»Mutter?« fragte er.
Sie antwortete nicht.
»Mutter?«
Dann riß er sich das Bündel von den Schultern, stand auf und versuchte die Wand wieder hinaufzuklettern, wie ein Besessener. »Mutter!« keuchte er. »Mutter, wo bist du?«
Wieder rieselte eine Sandkaskade auf ihn nieder. Er war fast bis zu den Hüften versunken und kämpfte sich unter Aufbietung aller Kräfte wieder frei.
Sie ist verschüttet worden, durchzuckte es ihn. Sie ist unter dem Sand begraben. Ich muß jetzt ruhig bleiben und meine Sinne beisammenhalten. Sie wird auf keinen Fall sofort ersticken. Sie wird sich in den Zustand des Bindu versetzen und dadurch weniger Sauerstoff benötigen. Und sie weiß, daß ich sie ausgraben werde.
In der Art der Bene Gesserit, die seine Mutter ihm beigebracht hatte, reduzierte Paul den hämmernden Schlag seines Herzens. Er fühlte, wie die Ruhe in ihm wieder die Oberhand gewann, wie seine Sinne sich auf Wesentliches konzentrierten und alle Nebensächlichkeiten aus ihm verbannten.
Dort mußte sie sein.
Er wandte sich nach rechts, suchte mit den Blicken eine Wölbung im Sand und begann zu graben, wobei sich seine Hände vorsichtig bewegten, um nicht einen weiteren Sandrutsch auszulösen. Ein Stück Stoff. Er grub weiter, stieß auf einen Arm. Vorsichtig hob er ihn an, zog daran. Der Kopf seiner Mutter tauchte auf.
»Kannst du mich verstehen?« flüsterte er.
Keine Antwort.
Paul zog jetzt fester und befreite ihre Schultern. Sie schien auf den ersten Blick völlig leblos zu sein, aber er fühlte trotzdem einen langsamen Herzschlag.
Bindu-Schlaf , dachte er.
Er schaufelte den Sand bis zu ihren Hüften beiseite, legte ihre Arme um seine Schultern und begann langsam zu ziehen. Es war schwer, und Paul verdoppelte seine Anstrengungen. Er fühlte, wie der Sand nachgab, keuchte und kämpfte ums Gleichgewicht. Schließlich hatte er sie und begann zu rennen. Hinter ihm geriet die Sandwelle wieder in Bewegung, rieselte von den aufgeschütteten Hängen herab und ergoß sich in das von ihm gegrabene Loch.
Am Ende der Spalte hielt Paul an. Er konnte jetzt die blanke Oberfläche der Wüste erkennen, die von hier aus sichtbar war. Sie war kaum dreißig Meter von ihm entfernt. Langsam ließ er seine Mutter zu Boden gleiten und sagte das Wort, das sie aus ihrem Dämmerzustand erwachen ließ.
Langsam kam sie wieder zu sich. Sie atmete schwer.
»Ich wußte, daß du mich finden würdest«, flüsterte sie.
»Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich das nicht getan hätte«, sagte er und schaute auf die Stelle zurück, wo sie eben noch gewesen waren.
»Paul!«
»Ich habe unser Gepäck verloren«, sagte er. »Und da, wo es liegt, türmen sich nun hundert Tonnen Sand auf. Mindestens.«
»Wir haben alles verloren?«
»Die Literjons, das Destillzelt, praktisch alles, was wichtig ist.« Er klopfte auf seine Tasche. »Aber ich habe noch den Parakompaß.« Er deutete auf die Schärpe, die sich um seine Hüften schlang. »Ein Messer und die Sonnenbrillen. Immerhin haben wir eine gute Aussicht hier, wenn wir sterben.«
In diesem Moment erhob sich die Sonne über den Horizont zu ihrer Linken und tauchte über den Felsen auf. Die Wüste begann in den unterschiedlichsten Farben zu leuchten. Zwischen den Felsen erwachte das Leben. Vögel begannen zu zwitschern, aber man konnte sie nicht sehen.
Jessica beachtete nichts davon. Sie hatte nur Augen für die Verzweiflung in Pauls Augen. Sie räusperte sich und sagte: »Sind das die Ergebnisse deiner Erziehung?«
»Verstehst du denn nicht?« fragte Paul. »Wir haben alles verloren, was wir zum Überleben brauchen! Es liegt alles unter dem Sand.«
»Du hast auch mich gefunden«, gab Jessica sanft, aber bestimmt zurück.
Paul kniete sich hin. Er musterte den Abhang, den sie hinunter gekommen waren. Es war eine reine Wand aus Sand. Und sie war locker.
