»Beabsichtigen Sie, mit mir zu spielen, Baron?« fragte Piter lächelnd.
Jessica, die dieses Lächeln sah, fragte sich, wieso der Baron nicht davor zurückschreckte. Aber es war Unsinn. Wie sollte er das, wenn er das Lächeln nicht einmal verstand? Schließlich hatte er ihre Ausbildung nicht genossen.
»In gewisser Hinsicht«, sagte der Baron, »ist Piter wirklich naiv. Er ist sich zum Beispiel überhaupt nicht darüber klar, welch tödliche Kreatur Sie sind, Lady Jessica. Ich würde ihm das gerne zeigen, aber ich bin nicht Narr genug, um ein solches Risiko einzugehen.« Er lächelte Piter zu. Das Gesicht des Mannes war zu einer Maske erstarrt. »Ich weiß hingegen, was Piter wirklich will. Er will Macht.«
»Sie haben mir versprochen, daß ich sie haben kann«, warf Piter ein. Seine Stimme schien etwas von ihrer Kälte verloren zu haben.
Sich innerlich schüttelnd dachte Jessica: Wie hat der Baron es nur geschafft, aus einem Mentaten ein solches Tier zu machen?
»Ich lasse dir die Wahl, Piter«, sagte der Baron.
»Welche Wahl?«
Der Baron schnippte mit seinen feisten Fingern. »Die Wahl zwischen dieser Frau und einem Leben im Exil — oder dem Herzogtum der Atreides auf Arrakis, wo du in meinem Namen herrschen kannst.«
Aufmerksam beobachtete Jessica, wie die Augen des Barons Piter ansahen. »Du könntest hier der Herzog sein«, wiederholte der Baron.
Dann ist Leto also tot? Irgend etwas begann in ihr zu weinen.
Der Baron ließ Piter nicht aus den Augen. »Du mußt das mit dir selbst ausmachen, Piter. Du willst sie doch nur, weil sie die Frau eines Herzogs war, ein Symbol der Macht, hübsch, nützlich und auf ihre Rolle wohlvorbereitet. Aber setze dagegen ein ganzes Herzogtum, Piter! Das ist mehr als ein Symbol; es ist die Realität. Wenn du ein Herzogtum hast, kannst du viele Frauen haben — und noch mehr.«
»Und Sie scherzen nicht mit Piter?«
Mit der Leichtigkeit, die seine Suspensoren ihm verliehen, drehte der Baron sich um. »Scherzen? Ich? Ich habe sogar den Jungen aufgegeben. Du hast doch gehört, was dieser Verräter über das Training gesagt hat, welchem er unterworfen war. Sie sind beide gleich, Mutter und Sohn: tödlich.« Er lächelte. »Ich muß jetzt gehen. Ich schicke die Wache herein, die ich habe bereitstellen lassen. Der Mann ist stocktaub. Ich habe ihm aufgetragen, dich auf der ersten Phase deiner Reise ins Exil zu begleiten. Er wird diese Frau in ihre Schranken verweisen, sobald er bemerkt, daß sie beginnt, dich unter ihre Kontrolle zu bringen. Er wird keinesfalls zulassen, daß du ihr den Knebel abnimmst, ehe ihr Arrakis nicht verlassen habt. Wenn du dich allerdings dazu entscheidest, nicht zu gehen … lauten seine Anweisungen anders.«
»Sie brauchen nicht hinauszugehen«, sagte Piter. »Ich habe mich entschieden.«
»Aha!« grunzte der Baron. »Eine solch schnelle Entscheidung kann nur eines bedeuten.«
»Ich nehme das Herzogtum«, sagte Piter.
Und Jessica dachte: Merkt er denn nicht, daß der Baron ihn belügt? Aber wie sollte er? Er ist ein völlig verdrehter Geist.
Der Baron schaute auf Jessica hinab und sagte: »Ist es nicht wundervoll, wie gut ich Piter kenne? Ich habe mit meinem Waffenmeister darum gewettet, daß er so entscheiden würde. Hah! Nun, ich werde jetzt gehen. Es ist viel besser so, viel besser. Verstehen Sie, Lady Jessica? Ich hege keinen Groll gegen Sie, meine Liebe, aber ich unterwerfe mich der Notwendigkeit. So ist es viel besser, ja. Und ich habe nicht wirklich befohlen, daß man Sie tötet. Wenn man mich fragen sollte, was mit Ihnen geschehen ist, kann ich es in aller Wahrheit abstreiten.«
»Sie überlassen es also mir?« fragte Piter.
