Der Wurm schob sich vor den Mond und verdunkelte damit die Umgebung. Ein Wirbel kleiner Steine und eine Welle von Sand ergoß sich über die kleine Nische, in der sie hockten.
Paul drängte seine Mutter weiter zurück.
Zimt!
Der Geruch durchdrang ihn völlig.
Was hat der Wurm mit der Melange zu tun? fragte er sich und dachte darüber nach, daß Liet-Kynes alle Anstrengungen unternommen hatte, alle Zusammenhänge zwischen den Würmern und dem Gewürz zu bestreiten.
Barummmmmm!
Es klang wie ein ferner Donner und kam irgendwo von rechts.
Und wieder: Barummmmm!
Der Wurm glitt etwas zurück, legte sich still auf den Sand, wo seine Zähne im Mondschein glänzten.
Tapp! Tapp! Tapp!
Ein Plumpser! durchzuckte es Paul.
Das Geräusch ertönte erneut von rechts.
Ein Zittern ging durch den Wurm. Sofort begann er sich wieder in den Sand einzugraben. Er tauchte unter, und nur der aufgeworfene Krater, den er beim Auftauchen erzeugt hatte, blieb zurück.
Der Sand knirschte.
Die Kreatur der Wüste sank tiefer, drehte und wand sich. Erneut wurde sie zu einem aufgeworfenen Faden, zu einer sich bewegenden, aufgeworfenen Wölbung, die sich aufmachte, die Wüste zu durchqueren.
Paul stand auf und starrte den unterirdischen Bewegungen, die sich jetzt dem Geräusch des anderen Plumpsers zuwandten, nach.
Jessica erhob sich ebenfalls und lauschte: Tapp … Tapp … Tapp … Tapp … Tapp …
Plötzlich verstummte der Ton.
Paul tastete nach dem Wasserschlauch seines Destillanzugs und trank einen Schluck.
Jessica sah ihm zu, aber auch jetzt noch beherrschte sie der Gedanke an den Schrecken, dem sie soeben entgangen waren.
»Ist er wirklich weg?« flüsterte sie.
»Jemand hat ihn gerufen«, erwiderte Paul. »Und zwar die Fremen.«
Sie beruhigte sich wieder. »Er war so ungeheuer groß!«
»Nicht so groß wie der, der unseren Thopter vernichtete.«
»Bist du sicher, daß die Fremen hier die Hand im Spiel hatten?«
»Sie setzten einen Plumpser ein.«
»Aber warum sollten sie uns beistehen?«
»Vielleicht haben sie uns gar nicht helfen wollen. Vielleicht wollten sie nur einen Wurm herbeirufen.«
»Aber aus welchem Grund?«
Die Antwort lag ihm auf der Zunge, aber etwas hielt ihn zurück, sie auszusprechen. Er hatte eine Vorstellung, die sich mit den Stäben beschäftigte, die sie für gewöhnlich bei sich trugen, den sogenannten Bringerhaken.
»Warum sollten sie einen Wurm anlocken?« fragte Jessica erneut.
Eine vage Furcht zwang Paul dazu, sich von ihr abzuwenden und einen Blick auf die vor ihnen liegenden Klippen zu werfen. »Wir sollten uns lieber darum kümmern, einen Aufstieg zu finden, ehe der Tag anbricht.« Er streckte den Arm aus. »Diese Pfähle, an denen wir vorbeikamen — dort sind noch mehr davon.«
Sie folgte der angegebenen Richtung und sah sie nun auch: sie staken in unregelmäßigen Abständen im Boden und führten weit in die Felsen hinein.
»Sie markieren einen Weg über die Klippen«, erklärte Paul, nahm das Gepäck wieder auf die Schultern und begann mit dem Aufstieg.
Jessica wartete einen Moment. Sie brauchte noch etwas Ruhe. Schließlich folgte sie ihm. Sie gingen den Berg hinauf, immer den Pfählen nach, die sie führten, und gelangten schließlich an eine Stelle, wo die Umgebung wieder leicht abschüssig wurde und an einer Felsspalte endete, die in ungeahnte Höhen hinaufführte.
Paul warf einen Blick in den finsteren Korridor hinein. Es war dunkel in ihm, aber am Ende des langen, engen Weges leuchteten die Sterne. Er konzentrierte sich auf die Umgebung, aber seine Ohren konnten keine anderen Geräusche ausmachen, als die, die er erwartet hatte: das leise Rieseln sich bewegenden Sandes, das Brummen eines unsichtbaren Insekts, das Trippeln einer kleinen, fliehenden Kreatur. Paul steckte einen Fuß in den Felsengang hinein und tastete den Boden ab. Er war fest und felsig. Langsam bewegte er sich vorwärts und gab seiner Mutter das Signal, ihm zu folgen.
