»Gibt es denn Alternativen?« fragte Jessica.
»Die Sayyadina«, erwiderte Stilgar. »Unsere Ehrwürdige Mutter. Sie ist schon alt.«
Ihre Ehrwürdige Mutter!
Bevor sie näher darauf eingehen konnte, fuhr Stilgar fort: »Ich habe keinesfalls die Absicht, mich als dein Partner aufzudrängen. Das ist keineswegs abwertend gemeint, denn du bist eine sehr schöne und begehrenswerte Frau. Aber wenn du einen Platz unter meinen Frauen einnähmest, kämen vielleicht einige junge Männer auf den Gedanken, die Gelüste des Fleisches seien mir plötzlich wichtiger geworden als die Bedürfnisse meines Stammes. Ich bin mir sicher, daß sie sogar in diesem Moment versuchen, uns zu beobachten und aufzuschnappen, über welche Dinge wir gerade reden.«
Ein Mann, der sorgfältige Entscheidungen trifft und deren Konsequenzen im voraus berechnet, dachte Jessica.
»Unter unseren jungen Leuten gibt es einige, die sich gerade in den wilden Jahren befinden«, fuhr Stilgar fort. »Sie durchqueren eine Lebensphase, in der sie sorgsamer Anleitung bedürfen. Ich darf ihnen deswegen keine Motive liefern, die sie dazu verleiten könnten, mich herauszufordern. Die Wildheit der Jugend ist ähnlich wie die Blindheit. Ich könnte jeden in diesem Zustand lebenden jungen Mann töten, aber das will ich nicht. Es wäre ein Weg, den ein guter Führer vermeiden sollte. Ich habe eine ausgleichende Funktion wahrzunehmen und muß gleichzeitig darauf achten, daß die individuelle Entwicklung des einzelnen einen positiven Verlauf nimmt. Wenn ein Volk nicht aus individuellen Charakteren besteht, ist es kein Volk, sondern ein Mob.«
Die Behutsamkeit seiner Ausdrucksweise und die Tatsache, daß er seine Gedanken vor den Ohren derjenigen, die ihm jetzt vielleicht aus dem Verborgenen zuhörten, aussprach, brachten Jessica dazu, den Mann mit ganz anderen Augen zu sehen.
Er hat Charakter, dachte sie. Woher hat er dieses starke innere Gleichgewicht?
»Die Gesetze, nach denen wir unseren Führer wählen, sind gerecht«, sagte Stilgar. »Aber daraus folgt nicht, daß Gerechtigkeit das einzige ist, was ein Volk braucht. Was wir im Moment wirklich benötigen, ist Zeit, damit wir uns über Arrakis ausbreiten können.«
Wer waren seine Vorfahren? dachte sie. Wie gelangen Einstellungen wie diese in seinen Kopf? Sie sagte: »Stilgar, ich habe dich unterschätzt.«
»Das habe ich vermutet.«
»Wir haben uns gegenseitig unterschätzt«, meinte Jessica.
»Ich möchte diesen Zustand der gegenseitigen Unterschätzung beenden«, nickte Stilgar. »Ich möchte deine Freundschaft erringen … und dein Vertrauen. Ich möchte, daß in uns gegenseitiger Respekt heranwächst.«
»Ich verstehe«, sagte Jessica.
»Vertraust du mir?«
»Ich weiß, daß du es ehrlich meinst.«
»Die Sayyadina unseres Stammes«, sagte Stilgar, »hat, auch wenn sie keinen Einfluß auf die Geschicke des Volkes nimmt, eine ehrenhafte Aufgabe: Sie übt die Funktion einer Lehrerin aus. Sie sorgt dafür, daß die Anwesenheit Gottes uns ständig bewußt bleibt.« Er legte eine Handfläche auf die Brust.
Ich muß etwas über diese mysteriöse Ehrwürdige Mutter herausbekommen, dachte Jessica. Sie sagte: »Du hast von eurer Ehrwürdigen Mutter gesprochen. Ich habe von Legenden und Prophezeiungen gehört.«
»Es heißt, daß eine Bene Gesserit und ihr Kind für uns den Schlüssel zum Paradies bereithalten«, stellte Stilgar fest.
»Und ihr glaubt, daß ich eine Bene Gesserit bin?«
Sie sah ihn an und dachte: Das junge Schilf bricht leicht im Wind. Die Anfänge sind die Zeiten gefährlicher Proben.
»Wir wissen es nicht«, gab Stilgar zu.
Jessica nickte. Er ist ein ehrenwerter Mann. Er wartet auf ein Zeichen von mir, aber er hütet sich, das Schicksal zu beeinflussen, indem er preisgibt, welches.
