Mehrere seiner Leute und ein Mediziner der Schmuggler beugten sich über eine der Bahren. Als Halleck zu spielen begann, sang ein anderer Mann die Worte, die ihnen alle so bekannt waren.
»Meine Frau stand am Fenster,
weiche Linien hinter eckigem Glas.
Die Arme erhoben,
die Augen voll Naß.
Komm zurück zu mir …
Komm zurück zu mir …
Zurück zu mir, Chass …«
Der Sänger verstummte. Er streckte einen bandagierten Arm aus und drückte dem Mann auf der Bahre die Augen zu.
Halleck hörte auf zu spielen und dachte: Jetzt sind wir nur noch dreiundsiebzig.
Das familiäre Zusammenleben eines Hohen Hauses wie dem unseren ist für viele Leute ein Buch mit sieben Siegeln, aber ich will dennoch versuchen, einen kleinen Einblick zu geben. Mein Vater besaß nur einen einzigen wirklichen Freund. Das war Graf Hasimir Fenring, ein genetischer Eunuch und den gefährlichsten Kämpfern des Imperiums zugehörig. Der Graf, ein flinker und häßlicher kleiner Mann, brachte eines Tages eine neue Sklavin-Konkubine zu meinem Vater, woraufhin mich meine Mutter bat, zu überwachen, was sie mit ihr taten. Wir spionierten alle meinem Vater nach, es war für uns eine Art Selbstschutz. Natürlich war es unmöglich, daß eine Sklavin-Konkubine ein Kind zur Welt brachte, das später irgendwelche Ansprüche stellen könnte, aber die Intrigen waren konstant und beklemmend in ihrer Regelmäßigkeit. Meine Mutter, meine Schwestern und ich entwickelten, was subtile Formen von Attentaten anging, so etwas wie einen sechsten Sinn. Es mag sich schrecklich anhören, aber mir schien damals, daß mein Vater manchmal etwas leichtsinnig war, was Personen anging, die er nicht kannte. Eine kaiserliche Familie unterscheidet sich sehr stark von einer anderen. Und dann sah ich die neue Sklavin-Konkubine. Sie war rothaarig, wie mein Vater, grazil und anmutig. Sie verfügte über die Muskulatur einer Tänzerin, und sie war offensichtlich auch in der Kunst der Neuro-Verzückung unterwiesen worden. Während sie unbekleidet vor ihm posierte, schaute mein Vater sie lange Zeit an und sagte schließlich: »Sie ist einfach zu hübsch. Wir werden sie als Geschenk aufbewahren.« Man kann sich kaum vorstellen, welche Verblüffung diese Entscheidung in uns hervorrief.
›Im Hause meines Vaters‹, von Prinzessin Irulan.
Am späten Nachmittag stand Paul außerhalb des Zeltes. Der Spalt, in dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, lag in tiefem Schatten. Er starrte hinaus auf das offene Wüstenland und auf die fernen Klippen und fragte sich, ob er seine Mutter wecken sollte, die schlafend hinter ihm im Zelt lag.
Dünen über Dünen breiteten sich vor ihm aus. Die Schatten, die sie warfen, erschienen ihm so finster wie die Nacht.
Und dann diese endlose Weite.
Erfolglos suchte er nach etwas, was aus der flachen Landschaft aufragte. Außer den Dünen gab es nichts. Vor dem Horizont flimmerte die Luft vor Hitze. Nicht der kleinste Wind durchbrach die bewegungslose Landschaft.
Und was ist, dachte er, wenn sich dort drüben keine der ehemaligen Teststationen befindet? Wenn dort auch keine Fremen sind, und die Gewächse sich als reine Zufälligkeiten erweisen?
Jessica erwachte plötzlich, wälzte sich herum und warf durch das transparente Ende des Zeltes einen Blick auf Paul, der ihr in diesem Moment den Rücken zuwandte. Irgend etwas in seiner Körperhaltung erinnerte sie an seinen Vater, und das führte dazu, daß erneut die Erinnerung in ihr hochstieg. Rasch drehte sie den Kopf.
Nach einer Weile ordnete sie ihre Kleidung, erfrischte sich mit einem Schluck Wasser aus dem Vorrat des Destillanzugs und kroch hinaus. Sie reckte sich, um die Schlaffheit des Schlafes aus ihren Muskeln zu vertreiben.