Gemeinsam starrten sie auf das sich am Ende des Korridors zeigende Sternenlicht. Jessica erschien Paul in der herrschenden Finsternis wie ein formloser, grauer Nebel. »Wenn wir nur riskieren könnten, Licht zu machen.«
»Wir haben auch noch andere Sinne, als nur den unserer Augen«, erwiderte Jessica.
Paul machte einen Schritt nach vorn und tastete dabei sorgfältig den Boden nach etwaigen Hindernissen ab. Dann ging er weiter, langsam und mit Bedacht. Sie konnten nicht riskieren, in dieser Umgebung sich ein Bein oder einen Arm zu brechen. Ein weiterer Schritt.
»Ich glaube«, sagte er, »es geht geradeaus weiter bis zur Spitze.«
Es ist glatt und fugenlos, dachte Jessica. Dies ist unzweifelhaft Menschenwerk.
Sie trafen schließlich auf Stufen und folgten ihnen, ohne daß sie auf das kleinste Hindernis stießen. Sie endeten schließlich auf einer freien, glatten Plattform, die zwanzig Meter lang war. Und diese wiederum öffnete sich in ein flaches, mondbeschienenes Tal.
Paul sagte überrascht: »Welch ein herrlicher Ort.«
Jessica, die einen Schritt hinter ihm stand, nickte in stummer Übereinkunft.
Angesichts der Schwäche, die sich in ihren Körpern ausbreitete und der Muskelschmerzen, die ihnen zu schaffen machten, erfüllte das Tal sie mit einem tiefen Gefühl der Ruhe und Rast.
»Es ist wie ein Märchenland«, flüsterte Paul.
Jessica nickte.
Direkt vor ihnen breitete sich eine große Ansammlung von Wüstengewächsen aus: Büsche, Kakteen und Gewächse, die kleine Äste in den Himmel reckten. Der Wall, der all dies umgab, war dunkel zu ihrer Linken, während seine rechte Seite vom Mondlicht überschüttet wurde.
»Es muß sich um einen Platz der Fremen handeln«, vermutete Paul.
»Es erfordert eine Menge Leute, diese Pflanzen am Leben zu erhalten«, nickte Jessica. Sie griff nach dem Wasserschlauch und gestattete sich einen tiefen Schluck. Warme Feuchtigkeit glitt ihre Kehle hinab, und sie stellte fest, daß es sie wirklich erfrischte.
Eine Bewegung zu ihrer Rechten zog Pauls Aufmerksamkeit an. Irgend etwas huschte dort über den Boden, eilte zwischen den Büschen dahin und erzeugte dabei kleine Geräusche.
»Springmäuse«, flüsterte er.
Hopp, hopp, hopp, ging es. Hin und her.
Vor ihren Augen glitt etwas Dunkles aus der Luft heran und stürzte sich nieder. Ein feines Fiepen erklang, dann war das Rascheln schlagender Schwingen zu hören. Ein geisterhaft aussehender, grauer Vogel erhob sich in die Luft und schoß über das Tal hinweg. In seinen Klauen trug er einen unkenntlichen kleinen Körper.
Gut, daß er uns daran erinnert, dachte Jessica, daß wir nicht in einem Paradies leben.
Paul, der immer noch die sie umgebende Landschaft anstarrte, nahm einen tiefen Atemzug und sagte: »Wir sollten uns einen Platz suchen, an dem wir unser Zelt aufschlagen können. Morgen können wir dann versuchen, mit den Fremen Kontakt aufzunehmen, die …«
»Die meisten Eindringlinge vermeiden es allerdings, den Fremen zu begegnen!«
Es war eine tiefe Männerstimme, die die Nacht durchdrang und diese Worte sprach. Sie kam von rechts aus den Felsen.
»Lauft bitte nicht weg, Eindringlinge«, fuhr die Stimme fort, als Paul einen Schritt rückwärts tat. »Damit vergeudet ihr nur eure Körperflüssigkeit.«
Sie wollen uns wegen des Wassers in unseren Körpern! durchfuhr es Jessica entsetzt. Ihre Muskelschwäche war sofort vergessen, als sich ihre Kräfte konzentrierten. Sie versuchte den Standort des Mannes auszumachen und dachte: Wie leise er sich genähert hat! Ich habe überhaupt nichts gehört! Und sie erkannte, daß der Fremen alle auffälligen Geräusche vermieden hatte, so daß seine Annäherung in den natürlichen der nächtlichen Umgebung untergegangen war.
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