Ob ich mich verrechnet habe? dachte Paul. Schließlich bin ich derjenige, der in Panik verfiel und die Schuld an dieser Sache zu tragen hat. Hat mich das aus der Bahn geworfen?
Er schaute auf den Parakompaß. Es waren nur etwas weniger als zwei Unzen der Säureverbindung übriggeblieben.
Jessica richtete sich jetzt in dem Loch, das sie gegraben hatte, auf und wischte sich mit einer schaumbespritzten Hand über die Wange. Ihr Blick traf Paul.
»Du müßtest jetzt gleich auf ebener Erde sein«, sagte er. »Sei vorsichtig.« Er ließ erneut etwas Gewürz in den Behälter fallen. Ein breiter Schaumteppich wälzte sich den Hügel hinab und schien beinahe Jessica unter sich zu begraben, die jetzt etwas entdeckt zu haben schien. Langsam verstrich sie den Sand, unter dem sich etwas Hartes abzeichnete. Sie hatte plötzlich ein Stück des Umhüllungsgurtes in der Hand.
»Keine Bewegung jetzt«, sagte Paul mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war. »Wir haben keinen Schaum mehr.«
Jessica hielt das Gurtende in der Hand und sah zu ihm hinauf.
Paul warf den leeren Parakompaß zu ihr hinunter und sagte: »Reich mir die Hand. Und hör mir gut zu. Ich werde dich jetzt zur Seite hinüberreißen und herausziehen. Laß auf keinen Fall den Gurt los! Es wird nicht mehr viel herunterkommen, da der Schaum den Sandhügel weitgehend stabilisiert hat. Alles, was ich erwarte, ist, daß ich zumindest deinen Kopf aus dem Sand heraushalten kann. Wenn sich das Loch wieder mit Sand gefüllt hat, ist alles, was ich zu tun habe, dich wieder herauszugraben und zusammen mit dem Bündel herauszuziehen.«
»Ich verstehe«, sagte Jessica.
»Fertig?«
»Fertig.« Sie umschloß den Gurt mit festem Griff.
Mit einem Ruck riß Paul sie zur Hälfte aus dem Loch heraus. Dann gab auch schon die Sandwand nach und ergoß sich nach unten. Jessica hatte das Gefühl, bis zur Hälfte begraben zu werden. Ihre rechte Hand und die Schulter waren im Sand verschwunden, während sie ihr Gesicht in einer Falte von Pauls Robe verbarg. Das auf ihr lastende Gewicht war kaum zu ertragen.
»Ich halte den Gurt noch«, keuchte sie.
Langsam glitt Pauls Hand durch den Sand zu ihrem Arm. Er fand den Gurt und flüsterte: »Laß uns jetzt zusammen ziehen. Er darf auf keinen Fall reißen.«
Eine neue Sandwoge rutschte nach unten, als sie das Bündel nach oben zogen. Als der Gurt endlich sichtbar wurde, hörte Paul auf und begann, seine Mutter zu befreien. Zusammen gelang es ihnen schließlich, das Gepäckbündel an die Oberfläche zu ziehen.
Eine Minute lang standen sie stumm da, hielten das Paket zwischen sich.
Paul schaute seine Mutter an. Ihr Gesicht war mit Schaumflocken bedeckt, und ebenso ihre Kleidung. Dort, wo er bereits getrocknet war, hatte der Sand dunkle Flecken hinterlassen. Sie sah aus, als hätte man sie mit Bällen aus feuchtem, grünen Sand beworfen.
»Du siehst vielleicht aus«, meinte Paul.
»Du wirkst auch nicht gerade elegant«, gab Jessica zurück.
Sie mußten beide lachen.
»Das hätte nicht passieren dürfen«, sagte Paul plötzlich. Er schien ernüchtert. »Ich war unvorsichtig.«
Jessica zuckte die Achseln und fühlte, wie der getrocknete Sand von ihrer Robe fiel.
»Ich baue das Zelt auf«, entschied Paul. »Du solltest die Robe inzwischen ausschütteln.« Er wandte sich ab und nahm das Bündel an sich.
Jessica nickte. Sie war plötzlich zu müde, um darauf eine Antwort zu geben.
»Es sind Ankerlöcher in den Felsen«, meldete Paul. »Offenbar hat hier schon einmal jemand gezeltet.«
Warum auch nicht? dachte Jessica, während sie die Robe vom Sand befreite. Immerhin war dieser Platz hier einiges wert: umgeben von schützenden Felswänden und von der nächsten Insel dieses Sandmeeres nur vier Kilometer entfernt. Und sie erhob sich hoch genug, um Würmer abzuhalten, wenn auch die dazwischenliegende Ebene leichte Opfer zu versprechen schien.
Als sie sich wieder umwandte, hatte Paul das Zelt bereits aufgestellt. Er griff nach seinem Feldstecher und kam zu ihr hinüber.
Jessica beobachtete, wie er die vor ihnen liegende apokalyptische Landschaft betrachtete, wie seine Augen über Canyons und Schluchten blickten.
