Yuehs purpurne Lippen verzogen sich zu einer Grimasse. »Leider werde ich niemals nahe genug an den Baron herankommen, um dies selbst zu tun. Nein. Ich werde immer einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihm einhalten müssen. Aber Sie … ah! Sie werden meine Waffe sein. Er wird Ihnen auf jeden Fall nahe kommen wollen. Er wird Ihnen Auge in Auge gegenübersitzen wollen, um seinen Sieg zu genießen.«
Ein sich rhythmisch bewegender Muskel in Yuehs linker Wange führte dazu, daß Leto sich beinahe hypnotisiert vorkam. Er verkrampfte sich jedesmal, wenn der Mann zu ihm sprach.
Yueh lehnte sich vor. »Und Sie, mein Herzog, werden sich an den Zahn erinnern.« Er hielt ihn jetzt zwischen Daumen und Zeigefinger. »Es wird die letzte Waffe sein, die Sie besitzen werden.«
Letos Lippen bewegten sich lautlos. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sagen konnte: »… weigere mich …«
»Aber, aber! Sie dürfen sich nicht weigern, mein guter Herzog! Ich werde Sie nämlich als Gegenleistung ebenfalls nicht im Stich lassen: Ich werde Ihren Sohn und Ihre Frau retten. Niemand anders könnte das tun. Ich werde sie an einen Ort bringen, wo die Harkonnens sie niemals finden werden.«
»Wie … wollen Sie … das machen?« flüsterte Leto.
»Indem ich den Anschein erwecke, daß sie tot sind und unter Leute bringe, die bereits zum Messer greifen, wenn sie nur den Namen Harkonnen hören; unter Leute, die sogar einen Stuhl verbrennen, wenn man ihnen sagt, daß darauf einst ein Harkonnen saß, die Salz auf jene Erde streuen, über die einer ihrer Familie ging.« Er berührte Letos Kinn. »Fühlen Sie etwas?«
Aber Leto war nicht mehr in der Lage, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Wie aus weiter Ferne spürte er etwas an seinem Körper zerren, dann erschien Yuehs Hand vor seinem Gesicht und zeigte ihm den herzoglichen Siegelring.
»Für Paul«, sagte Yueh. »Sie können unbesorgt sein. Leben Sie wohl, mein armer Herzog. Wenn wir noch einmal einander treffen, haben wir keine Zeit mehr für eine Konversation.«
Eine plötzliche Leichtigkeit erfaßte den Herzog und schwemmte ihn weg. Der Korridor wurde zu einem schattenhaften Etwas, in dem Yuehs purpurne Lippen das Zentrum waren.
»Denken Sie an den Zahn!« zischte Yueh. »An den Zahn!«
Es sollte eine Wissenschaft der Inhaltslosigkeit geben. Das Volk benötigt harte Zeiten und Niedergeschlagenheit, um dagegen psychische Muskeln zu entwickeln.
Aus ›Gesammelte Weisheiten des Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
Jessica erwachte in der Dunkelheit und fühlte die bedrückende Stille. Es war ihr zuerst unverständlich, warum sich Geist und Körper gleichermaßen schlapp fühlten. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Sie wollte sich aufsetzen und das Licht einschalten, aber … da war etwas, das ihre Entscheidung als sinnlos einstufte.
Trapp-trapp-trapp-trapp!
Es war ein dumpfer Klang, der aus einer Richtung kam, die nicht auszumachen war. Er kam von irgendwo her.
Die Zeit schien endlos. Dann begann sie ihren Körper wieder zu fühlen, wurde der Stricke gewahr, die sie einschnürten und des Knebels in ihrem Mund. Sie lag auf der Seite und ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt. Vorsichtig zerrte sie daran und stellte fest, daß sie aus Krimskellfiber bestanden. Je mehr sie zerrte, desto mehr verengten sie sich.
Und dann fiel ihr plötzlich alles wieder ein. Da war eine Bewegung in ihrem Schlafraum gewesen, etwas Feuchtes war gegen ihr Gesicht geflogen, hatte ihren Mund gefüllt, während Hände nach ihr gegriffen hatten. Sie hatte nach Atem gerungen und gleichzeitig gespürt, daß der feuchte Lappen dazu diente, sie zu narkotisieren. Sie hatten es schließlich geschafft.
Es ist also wahr, dachte sie. Und wie einfach es war, eine Bene Gesserit zu übertölpeln. Alles, was sie dazu einzusetzen brauchten, war ein Verräter. Hawat hat also doch recht behalten.
Sie mußte sich dazu zwingen, nicht an den Fesseln zu zerren.
