»Wir werden dir einen Namen geben, Männlein«, sagte Stilgar gelassen, »wenn die Zeit der Mihna gekommen ist und du der Probe des Aql unterworfen wirst.«
Die Probe der Vernunft, übersetzte Jessica. Das konnte eine Gefahr für Paul bedeuten, der er sich nicht aussetzen durfte. Mit lauter Stimme sagte sie: »Mein Sohn ist bereits durch das Gom Jabbar geprüft worden!«
Die nun folgende Stille machte ihr klar, daß sie mit dieser Bemerkung voll ins Schwarze getroffen hatte.
»Es gibt sehr viele Dinge, die wir voneinander noch nicht wissen«, ließ sich Stilgar schließlich vernehmen. »Aber wir müssen jetzt wirklich gehen. Es ist besser, wenn wir nicht in der offenen Wüste von der Sonne überrascht werden.« Er ging zu dem Mann hinüber, den Paul niedergeschlagen hatte und fragte: »Jamis, kannst du weitere Strecken gehen?«
Grunzend erwiderte der Angesprochene: »Er hat mich völlig überrascht. Ein Zufall. Sicher, ich kann gehen.«
»Es war kein Zufall«, entgegnete Stilgar besonnen. »Ich mache dich zusammen mit Chani für die Sicherheit dieses Jungen verantwortlich, Jamis. Diese Leute stehen unter meinem persönlichen Schutz.«
Beim Klang von Jamis' Stimme horchte Jessica auf. Es gab keinen Zweifel: dies war der Mann gewesen, der von den Felsen herunter mit Stilgar gestritten hatte. Es war seine Stimme gewesen, die sie als tödliche Bedrohung empfunden hatte. Stilgar hatte es sogar für nötig halten müssen, einen Befehl gegenüber diesem Mann zu unterstreichen.
Stilgar wandte sich um und winkte zwei Männer seiner Gruppe zu sich heran. »Larus und Farrukh, ihr beide werdet unsere Spuren verwischen. Paßt auf, daß nichts hier zurückbleibt. Seid besonders vorsichtig, denn unter uns sind zwei Leute, die keinerlei Ausbildung haben.« Er wandte sich um, hob den Arm und sagte: »In Doppelreihen — vorwärts, marsch! Wir müssen unser Ziel noch vor Tagesanbruch erreichen!«
Jessica, die neben Stilgar ging, zählte jetzt die Köpfe des Trupps: es waren vierzig, zusammen mit Paul und ihr zweiundvierzig. Und sie dachte: Sie bewegen sich vorwärts wie eine militärische Einheit — sogar das Mädchen Chani.
Paul marschierte eine Reihe hinter Chani. Er hatte das frustrierende Gefühl, von ihr hereingelegt worden zu sein, bereits überwunden. Statt dessen dachte er über das nach, was seine Mutter gesagt hatte: »Mein Sohn ist bereits durch das Gom Jabbar geprüft worden!« Seltsamerweise begann seine Hand bei der Erinnerung an diese Prozedur erneut zu schmerzen.
»Paß auf, wo du hingehst«, zischte Chani ihm zu. »Wenn du so deutliche Spuren hinterläßt, sieht jeder, welchen Weg du genommen hast.«
Paul schluckte. Dann nickte er.
Jessica lauschte den Geräuschen der Truppe, hörte ihre eigenen Schritte wie die Pauls und bewunderte die Art, in der sich die Fremen vorwärts bewegten. Es waren vierzig Mann, und keines der von ihnen erzeugten Geräusche unterschied sich von den sonst üblichen der Nacht. Sie waren wie eine geisterhafte Armee, die mit flatternden Roben eine Ebene durchquerte. Und ihr Ziel war der Sietch Tabr — Stilgars Sietch.
Dann dachte sie über das Wort Sietch nach. Es stammte aus der Chakobsasprache und hatte sich seit Jahrhunderten nicht verändert. Ein Sietch war ein Zufluchtsort in Zeiten der Gefahr. Die tiefere Bedeutung dieses Wortes begann ihr erst jetzt einigermaßen klar zu werden.
»Wir kommen gut voran«, ließ sich Stilgar vernehmen. »Mit der Unterstützung Shai-Huluds werden wir unser Ziel noch vor dem Morgengrauen erreichen.«
Jessica nickte. Jetzt fühlte sie wieder, wie die Müdigkeit in ihr emporkroch. Alle Kräfte konzentrieren und ausschreiten. Sie überlegte, was sie beim Anblick des Trupps empfand und zog daraus ihre Schlüsse über die Kultur der Fremen.
Ein jeder von ihnen, dachte sie, ist nach militärischen Grundsätzen ausgebildet worden. Welch eine unbezahlbare Kraft für einen verfehmten Herzog!