Jessica drehte den Kopf und warf einen Blick in das Becken hinab. Sie sah goldene und purpurne Schatten, fühlte die Vibration des Staubes, der die Luft durchzog. Plötzlich erschien sie sich wie ein Wesen von katzenartiger Vorsicht. Sie kannte die Scheinheiligkeit der Missionaria Protectiva, wußte, in welcher Art und Weise man Legenden verbreitete, die nur das Ziel hatten, die Ängste und Hoffnungen der Menschen auf ein bestimmtes Ziel zu richten. Dennoch hatte sich auf Arrakis irgend etwas verändert … als hätte sich jemand unter den Fremen nach besten Kräften bemüht, den Plänen der Missionaria Protectiva ein anderes Ziel zu geben.
Stilgar räusperte sich erneut.
Sie spürte seine Ungeduld und wußte, daß der Tag draußen an ihnen vorbeischritt und die Männer darauf warteten, daß man die Öffnung verschloß, um endlich die Destillanzüge ablegen zu können. Sie konnte jetzt nicht anders vorgehen als mit Dreistigkeit, auch wenn ihr klar war, was sie jetzt am dringendsten brauchte: etwas Dar al-Hikman, etwas Ausbildung von einer Übersetzerschule, die sie in die Lage versetzen konnte …
»Adab«, flüsterte sie.
Sie hatte den Eindruck, als rolle dieses Wort mit voller Kraft durch ihr Bewußtsein. Innerhalb eines Pulsschlags erkannte sie die Wichtigkeit dieses Schlüsselwortes, das Erinnerungen weckte, die tief in ihrem Unterbewußtsein vergraben waren. Sofort begann das Wissen über ihre Lippen zu fließen.
»Ibn qirtaiba«, sagte sie. »Von hier bis an die Stelle, wo der Sand endet.« Sie streckte einen Arm aus und sah, wie Stilgar die Augen aufriß. »Ich sehe einen … Fremen. Er hat das Buch der Beispiele. Er liest daraus für al-Lat, die Sonne, die er besiegt und sich untertan gemacht hat. Er liest für den Sadus der Versuchten — und dies ist, was er liest:
Meine Gegner sind wie abgeriss'ne Halme,
Die im Weg des Unwetters standen.
Sahst du nicht, was der Herr vollbracht?
Er hat die Pest auf sie hinabgeschickt,
So daß alle Hinterlist in Nichts zerfiel.
Sie sind wie Vögel, die den Jäger fliehen.
Und ihre Anschläge wie bittere Pillen,
Die jeder Mund ausspuckt.«
Ein Zittern ging durch ihren Körper, als sie den Arm sinken ließ. Aus dem Hintergrund kam die geflüsterte Antwort vieler Stimmen: »Und ihre Taten sind zu Nichts geworden.«
»Die Feuer Gottes mögen dein Herz erleuchten«, erwiderte Jessica. Und sie dachte: Jetzt geht alles seinen richtigen Weg.
»Die Feuer Gottes mögen leuchten«, kam die Antwort.
Sie nickte. »Und möge es deine Feinde zerschmettern.«
»Bi-lal kaifa«, antworteten die Männer.
In der plötzlich auftretenden Stille verbeugte Stilgar sich vor ihr. »Sayyadina«, sagte er. »Falls der Shai-Hulud nichts dagegen einwendet, könntest du eine Ehrwürdige Mutter werden.«
Es hat geklappt, dachte sie, auch wenn mir der Weg nicht gefällt, den ich gehen mußte. Aber er hat seinen Zweck erfüllt. Sie fühlte eine zynische Bitterkeit in sich, als sie darüber nachdachte, was sie getan hatte. Unsere Missionaria Protectiva versagt selten.
Auch hier hat sie hervorragende Vorbereitungsarbeit geleistet. Inmitten dieser Wildnis existiert ein Zufluchtsort für uns. Jetzt … muß ich hier die Rolle der Auliya spielen, der Vertrauten Gottes. Die Sayyadina der Wüstenbewohner, die von den Prophezeiungen der Bene Gesserit so sehr beeinflußt sind, daß sie ihre Hohepriesterin ›Ehrwürdige Mutter‹ nennen.
Paul stand neben Chani in den Schatten der inneren Höhle. Er hatte immer noch den Geschmack der Nahrung auf der Zunge, die sie ihm gegeben hatte. Vogelfleisch mit Gewürzhonig. Während des Essens war ihm aufgefallen, daß er noch nie zuvor eine solch starke Konzentration von Melange auf einmal im Mund gehabt hatte. Beinahe hatte er so etwas wie leise Furcht verspürt, denn er wußte, was das Gewürz mit ihm anstellen konnte, wenn er nicht aufpaßte. Allzu starker Genuß der Droge konnte dazu führen, daß sich sein Bewußtsein primär auf die vor ihm liegenden Kreuzwege der Zeit konzentrierte.
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