»Ich werde dir Schmerz zufügen«, fuhr Jessica fort, »gegen den das Gom Jabbar ein Kinderspielzeug ist, verstehst du? Ich werde dafür sorgen, daß dein ganzer Körper sich anfühlt, als seien tausend glühende Nadeln am Werk, ihn …«
»Sie versucht mich mit einem Bann zu belegen«, keuchte Jamis und preßte die rechte Hand gegen sein Ohr. »Ich verlange, daß sie auf der Stelle schweigt!«
»So sei es«, fiel Stilgar ein. Er warf Jessica einen warnenden Blick zu. »Wenn du noch einmal sprichst, Sayyadina, werden wir alle wissen, daß du eine Zauberkraft benutzt, um Jamis kampfunfähig zu machen.« Er nickte ihr zu und gab ihr damit das Zeichen, zurückzutreten.
Jessica spürte, daß mehrere Hände sie zurückzogen und spürte, daß diese Geste keinesfalls unfreundlich gemeint war. Paul wurde von der Gruppe abgetrennt und Chani flüsterte, während sie in die Richtung Jamis' nickte, ihm etwas ins Ohr.
Die Fremen traten zurück, bis ein großer Kreis entstand. Einige rasch herangebrachte Leuchtgloben beleuchteten die Szenerie. Jamis trat in den Ring, stieg aus seiner Robe und warf sie einem anderen Fremen zu. Einige Sekunden lang stand er in seiner grauen Montur da, dann beugte er den Kopf und trank einen Schluck Wasser aus dem Schlauch, der zu einer der Fangtaschen des Destillanzuges führte. Schließlich straffte sich seine schlanke Gestalt, und er zog den Anzug ebenfalls aus. Sorgfältig legte er ihn zusammen und warf ihn einem anderen Mann in der Menge zu. Er trug jetzt nur noch eine Art Lendenschurz und hielt sein Crysmesser in der rechten Hand.
Jessica beobachtete, wie das Kindmädchen Chani Paul behilflich war. Sie drückte ihm ein Crysmesser in die Hand. Paul umklammerte es und wog die Waffe sorgfältig in der Hand. Jessica wurde in diesem Moment klar, daß ihr Sohn in Prana und Bindu ausgebildet worden war, daß er seine Nerven und Fibern unter Kontrolle hatte. Er war durch eine tödliche Schule gegangen, indem er Kämpfern wie Duncan Idaho und Gurney Halleck begegnet war; Männer, die bereits während ihrer Lebzeiten zu Legenden herangewachsen waren. Zudem kannte der Junge die Tricks der Bene Gesserit, auch wenn er jetzt einen unbekümmerten und zuversichtlichen Eindruck hinterließ.
Aber er ist erst fünfzehn, dachte sie. Und er trägt keinen Schild. Ich muß diesen Kampf verhindern. Es muß doch irgendeine Möglichkeit geben, um … Sie schaute auf und bemerkte, daß Stilgar sie beobachtete.
»Du kannst nichts dagegen machen«, sagte er. »Und du darfst auch jetzt nichts sagen.«
Jessica legte eine Hand über ihre Lippen und dachte: Immerhin habe ich Jamis mit Furcht erfüllt … Vielleicht verlangsamt das schon seine Reaktionen. Wenn ich nur einige Dinge wüßte, die sie nicht anzweifeln können …
Paul stieg, nachdem er sich seines Anzugs entledigt hatte, ebenfalls in den Ring. Er hielt das Crysmesser in der Rechten, während seine nackten Füße den sandigen Felsen abtasteten. Idaho hatte ihn immer wieder ermahnt: »Auf unsicherem Boden kämpft man am besten mit nackten Füßen.« Und Chani hatte ihm zugeflüstert: »Jamis dreht sich nach jeder Abwehrbewegung nach rechts ab. Das ist eine Angewohnheit von ihm, und ich habe sie bisher jedesmal an ihm beobachtet. Und er wird versuchen, an deinen Augen abzulesen, welche Bewegung du planst. Er ist in der Lage, die Waffe mit beiden Händen zu führen. Achte also darauf, wenn er sie wechselt.«
Hauptsächlich vertraute Paul der Tatsache, eine hervorragende Ausbildung genossen zu haben. Die instinktiven Reaktionen, die seine Trainer ihm in monatelanger Arbeit eingehämmert hatten, als sie noch auf Caladan lebten, würde sich auszahlen.