»Da drüben scheint etwas zu wachsen«, meinte er plötzlich.
Jessica lief zu dem Zelt hinüber und suchte nach ihrem eigenen Glas, mit dem sie zu ihrem Sohn zurückkehrte.
»Dort«, zeigte Paul, während er den Feldstecher mit der anderen Hand hielt. »Siehst du?«
Sie schaute in die angegebene Richtung.
»Saguaro«, murmelte Jessica. »Ziemlich mageres Zeug.«
»Das könnte bedeuten, daß hier irgendwo Menschen leben«, vermutete Paul.
»Es könnten genausogut die Überreste einer aufgegebenen Teststation sein«, gab Jessica zu bedenken.
»Wir scheinen hier ziemlich weit im Süden der Wüste zu sein«, meinte Paul. Er ließ das Fernglas sinken und kratzte sich die Nase. Als seine Finger die Lippen berührten, spürte, er, wie rauh und ausgetrocknet sie waren. Er war durstig. »Ich habe eher das Gefühl, daß dies ein Platz ist, wo sich Fremen aufhalten.«
»Können wir uns darauf verlassen, daß sie uns freundlich gegenübertreten?« fragte Jessica.
»Kynes hat versprochen, daß sie uns helfen.«
Aber unter den Menschen der Wüste herrscht Verzweiflung, dachte Jessica. Ich weiß es, denn ich habe sie heute selbst gespürt. Es ist nicht unmöglich, daß verzweifelte Menschen uns allein wegen unseres Wassers umbringen.
Sie schloß die Augen und rief — trotz der sie umgebenden Dürrelandschaft — ein Bild in sich hervor, das von Caladan stammte. Sie hatte einst einen Ausflug unternommen, zusammen mit Herzog Leto. Das war vor Pauls Geburt gewesen. Sie waren über die südlichen Dschungelgebiete hinweggeflogen, während unter ihnen wildschäumende Gewässer flossen. Und sie hatten in diesem grünen Pflanzengewoge eine Reihe marschierender Menschen ausgemacht, die ameisengleich durch die Wildnis zogen, ihr Gepäck zwischen sich auf Tragen, die durch angeschlossene Suspensoren beinahe gewichtslos waren. Und dann das Meer: die herrlichen Wogen, in denen sich zahlloses Leben tummelte.
Das war jetzt alles vorbei.
Jessica öffnete die Augen und schaute in die schweigende Wüste hinaus. Die Hitze des Tages begann sich bereits anzumelden.
Ruhelose Hitzeteufel würden sich bald überall ausbreiten über dem sandigen Land. Das gegenüberliegende Felsengebiet erschien ihr wie ein Gegenstand der Nutzlosigkeit.
Von oben her spritzten Sandkörner auf sie herab. Es waren die Habichte, die sich jetzt in die Lüfte erhoben. Das raschelnde Geräusch fallenden Sandes verstummte jedoch nicht, sondern wurde lauter. Es wurde zu einem Zischen, das sie beide nur allzugut kannten und nie wieder vergessen würden.
»Ein Wurm«, flüsterte Paul.
Er bewegte sich von rechts her durch die Ebene, und zwar mit einer Eleganz, die man einfach nicht ignorieren konnte. Soweit sie sehen konnten, erhob sich der sandige Boden zu einer buckligen Formation, während die Körner zu Tausenden und Millionen zur Seite wehten. Dann änderte der Wurm seinen Kurs und bewegte sich nach links.
Das Geräusch wurde schwächer und erstarb.
»Ich habe Raumfregatten gesehen, die kleiner waren«, flüsterte Paul.
Jessica nickte, löste ihren Blick jedoch nicht von der Wüste. Dort, wo der Wurm gewesen war, blieb eine klaffende Bresche zurück. Es würde eine Weile dauern, bis der Sand wieder in die vorherige Position zurückgefallen war und seine Spur beseitigte.
»Nachdem wir uns ausgeruht haben«, sagte Jessica, »könnten wir vielleicht mit unseren Lektionen fortfahren.«
Paul unterdrückte plötzlich aufkeimenden Ärger, »Mutter, glaubst du, wir könnten nicht ohne …«
»Du hast heute einmal die Nerven verloren«, erwiderte sie. »Auch wenn du vielleicht den Zustand deines Bewußtseins besser beurteilen kannst als ich, hast du dennoch einiges über die Prana-Muskulatur deines Körpers zu lernen. Manchmal tut der Körper Dinge aus sich selbst heraus, Paul, und ich kann dir einiges darüber sagen. Du mußt lernen, jeden einzelnen Muskel, jede Fiber zu kontrollieren. Du mußt dir über deine Hände bewußt werden. Wir fangen mit ihnen an: mit der Fingermuskulatur und den Sehnen der Handflächen. Und dem Tastsinn.« Sie drehte sich um. »Komm jetzt ins Zelt.«
Читать дальше