»Bi-lal kaifa«, flüsterte Chani.
Paul schaute sie an und registrierte die Aufmerksamkeit, mit der die Fremen den Worten seiner Mutter lauschten. Nur der Mann mit dem Namen Jamis hatte sich etwas abgesondert. Er schien von Jessica nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Er hielt die Arme vor der Brust verschränkt und lächelte spöttisch.
»Duy yakha hin mange«, flüsterte Chani. »Duy punra hin mange. Ich habe zwei Augen. Ich habe zwei Füße.«
Sie starrte Paul an wie ein Weltwunder.
Paul tat einen tiefen Atemzug und versuchte den in ihm brodelnden Vulkan unter Kontrolle zu halten. Die Worte seiner Mutter hatten dazu geführt, daß die Essenz der Melange in ihm nicht zum Wirken kam, und er hatte gefühlt, wie ihre Stimme auf und nieder gegangen war, wie die Schatten über einem offenen Feuer. Dennoch hatte er deutlich den Zynismus gespürt, der in ihrer Stimme gelegen hatte — wie gut er sie doch kannte! -, aber er war nicht in der Lage gewesen, den in seinem Innern aufwallenden Ärger, der mit zwei Bissen Fleisch seinen Anfang genommen hatte, an seinem Ansteigen zu hindern.
Das schreckliche Ziel!
Er fühlte deutlich, daß er seinem weiterarbeitenden Bewußtsein nicht entfliehen konnte. In seinem Geist herrschte ungeheure Klarheit, Daten flossen auf ihn ein, mit eiskalter Präzision. Er rutschte an der Höhlenwand herab, lehnte sich sitzend mit dem Rücken gegen den Fels und ließ sich einfach treiben. Wachsam folgte er den unterschiedlichen Zeitströmen, spähte in kleine Seitenpfade und witterte die Winde der Zukunft … und auch die der Vergangenheit. Es war, als sähe er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit nur einem einzigen Auge, als sei alles miteinander verbunden, als hänge das eine vom anderen ab.
Es existierte eine Gefahr, das spürte er mit aller Deutlichkeit. Und sie ging von der Gegenwart aus. Während er nach ihr tastete, fühlte er zum erstenmal die massive Beständigkeit des Zeitflusses, wie er drängte und zerrte, wie er sich wellenförmig dahinbewegte und mit Seiten- und Gegenströmungen rang. Wie Brecher aus einem wildbewegten Ozean, der gegen eine Felsenküste brandete und sich in den Klippen verlor. Er verstand jetzt einiges mehr von seiner Fähigkeit und sah jetzt auch den Ursprung undurchdringlicher Zeitphasen, die Fehlerquellen, die sich in ihnen verbargen, und das erfüllte ihn mit Angst.
Das Hellsehen, stellte er fest, war eine Erleuchtung, die die Grenzen ihrer Enthüllungen selbst setzte. Sie war gleichzeitig eine Quelle der Genauigkeit und verständlicher Fehler. Und dazwischen eine Art Heisenbergscher Unbestimmtheit: der Energieverbrauch, den er aufwandte, um etwas zu sehen, veränderte das Gesehene.
Und was er sah, war der Zeitzusammenhang innerhalb dieser Grotte, eine Reihe von Möglichkeiten, die bereits von einem Augenzwinkern oder einem von einem Fuß achtlos beiseite geschobenen Sandkorn verändert werden konnte. Er sah Gewalt in so vielen Varianten, daß die kleinste Bewegung bereits genügte, um ihre Muster auszuweiten und ins Unendliche abgleiten zu lassen.
Die Vision führte dazu, daß er sich wünschte, völlig bewegungslos zu bleiben, aber auch das würde Konsequenzen haben.
Zahllose Konsequenzen — sie wehten aus dieser Grotte hinaus wie flatternde Bänder, und auf den meisten von ihnen sah er seinen eigenen gemordeten Körper. Er war voller Blut, das aus einer klaffenden Wunde floß.