Ich bin nicht in meinem Schlafraum, dachte sie. Man hat mich woanders hingeschleppt.
Langsam beruhigte sie sich wieder.
Wo ist Paul? fragte sie sich. Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht?
Ruhig bleiben.
Es war nicht einfach.
Und der Schrecken war immer noch so nah.
Leto? Leto, wo bist du?
Ihr schien, als nehme die Dunkelheit ab. Als bildeten sich Schatten vor ihr. Dimensionen teilten sich. Helligkeit? Eine helle Linie unter einer Tür.
Ich kann sie fühlen.
Leute bewegten sich vor der Tür. Jessicas Sinne begannen sie zu erfassen. Gleichzeitig drängte sie die Erinnerung an den Schrecken zurück. Ich muß ruhig bleiben, wach, und auf alles vorbereitet. Ich liege auf dem Fußboden. Sie sammelte ihre Sinne und konzentrierte sich. Ihr unregelmäßiger Herzschlag beruhigte sich. Ich war über eine Stunde lang bewußtlos. Mit geschlossenen Augen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernden Schritte.
Vier Mann.
Sie registrierte es anhand der Unterschiedlichkeit der Bewegungen und Geräusche.
Ich darf mir nicht anmerken lassen, daß ich wieder bei Bewußtsein bin. Sie ließ ihren Körper erschlaffen, hörte, wie eine Tür geöffnet wurde, und fühlte, wie das Licht von draußen durch ihre Lider drang.
Füße tauchten auf. Irgend jemand blieb vor ihr stehen.
»Sie sind wach«, brummte eine tiefe Stimme. »Es hat keinen Sinn, sich zu verstellen.«
Jessica öffnet die Augen.
Vor ihr stand Baron Wladimir Harkonnen. Im Hintergrund erkannte sie den Kellerraum, in dem Paul geschlafen hatte. Seine Hängematte war ebenfalls da — leer. Die Wachen brachten Suspensorlampen herein und stellten sie neben der Tür ab. Das Licht, das aus der offenen Tür drang, ließ Jessicas Augen schmerzen.
Sie blickte auf. Der Baron trug einen gelben Umhang, unter dem sich seine Suspensoren wölbten. Die feisten Wangen unterhalb der spinnenhaften schwarzen Augen ließen ihn wie einen Posaunenengel erscheinen.
»Die Droge war genau abgestimmt«, erklärte er. »Und wir wußten auf die Minute genau, wann Sie aufwachen würden.«
Wie kann das sein? dachte Jessica. Dazu hätten sie mein genaues Gewicht kennen müssen, meinen gesamten Metabolismus, mein … Yueh!
»Es ist wirklich eine Schande, daß Sie weiterhin geknebelt bleiben müssen«, fuhr der Baron fort. »Und dabei könnten wir eine wirklich interessante Konversation führen.«
Yueh ist der einzige, der es gewesen sein kann, wurde ihr klar. Aber wie?
Der Baron wandte sich um und nickte in Richtung auf die Tür.
»Komm her, Piter.«
Obwohl sie den Mann, der sich jetzt neben den Baron stellte noch nie getroffen hatte, war ihr sein Gesicht doch bekannt: Piter de Vries, der Mentat-Assassine. Jessica sah ihn sich genau an. Seine habichtähnlichen Züge und tiefblauen Augen deuteten darauf hin, daß er ein Bewohner von Arrakis war, aber seine Bewegungen sagten das Gegenteil. Zudem enthielt sein Körper für einen Fremen zuviel Wasser. Er war hochgewachsen und schlank und irgend etwas an ihm machte deutlich, daß er verweichlicht war.
»Es ist wirklich schade, meine liebe Lady Jessica, daß wir keine Unterhaltung führen können«, wiederholte der Baron. »Aber Sie werden verstehen, daß ich mich vor Ihren Fähigkeiten schützen muß.« Er warf seinem Mentaten einen kurzen Blick zu. »Ist es nicht so, Piter?«
»Wie Sie sagen, Baron«, erwiderte der Mann.
Er hatte eine Tenorstimme, aber sie berührte ihren Geist mit einem Hauch von Kälte. Eine solch klirrende Stimme, sagte sie sich, kann nur einem gehören: einem Killer!
»Ich habe eine Überraschung für dich, Piter«, sagte der Baron nun. »Er denkt nämlich«, fuhr er zu Jessica gewandt fort, »daß er hierhergekommen ist, um seine Belohnung in Empfang zu nehmen — Sie, Lady Jessica. Aber ich habe vor, ihm zu demonstrieren, daß er Sie in Wirklichkeit gar nicht will.«
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