»Die Wache, die ich dir schicke, wird deinen Befehlen gehorchen«, erwiderte der Baron. »Was immer auch getan werden soll, ich überlasse es dir.« Er sah Piter kurz an. »Ja. Meine Hände werden unbefleckt bleiben. Es ist deine Sache. Ja. Ich weiß nichts davon. Du wirst warten, bis ich gegangen bin, bevor du das tust, was du tun mußt. Ja. Nun … ah, ja. Ja. Gut.«
Er fürchtet die Fragen einer Wahrsagerin, dachte Jessica, aber welcher? Ah, die der Ehrwürdigen Mutter Gaius Helen natürlich! Wenn er jetzt schon weiß, daß er ihre Fragen beantworten muß, steckt sicher auch der Imperator in diesem Geschäft. Ach, mein armer Leto.
Mit einem letzten Blick auf Jessica wandte sich der Baron ab und ging hinaus. Jessicas Blick folgte ihm, während sie dachte: Er ist, wie die Ehrwürdige Mutter sagte, ein gefährlicher Gegner.
Zwei Soldaten betraten den Raum. Ein dritter, dessen Gesicht eine narbige Maske war, folgte ihnen, blieb jedoch mit gezogenem Lasgun in der Tür stehen.
Der Taube, dachte sie, während ihr Blick das narbenbedeckte Gesicht erforschte. Der Baron weiß, daß ich jeden anderen Mann mit meiner Stimme erledigen kann.
Das Narbengesicht warf Piter einen fragenden Blick zu. »Wir haben draußen den Jungen auf einer Bahre liegen. Wie lauten Ihre Befehle?«
»Ich hatte vorgehabt, Sie damit stillzuhalten, indem ich Ihnen zeigte, daß Ihr Sohn in unserer Gewalt ist, aber mir wird immer klarer, daß das eine Fehlentscheidung gewesen ist. Pech für einen Mentaten.« Er musterte die beiden Soldaten und wandte sich dann dem Tauben zu, damit dieser von seinen Lippen ablesen konnte. »Bringt sie in die Wüste, wie der Verräter es für den Jungen vorgeschlagen hat. Sein Plan ist nicht übel. Die Würmer werden alle Spuren vernichten. Ihre Körper dürfen niemals gefunden werden.«
»Sie haben nicht vor, selbst mit ihnen Schluß zu machen?« fragte das Narbengesicht.
Er kann von den Lippen ablesen, dachte Jessica.
»Ich folge dem Beispiel meines Barons«, erwiderte Piter. »Der Vorschlag des Verräters ist gut.«
Der rauhe, abwehrende Ton in Piters Stimme machte Jessica eines klar: Auch er fürchtet die Befragung durch eine Wahrsagerin.
Piter zuckte die Achseln, wandte sich um und ging hinaus. Auf der Schwelle zögerte er. Jessica hatte damit gerechnet, daß er sich noch einmal umdrehen würde, aber sie irrte sich. Er ging, ohne den Kopf zu wenden.
»Ich würde den Gedanken, nach dieser Nacht einer Wahrsagerin gegenüberzustehen, auch nicht sonderlich mögen«, sagte das Narbengesicht.
»Du scheinst völlig kalt dabei zu bleiben, dieser alten Hexe gegenüberzustehen«, meinte einer der beiden Soldaten und beugte sich zu Jessica hinunter. »Los, kommt. Die Arbeit erledigt sich nicht dadurch, daß wir hier herumstehen und schwätzen. Nehmt ihre Füße, und …«
»Warum legen wir sie nicht gleich hier um?« fragte das Narbengesicht.
»Das wird Schmutz geben«, sagte der erste Soldat. »Es sei denn, du erdrosselst sie. Ich für mein Teil bevorzuge einen sauberen Job. Laßt uns sie in die Wüste hinauswerfen, nachdem wir ihnen einen oder zwei Stiche beigebracht haben, und den Rest überlassen wir den Würmern. Da brauchst du hinterher nicht mehr den Fußboden zu säubern …«
»Jaah … du hast wohl recht«, murmelte das Narbengesicht.
Jessica lauschte den Worten der Männer, registrierte jede Silbe. Aber der Knebel hinderte sie daran, etwas zu sagen. Und da war immer noch der Taube, den sie berücksichtigen mußte.
Das Narbengesicht steckte die Waffe ein und packte ihre Füße. Gemeinsam hoben sie Jessica hoch und trugen sie wie einen Sandsack auf den mattbeleuchteten Korridor hinaus, wo auf einer Tragbahre eine andere, ebenfalls gefesselte Gestalt lag. Als die Männer sie drehten und neben ihr ablegten, erkannte sie sein Gesicht. Paul! Sie hatten ihn zwar gefesselt, aber nicht geknebelt. Sein Gesicht war nicht viel mehr als zehn Zentimeter von dem ihren entfernt. Seine Augen waren geschlossen, aber er atmete gleichmäßig.
Haben sie ihn unter Drogen gesetzt? fragte sie sich.
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