Ohne sich umzuwenden sagte Paul: »Die Stille hier ist irgendwie schön.«
Wie das Bewußtsein sich der Umgebung anpaßt, dachte Jessica. Ein Axiom der Bene Gesserit fiel ihr ein: »Unter Streßeinwirkung kann das Bewußtsein sich in zwei Richtungen hin entwickeln; in eine positive oder eine negative; an- oder ausschalten. Man kann es sich als Spektrum vorstellen, dessen Extreme die Bewußtlosigkeit am negativen, und äußerste geistige Tätigkeit am positiven Ende präsentieren. Wie das Bewußtsein auf Streßsituationen anspricht, hängt von der geistigen Ausbildung des betreffenden Individuums ab.«
»Man könnte hier wirklich gut leben«, meinte Paul.
Jessica versuchte, sich die Wüste mit seinen eigenen Augen einzuprägen, sie durch seine Augen zu sehen. Sie versuchte, die Möglichkeiten zu erkennen, die sie ihnen bot und fragte sich, welche möglichen Zukünfte Paul auf ihr erblickt hatte. Man könnte hier draußen allein leben, dachte sie, ohne die Angst, ständig einen Blick hinter sich werfen zu müssen, ohne die Furcht, dort seinen Jäger zu entdecken.
Sie stellte sich neben ihren Sohn und setzte das Fernglas an die Augen. Erneut sah sie in der gegenüberliegenden Formation das in den Arroyos wachsende Pflanzenleben. Es waren magere Gewächse, gewiß, von gelbgrüner Farbe, aber immerhin.
»Ich breche das Lager ab«, meinte Paul.
Jessica nickte und ging zum Ende der Schlucht hinunter, in der sie sich befanden. Die dortige Öffnung erlaubte ihr einen guten Ausblick auf die Wüste. Sie setzte den Feldstecher an die Augen und schaute nach links. Ein salziger, leuchtender Fleck schien ihr weiß entgegen, dessen Ränder ins Braune verliefen und der ihr etwas sagte: Wasser . Irgendwann war an dieser Stelle Wasser geflossen. Jessica ließ den Feldstecher sinken und lauschte für einen Moment auf Pauls Bewegungen. Die Sonne tauchte in die Tiefe hinab. Schatten legten sich über den salzigen Fleck. Über dem Horizont bildete sich ein Wirbel sprühender Farben, vermischte sich mit den Schatten, die anfingen, die Ebene zu überfluten. Die Finsternis kam urplötzlich über die Wüste.
Sterne!
Jessica schaute zu ihnen auf und fühlte Pauls Bewegungen, als er von hinten an sie herantrat. Die Wüstennacht schien sie den Sternen entgegenzuheben. Warmer Wind berührte ihre Wangen.
»Der erste Mond wird bald aufgehen.«, hörte sie Paul sagen. »Ich habe unsere Sachen zusammengepackt und den Plumpser installiert.«
Wir könnten in dieser Alptraumlandschaft verloren gehen, dachte Jessica, und niemand würde je etwas davon erfahren.
Der Nachtwind führte Sandkörner mit sich, die gegen ihre Gesichtshaut prasselten und Zimtgeruch verbreiteten. Es war wie eine aromatische Dusche im Dunkeln.
»Riechst du das?« fragte Paul.
»Ich rieche es sogar durch den Filter«, erwiderte sie. »Es sind wahre Reichtümer. Aber kann man dafür Wasser kaufen?« Sie deutete über die Ebene hinweg. »Es gibt kein einziges künstlich erzeugtes Licht dort drüben.«
»Die Fremen würden sich, wenn sie dort lebten, in einem Sietch hinter den Felsen verbergen.«
Eine silberne Scheibe tauchte rechterhand über dem Horizont auf: der erste Mond. Er kam jetzt immer deutlicher in Sicht und das Abbild der geballten Hand auf seiner Oberfläche war einwandfrei zu erkennen. In seinem Schein leuchtete der Wüstensand an einigen Stellen weißsilbern auf.
»Ich habe den Plumpser an der tiefstmöglichen Stelle in den Boden gerammt«, erklärte Paul. »Wenn er anfängt, seine Geräusche durch den Boden zu tragen, haben wir noch dreißig Minuten.«
»Dreißig Minuten?«
»Bevor er anfängt, einen Wurm auf sich aufmerksam zu machen.«
»Oh. Ich bin bereit.«
Paul ging zurück, und sie hörte, wie er das Gepäck aufnahm.
Diese Nacht ist wie ein Tunnel, dachte Jessica. Ein Tunnel, der ins Morgen führt … falls es für uns überhaupt ein Morgen geben wird. Sie schüttelte den Kopf. Warum habe ich solche morbiden Gedanken? Sie stehen völlig im Widerspruch zu meiner Ausbildung!
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