbst. Möglicherweise wird er dazu übergehen, aus reiner Verzweiflung anzugreifen. Das ist für ihn der gefährlichste Augenblick, denn ein Verzweifelter begeht in einem solchen Moment einen nicht zu unterschätzenden Fehler. Deine Ausbildung wird dir dabei helfen, diesen Fehler früh genug zu erkennen und für dich zu nutzen.«
Die Fremen begannen zu murren.
Sie glauben, daß Paul tatsächlich mit Jamis spielt, dachte Jessica. Sie halten ihn für unnötig grausam.
Aber sie spürte ebenfalls, daß die sie umringenden Männer aufgeregt waren und das Schauspiel sichtlich genossen. Auch sah sie, daß der Druck, unter dem Jamis stand, sich von Minute zu Minute vergrößerte. Der Moment, an dem er explodieren würde, war bereits abzusehen. Auch Jamis mußte das wissen … oder Paul. Jamis sprang vor und stieß mit der rechten Hand zu. Aber sie war leer. Er hatte blitzschnell die Kampfhand gewechselt und Paul auf diese Art zu täuschen versucht.
Jessica stöhnte auf.
Aber Paul war von Chani gewarnt worden: »Jamis kann mit beiden Händen kämpfen.« Und er hatte es seiner Ausbildung zu verdanken, daß er diesen Trick sofort durchschaute. »Behalte das Messer im Auge — und nicht die Hand, die es führt« , hatte Gurney Halleck ihm einst erzählt. »Das Messer ist gefährlicher als die Hand, und es kann in jeder Hand auftauchen.«
Und Paul hatte Jamis' Fehler erkannt: die schlechte Fußstellung, die der Mann zu korrigieren hatte, um den falschen Stoß zu vertuschen und zu einem richtigen Angriff anzusetzen, hatte eine zusätzliche Sekunde gekostet.
Trotz des gelblichen Lichts und der leuchtenden Augen der erregten Zuschauer hatte Paul plötzlich wieder das Gefühl, sich im Trainingsraum zu befinden. Schilde nützten nichts in einer Umgebung, wo man die Bewegungen des gegnerischen Körpers ausnutzen konnte. Paul hob das Messer, warf sich zur Seite und zog die Klinge wieder hoch, die genau in die Brust des Mannes traf. Dann trat er zurück und sah Jamis fallen.
Der Fremen fiel auf das Gesicht, krümmte sich noch einmal zusammen, stieß einen dumpfen Seufzer aus und hob ein letztesmal den Kopf, um Paul anzusehen. Dann blieb er liegen. Seine toten Augen sahen aus wie Glasperlen.
»Jemanden mit der Spitze zu töten« , hatte Idaho Paul einst gesagt, »ist keine große Kunst. Aber das soll dich nicht davon abhalten, den Augenblick zu nutzen, wenn er sich dir präsentiert.«
Die Gruppe der Fremen löste sich auf, füllte die Stelle, an der soeben noch der Ring gewesen war und drückte Paul zur Seite. Rasch hoben die Männer Jamis auf. Eine Gruppe verschwand mit seinem Leichnam in den Tiefen der Grotte, nachdem sie den Körper in eine Robe gewickelt hatten.
Jamis war nicht mehr zu sehen.
Jessica drängte sich nach vorn zu ihrem Sohn. Ihr schien, als schwämme sie in einem Meer aus schwitzenden Körpern, die keinen Laut von sich gaben.
Jetzt ist der schreckliche Augenblick gekommen, dachte sie. Er hat in klarem Bewußtsein seiner eigenen Kraft einen Menschen getötet. Es darf auf keinen Fall soweit kommen, daß er einen solchen Sieg wie einen Triumph genießt.
Sie zwängte sich durch die Umstehenden bis in die schmale Nische, wo gerade zwei Fremen dabei waren, Paul in seinen Destillanzug zu helfen.
Jessica starrte ihn an. Pauls Augen glänzten. Er atmete schwer und machte keine Anstalten, den beiden Männern, die ihn unterstützten, durch einige leichte Bewegungen zu helfen.
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