In dem Jahr, in dem mein Vater, der Padischah-Imperator, Arrakis den Harkonnens zurückgab, war er zweiundsiebzig Jahre alt und sah doch keinen Tag älter aus als fünfunddreißig. Er erschien selten in der Öffentlichkeit, ohne die Uniform eines Sardaukar mit dem schwarzen Helm und dem goldenen Löwen eines Burseg zu tragen. Diese Uniform sollte jeden daran erinnern, worauf sich seine Macht begründete. Dennoch war er kein Säbelrassler. Wenn er es darauf anlegte, strahlte er Charme und Freundlichkeit aus, obwohl ich mich bereits in diesen Tagen fragte, ob es überhaupt etwas an ihm gab, was echt war. Heute glaube ich, daß er ein Mann war, der einen konstanten Kampf gegen die Gitterstäbe eines unsichtbaren Käfigs focht. Dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß er ein Imperator war, das Familienoberhaupt einer Dynastie, deren Spuren man bis in die weiteste Vergangenheit zurückverfolgen kann. Und wir verweigerten ihm einen legalen Sohn. War dies nicht die schwerste Erniedrigung, die ein Herrscher hinnehmen mußte? Meine Mutter hatte, im Gegensatz zu Lady Jessica, ihren Schwestern gehorcht. Welche dieser beiden Frauen erwies sich trotzdem schließlich als die Stärkere? Aber diese Frage hat bereits die Geschichte beantwortet.
›Im Hause meines Vaters‹, von Prinzessin Irulan.
Jessica erwachte in der Finsternis der Grotte, hörte die leisen Bewegungen der sie umgebenden Fremen und roch die Ausdünstungen ihrer von Destillanzügen umgebenen Körper. Ihr inneres Zeitgefühl sagte, daß es beinahe Nacht sein mußte, aber im sicheren Schutz der sie umgebenden Felsen blieb es auch tagsüber dunkel, dafür sorgten schon die Plastikverschlüsse, die hauptsächlich dazu dienten, den Insassen die Körperflüssigkeit zu erhalten.
Sie stellte fest, daß sie tief und traumlos geschlafen hatte, und diese Tatsache machte deutlich, daß sie sich unterbewußt bei Stilgar und seinen Leuten sicher fühlte. Sie bewegte sich in der Hängematte, die aus ihrem Umhang bestand, glitt auf den felsigen Boden und schlüpfte in die Wüstenstiefel.
Ich darf nicht vergessen, die Stiefel richtig zu verschließen, damit sie den Wasseraustausch meines Destillanzuges nicht behindern, dachte sie. Es gibt hier so viele Dinge, an die man selbst denken muß.
Immer noch hatte sie den Geschmack des Frühstücks auf der Zunge: Vogelfleisch mit Gewürzhonig, und es schien ihr, als ob alles, was die Zeit anging, hier umgekehrt verliefe. Die Nacht war der Aktivität des Tages gewidmet, während der Tag die Periode absoluter Ruhe war.
Die Nacht verbirgt uns; sie ist sicher.
Sie hakte ihre Robe von der Wand los, suchte in der Dunkelheit nach der Öffnung, bis sie sie gefunden hatte und schlüpfte hinein.
Sie fragte sich, auf welche Art es möglich war, den Bene Gesserit eine Nachricht zukommen zu lassen. Sicher hatten sie in der Zwischenzeit schon erfahren, was auf Arrakis vorgefallen war.
Im Hintergrund der Höhle glühten jetzt verschiedene Leuchtgloben auf. Menschen bewegten sich hin und her, und auch Paul befand sich unter ihnen, fertig angezogen und die Kapuze zurückgeschlagen, so daß man das unverkennbare Profil der Atreides erkennen konnte.
Er hatte sich seltsam benommen, bevor sie sich alle zur Ruhe begeben hatten, rief sich Jessica ins Gedächtnis. Rückzug. Jetzt wirkte er wie jemand, der von den Toten auferstanden ist und es selbst noch nicht recht zur Kenntnis genommen hatte. Seine Augen waren halb geschlossen und glasig, als würden sie nach innen sehen. Jessica dachte darüber nach, was er ihr über das Gewürz erzählt hatte. Es war suchterzeugend .
Ob es noch Nebenwirkungen gibt? fragte sie sich. Er sagte, es hätte etwas mit seinen Fähigkeiten zu tun, auch wenn er sich beharrlich über das, was er sieht, ausschweigt.
Stilgar tauchte aus der Richtung der Leuchtgloben zu ihrer Rechten auf. Jessica stellte fest, daß er nachdenklich an seinem Barthaar zupfte und die ihn umgebenden Männer nicht aus den Augen ließ.
Sie bekam plötzlich Angst, als ihr auffiel, daß zwischen den Paul umgebenden Männern irgendeine Art von Spannung aufgekommen war. Die Bewegungen der Fremen wirkten steif, beinahe rituell.
»Sie stehen unter meinem Schutz!« hörte sie Stilgar poltern.
Erst jetzt erkannte sie, wen der Führer der Gruppe angesprochen hatte: Jamis. Und gleichzeitig sah sie, daß Jamis wütend war. Angriffslustig hob er die Schultern.
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