»Wenn wir einen kleinen Teil des Sandes dazu bringen könnten, sich nicht mehr zu bewegen und herabzustürzen, könnten wir vielleicht ein Loch graben und nach dem Bündel suchen. Das wäre möglich, wenn wir Wasser hätten und ihn befeuchteten. Aber wir haben nicht genug.«
Jessica schwieg. Es erschien ihr besser, Pauls auf allen Touren arbeitendes Gehirn um keinen Preis zu unterbrechen.
Paul warf einen Blick auf die Dünen. Er suchte genauso mit dem Geruchssinn wie mit den Augen, fand schließlich die Richtung und richtete seine Sinne auf einen dunklen Fleck unter ihnen im Sand.
»Gewürz«, sagte er triumphierend. »Seine Essenz ist hochgradig alkalihaltig. Ich habe den Parakompaß. Seine Kraftquelle basiert auf einer Säure.«
Jessicas Gestalt straffte sich. Sie lehnte sich gegen einen Felsen.
Paul ignorierte sie jetzt völlig, er lief hin und her und begann schließlich, an der Felswand, die in die Wüste hinabführte hinunterzuklettern.
Sie beobachtete den Weg, den er nahm, mit wachsamem Blick. Ein Schritt … Pause … zwei weitere … Pause. Es war kein bestimmter Rhythmus in seinen Bewegungen zu erkennen. Kein Wurm würde auf die Idee kommen, daß sich hier ein Lebewesen befand.
Paul erreichte die Gewürzstelle, schaufelte eine Handvoll in eine der Falten seiner Robe und kehrte zurück. Vor Jessicas Füßen legte er seine Beute ab, kniete sich hin und nahm den Parakompaß auseinander, indem er das Messer ansetzte. Die Hülle des Geräts löste sich. Paul nahm die Schärpe ab, legte sie vor sich auf den Boden und placierte darauf die einzelnen Teile des Kompasses. Schließlich gelangte er an die Energiequelle.
»Du wirst Wasser brauchen«, sagte Jessica.
Paul zog den Wasserschlauch an den Mund, nahm einen Schluck und spuckte ihn in die leere Hülle des Parakompasses.
Wenn es nicht klappt, dachte Jessica, ist das Wasser verschwendet. Aber das wäre dann auch nicht mehr wichtig.
Paul öffnete die Kraftquelle mit dem Messer und schüttete die Kristalle in die Flüssigkeit. Sie begannen sofort leicht zu schäumen und sich zu zersetzen.
Über ihnen registrierte Jessica eine Bewegung. Als sie aufschaute, sah sie eine Gruppe von Habichten, die in den Spalt herunterschaute. Sie zweifelte nicht daran, wonach sie suchten.
Große Mutter! Sie spüren Wasser selbst auf diese Entfernung auf!
Paul hatte die Umhüllung des Kompasses inzwischen wieder zusammengesetzt und machte sich, das Instrument in der einen, das Gewürz in der anderen Hand, an den Aufstieg. Der Wind plusterte seine Robe auf, die jetzt nicht mehr von einer Schärpe zusammengehalten wurde. Dann hielt er an, träufelte etwas von dem Gewürz durch das Loch in der Kompaßumhüllung, in dem vorher der Aktivierungsknopf gewesen war und schüttelte das Gerät.
Grüner Schaum spritzte aus dem Loch heraus. Paul legte den Kompaß auf den Spaltenrand und beobachtete, wie sich der Schaum immer weiter hügelabwärts ausbreitete.
Jessica stand auf, lief in die Richtung, in der er sich jetzt befand und rief: »Brauchst du Hilfe?«
»Beim Graben«, erwiderte Paul. »Wir müssen mindestens drei Meter Sand abtragen.« Der Kompaß hörte plötzlich auf zu schäumen.
»Schnell«, sagte Paul. »Ich habe keine Ahnung, wie lange der Schaum den Sand zusammenhalten wird.« Er streute erneut einige Gewürzkörner durch das Loch. Sofort schäumte es weiter.
Während Paul das Gerät hielt, begann Jessica zu graben. Sie schleuderte den Sand beiseite, tauchte mit den Händen in ihn hinein. »Wie tief?« fragte sie keuchend.
»Etwa drei Meter«, entgegnete Paul. »Und ich kann die genaue Position nur schätzen. Wahrscheinlich werden wir ein ziemlich breites Loch graben müssen.«
Jessica gehorchte.
Langsam wurde das Loch tiefer. Sie kam der allgemeinen Oberfläche immer näher, aber noch immer war von dem Bündel keine Spur zu erblicken.
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