In ihrer Beharrlichkeit, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, konnte niemand die Fremen übertreffen.
Aus ›Weisheit des Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
Gegen Morgengrauen erreichten sie die Grathöhlen. Um sie zu betreten, mußte man durch einen sich zwischen aufragenden Felswänden ziehenden Spalt zwängen. Jessica stellte fest, daß Stilgar einige seiner Leute als Wachen einteilte, die rasch an den Felsen emporkletterten.
Paul schaute während des Gehens nach oben, beobachtete den Himmel, der sich graublau von dem ihn umgebenden Gestein abhob. Plötzlich zerrte Chani an seiner Robe. »Beeil dich. Es ist beinahe schon Tag.«
»Die Männer, die da oben herumklettern«, fragte Paul, »wo gehen sie hin?«
»Sie übernehmen die erste Tageswache«, erwiderte sie. »Nun komm schon!«
Sie lassen eine Wache draußen, dachte Paul. Das zeugt von Weisheit. Aber es wäre noch besser gewesen, unseren Trupp vor der Ankunft in mehrere kleine Gruppen aufzuteilen. Damit würde sich die Möglichkeit, bei einem Überraschungsangriff alle Männer zu verlieren, verringern. Überrascht stellte er fest, daß er wie ein Guerillakämpfer dachte. Sein Vater hatte immer befürchtet, daß sich das Haus Atreides einst in diese Richtung entwickeln würde.
»Schneller«, wisperte Chani.
Paul beschleunigte seine Schritte, hörte hinter sich das leise Geraschel der Roben. Er dachte an die Worte der O.-K.-Bibel, die Yueh ihm geschenkt hatte: »Das Paradies zu meiner Rechten, die Hölle zu meiner Linken — und die Todesengel hinter mir.« Der Satz ließ ihn nicht los.
Sie bogen um eine Ecke, wo der Gang breiter wurde. Stilgar wartete an einer Stelle auf sie, wo eine niedrige Öffnung rechtwinklig in den Fels hineinführte.
»Schneller«, zischte er. »Wenn uns hier eine Patrouille auflauert, sitzen wir wie die Ratten in der Falle!«
Paul beugte den Rücken und folgte Chani in den Gang. Vor ihnen leuchtete irgendwo eine graue Schatten werfende Lampe.
»Du kannst hier aufrecht gehen«, flüsterte Chani.
Paul streckte sich und schaute sich um. Vor ihnen lag ein riesiger Raum mit gewölbter Decke. Die Männer verteilten sich wie huschende Schatten. Seine Mutter tauchte neben ihm aus einer Gruppe von Fremen auf. Obwohl sich ihre Kleidung kaum von der ihrer Begleiter unterschied, konnte man sie an ihrer trotz aller Erschöpfung stolzen und beinahe unnahbaren Haltung deutlich erkennen.
»Such dir einen Platz zum Ausruhen, und sieh zu, daß du niemandem im Weg stehst, Kindmann«, sagte Chani zu Paul. »Hier hast du etwas zu essen.« Sie drückte ihm zwei mit Blättern umwickelte Bissen in die Hand, die nach Gewürz dufteten.
Hinter Jessica tauchte Stilgar auf und erteilte einer Gruppe zu seiner Linken einige Befehle. »Bringt das Türsiegel an und seht zu, daß die Feuchtigkeit erhalten bleibt.« Er wandte sich an einen anderen Fremen. »Lemil, sorge für Beleuchtung.« Er nahm Jessicas Arm. »Ich möchte dir etwas zeigen, Zauberfrau.« Zusammen bogen sie um eine Ecke, auf die Lichtquelle zu.
Wenig später stand Jessica an einer zweiten Öffnung in der felsigen Wand und schaute auf ein Becken hinab, das zwölf bis vierzehn Kilometer breit zu sein schien. Es wurde ringsum von hohen Felswänden abgeschirmt. Auf dem Boden erstreckte sich karger Pflanzenbewuchs.
Dann tauchte über den Felswänden die Sonne auf und beleuchtete die noch im Morgennebel liegende Landschaft aus Gras und Sand.
Stilgar griff nach ihrem Arm und deutete in das Tal hinab. »Da! Dort drüben siehst du echte Drusen.«
Sie folgte der angegebenen Richtung. Bewegungen waren zu erkennen: Menschen, die vor den Strahlen der Sonne in die gegenüberliegenden Felswände flüchteten. Angesichts der Entfernung waren sie in der klaren Luft dennoch gut auszumachen. Jessica nahm ihren Feldstecher und richtete ihn auf die kleinen Punkte, nachdem sie die Öllinsen justiert hatte. Die Kleidung der Leute flatterte wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge.
Читать дальше