Er erinnerte sich an Gurney Hallecks Worte: »Ein guter Messerkämpfer denkt an Spitze, Schneide und Handschutz seiner Waffe gleichzeitig. Mit der Spitze kann man auch schneiden, mit der Schneide kann man stechen; der Handschutz ist auch dazu geeignet, die Klinge des Gegners festzuhalten.«
Paul sah auf das Crysmesser. Es hatte keinen Handschutz, sondern nur einen schmalen Ring um den Griff, der kaum die Finger bedeckte. Des weiteren fiel ihm ein, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, wo der Bruchpunkt des Messers lag. Er wußte nicht einmal, ob das Crysmesser überhaupt zerbrechlich war.
Jamis tänzelte nach rechts und näherte sich ihm.
Paul kauerte sich zusammen und erinnerte sich, daß er keinen Schild besaß. Und der Hauptteil seiner Ausbildung hatte sich auf Kämpfe bezogen, bei denen sowohl er als auch seine Trainer einen solchen getragen hatten. Seine größte Stärke war es, auf Angriffe einer bestimmten Geschwindigkeit zu reagieren und zu kontern. Obwohl seine Ausbilder ständig darauf hingewiesen hatten, daß er sich nicht auf die Schutzwirkung seines Schildes verlassen dürfe, wußte er genau, daß es für ihn nicht leicht sein würde, diesen im Unterbewußtsein wirksamen Faktor zu vergessen.
Jamis rief die rituelle Herausforderung: »Möge deine Klinge zersplittern und brechen!«
Das Messer ist also zerbrechlich, registrierte Paul.
Er machte sich klar, daß Jamis ebenfalls keinen Schild trug, aber der Mann war daran gewöhnt und wurde dadurch nicht in seinen Reaktionen behindert.
Paul starrte seinen Gegner an. Der Wüstenbewohner ähnelte einem dürren, nur mit Hautfetzen bewachsenen Skelett. Die Klinge seines Crysmessers glitzerte gelblich im Schein der Leuchtgloben.
Furcht machte sich plötzlich in Paul breit. Er fühlte sich plötzlich nackt und allein, umgeben von einem Ring von Leuten, die er nicht kannte. Die Vorhersehung hatte sein Bewußtsein an Orte geführt, die er mit eigenen Augen noch nicht gesehen hatte. Er wußte viel von dem, was auf ihn zukam, aber das, was er jetzt erlebte, war das reale Jetzt. Sein Tod hing von Millionen Möglichkeiten ab, die er im Moment nicht zu übersehen vermochte.
Was nun geschieht, machte er sich klar, kann die Zukunft verändern. Es brauchte nur einer der Zuschauer seine Reaktion damit zu beeinflussen, indem er hustete. Jemand konnte einen unbedachten Schritt nach vorne machen, die Balance verlieren. Es brauchte sich nur die Intensität des Lichts zu verändern.
Ich habe Angst, dachte Paul.
Er umkreiste vorsichtig den gleitenden Jamis und dachte an die Litanei gegen die Furcht. »Die Furcht tötet das Bewußtsein …« Es war wie eine kalte, erfrischende Dusche, als die Worte durch sein Gedächtnis zogen. Er spürte, wie seine Muskeln sich entkrampften, wie sie sich spannten und sich bereit machten zum Zuschlagen.
»Ich werde mein Messer in deinem Blut baden«, knurrte Jamis. In der Mitte des letzten Wortes griff er an.
Jessica, die seine Bewegung vorhersah, unterdrückte einen Aufschrei.
Dort, wo der Mann hingesprungen war, befand sich lediglich Luft, während Paul plötzlich hinter ihm auftauchte. Er brauchte Jamis die Klinge nur noch in den ungeschützten Rücken zu bohren.
Jetzt, Paul! Jetzt! schrie es in ihrem Geist.
Pauls Bewegungen waren gut aufeinander abgestimmt. Er stieß mit einer geschmeidigen Bewegung zu, aber so langsam, daß es für Jamis ein leichtes war, zur Seite zu springen und ihm auszuweichen.
Paul zog sich ebenfalls zurück. »Zuerst mußt du mein Blut finden«, sagte er.
Jessica erkannte deutlich, daß Pauls Bewegungen auf einen Menschen abgestimmt waren, der normalerweise einen Schild trug. Ihr wurde klar, daß das für ihn ein zweischneidiges Schwert war. Sein Vorgehen beruhte darauf, daß Schilde rasche Stöße abwiesen und langsam geführte Angriffe die Barriere durchdrangen. Auch wenn er in Höchstform war, würde sich dies für Paul zu einem Nachteil erweisen.
Hat Paul das auch erkannt? fragte sie sich. Er muß es einfach einsehen!
Erneut griff Jamis an. Seine Augen blitzten und seine Gestalt wirkte wie eine im Schein der Leuchtgloben hin und her zuckende Flamme.
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