Paul streckte die rechte Hand aus und betrachtete sie, während er die Finger spreizte. Er schaute sich das Spiel ihrer Muskeln an und sah ein, daß sie recht hatte.
Was auch immer man mir angetan hat, dachte er. Ich bin nun ein Teil davon.
Überprüfung der Hand!
Er sah sie sich noch einmal an. Wie unwichtig erschien sie doch angesichts solch gewaltiger Kreaturen wie der Würmer.
Wir kamen von Caladan, einem Planeten, der für unsere Lebensform ein Paradies darstellte. Auf Caladan gab es kein Bedürfnis, aus dieser Welt etwas Besseres zu machen als das, was sie schon war. Das Paradies existierte bereits um uns herum. Und der Preis, den wir dafür zahlten, war identisch mit dem, den jeder zahlen muß, der bereits zu seinen Lebzeiten die Annehmlichkeiten des Paradieses erfährt. Wir wurden weich, verloren unsere Kanten.
Aus ›Gespräche mit Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
»Sie sind also der große Gurney Halleck«, sagte der Mann.
Halleck blieb stehen und durchmaß den runden Höhlenraum, in dem der Schmuggler hinter einem metallenen Tisch saß, mit einem forschenden Blick. Der Mann trug Fremenkleidung, und die hellen Blauaugen deuteten an, daß er nicht nur die Nahrung Arrakis' zu sich nahm, sondern auch die Genüsse anderer Planeten zu schätzen wußte. Der Raum selbst, in dem er sich befand, hatte große Ähnlichkeit mit dem Kontrollraum einer Raumfregatte. Überall standen komplizierte Apparaturen und Kommunikationsgeräte herum.
»Ich bin Staban Tuek«, sagte der Schmuggler. »Esmar Tueks Sohn.«
»Dann sind Sie derjenige, dem ich für seine Hilfe zu danken habe«, erwiderte Halleck.
»Ah, Dankbarkeit«, meinte der Schmuggler. »Nehmen Sie doch Platz.«
Halleck ließ sich mit einem Seufzer auf ein Sitzkissen nieder, das aus einer Ecke neben den Kommunikationsgeräten auf Rollen in den Raum steuerte. Er fühlte seine Erschöpfung und sah in einem neben dem Schmuggler hängenden Spiegel, wie scharf sich die Linien der Erschöpfung in sein Gesicht gegraben hatten.
Dann sah er Tuek an. Die Ähnlichkeit des Mannes mit seinem Vater war unverkennbar — auch er hatte die schweren, buschigen Augenbrauen und die gleichen ausgeprägten Gesichtszüge.
»Ihre Leute haben mir berichtet«, sagte Halleck, »daß Ihr Vater tot ist; daß die Harkonnens ihn umgebracht haben.«
»Entweder von einem Harkonnen«, nickte Tuek, »oder von einem Verräter in Ihren Reihen.«
Ärgerlich beugte Halleck sich vor. Dann fragte er: »Kennen Sie den Namen dieses Verräters?«
»Wir sind uns nicht sicher.«
»Thufir Hawat mißtraute Lady Jessica.«
»Ah, die Bene-Gesserit-Hexe … vielleicht. Aber Hawat ist jetzt ein Gefangener der Harkonnens.«
»Ich hörte davon.« Halleck sog tief die Luft ein. »Es sieht so aus, als würden wir nicht daran vorbeikommen, auch weiterhin zu töten.«
»Wir werden nichts unternehmen, was die allgemeine Aufmerksamkeit auf uns zieht«, erwiderte Tuek.
Halleck versteifte sich. »Aber …«
»Sie und die Leute, die zu Ihnen gehören, sind uns willkommen«, fuhr Tuek fort. »Sie sprachen soeben von Dankbarkeit. Das hört sich gut an. Vergessen Sie also das, was sie bisher über uns gedacht haben. Wir können immer gute Männer gebrauchen. Aber wenn sie auch nur den kleinsten Versuch unternehmen, den Harkonnens Ärger zu bereiten, sind Sie und Ihre Männer erledigt!«
»Aber diese Leute haben Ihren Vater umgebracht, Mann!«
»Vielleicht. Und wenn das so war, habe ich dennoch nichts anderes für Sie, als die Worte meines Vaters, der einmal über Menschen, die ohne nachzudenken handeln, folgendes sagte: ›Ein Stein ist schwer, der Sand ist leicht; doch die Wut eines Narren ist schwerer als beide zusammen.‹«
»Sie wollen also nichts gegen sie unternehmen?« schnaufte Halleck.
»Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur, daß ich bedacht sein muß, unseren Kontrakt mit der Gilde nicht zu verletzen. Die Gilde verlangt, daß wir unser Spiel den Umständen angleichen. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, einen Gegner zu vernichten.«
»Aha.«
»Aha, in der Tat. Wenn Sie unbedingt nach der Hexe suchen wollen, kann ich Sie nicht davon abhalten. Aber ich möchte Sie nur warnen, daß sie möglicherweise zu spät kommen werden. Und außerdem bezweifeln wir, daß sie diejenige ist, auf die sich Ihre Bemühungen konzentrieren sollten.«
»Hawat arbeitete ziemlich fehlerlos.«
»Er war selbst daran schuld, daß er in die Hände der Harkonnens fiel.«
»Glauben Sie etwa, daß er der Verräter war?«
Tuek zuckte die Achseln. »Wir glauben, daß die Hexe tot ist. Zumindest glauben das die Harkonnens.«
»Sie scheinen ziemlich viel über diese Leute zu wissen.«
»Anspielungen und Gerüchte.«
»Wir sind vierundsiebzig Leute«, sagte Halleck. »Wenn Sie uns ernsthaft auffordern, für Sie zu arbeiten, müssen Sie glauben, daß der Herzog nicht mehr lebt.«
»Man hat seinen Leichnam gesehen.«
»Auch die des Jungen — des jungen Herrn Paul?«
Halleck versuchte, einen Kloß in seiner Kehle hinunterzuschlucken.
»Nach den letzten Meldungen, die uns erreichten, soll er zusammen mit seiner Mutter in einem Wüstensturm verschollen sein. Das bedeutet, daß man nicht einmal mehr ihre Knochen finden wird.«
»Die Hexe ist also auch tot … alle sind tot.«
Tuek nickte. »Und das Ungeheuer Rabban, so heißt es, wird erneut die Schalthebel der Macht auf Arrakis an sich reißen.«
»Graf Rabban von Lankiveil?«
»Ja.«
Es dauerte eine ganze Weile, ehe Halleck es schaffte, den plötzlich in ihm hochrasenden Anfall von Wut zu unterdrücken. Keuchend sagte er: »Mit Rabban habe ich noch eine persönliche Sache auszufechten … ich schulde ihm noch etwas, was mit dem Schicksal meiner Familie zusammenhängt …« Er strich mit einem Finger über die Narbe an seinem Kinn. »… und dafür …«
»Man soll nicht alles auf eine Karte setzen, nur um voreilig eine Zeche zurückzuzahlen«, sagte Tuek. Er schaute einen Moment lang finster auf Halleck und studierte das Spiel seiner Gesichtsmuskeln.
»Ich weiß … ich weiß …« Halleck schnappte nach Luft.
»Sie und Ihre Leute können sich eine Passage verdienen, indem sie die Kosten abarbeiten. Es gibt eine Menge Orte, wo …«
»Ich habe meine Männer aus ihrem Eid entlassen«, sagte Halleck. »Sie können jetzt eigene Entscheidungen treffen. Jetzt, wo ich weiß, daß Rabban hier ist, bleibe ich auf Arrakis.«
»Ich bin nicht sicher, ob wir Sie, in der Stimmung, in der Sie sich jetzt befinden, überhaupt gebrauchen können.«
Halleck starrte den Schmuggler an. »Sie trauen mir nicht?«
»N-nein.«
»Sie haben mich vor den Harkonnens versteckt. Meine Loyalität gegenüber dem Herzog basierte auf ähnlichem Verhalten. Ich will auf Arrakis bleiben. Bei Ihnen — oder bei den Fremen.«
»Ob man einen Gedanken ausspricht oder nicht«, sagte Tuek, »er ist vorhanden. Sie werden noch schnell genug herausfinden, wie eng sich das Leben der Fremen zwischen Leben und Tod abspielt.«
Halleck schloß kurz die Augen. Die Müdigkeit warf ihn beinahe von seinem Sitz. »Wo ist der Herr, der uns führt durch das Land der Wüsten und Höhlen?« murmelte er schwach.
»Gehe langsam vor, und der Tag der Rache wird kommen«, rezitierte Tuek. »Schnelligkeit ist der Wahlspruch des Shaitans. Betrachte deine Sorgen mit kühlem Blick. Drei Dinge sind es, die das Herz sich behaglich fühlen lassen: Wasser, grünes Gras und die Schönheit der Frauen.«
Halleck öffnete die Augen. »Ich würde es bevorzugen, das Blut Rabban Harkonnens fließen zu sehen.« Er starrte Tuek an. »Und Sie glauben, daß dieser Tag kommen wird?«
»Ich habe wenig damit zu tun, wie Ihr Morgen aussehen wird, Gurney Halleck. Ich kann Ihnen nur helfen, den heutigen Tag zu treffen.«
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