Als die Soldaten Pauls Tragbahre anhoben, öffneten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen und sahen sie an.
Er darf jetzt nichts unternehmen, betete sie. Gegen den Tauben sind wir machtlos!
Pauls Augen schlossen sich wieder.
Er hatte die ganze Zeit über daran gearbeitet, seinen Atem einem gewissen Rhythmus zu unterwerfen, sein Bewußtsein sachlich arbeiten zu lassen und ihren Wächtern zuzuhören. Der Taube stellte ein Problem dar, das war ihm klar, aber er zwang sich, keinerlei Verzweiflung in sich aufkommen zu lassen. Die Ausbildung der Bene Gesserit, die ihm durch seine Mutter zuteil geworden war, befähigte ihn, geistig in jeder Beziehung kühl zu bleiben. Er war wachsam und auf alles vorbereitet. Er würde jede sich bietende Gelegenheit wahrnehmen.
Paul gestattete sich einen weiteren kurzen Blick auf seine Mutter. Auch wenn sie geknebelt war: sie schien unverletzt.
Er fragte sich, wem es gelungen war, sie zu überwältigen. Die Erklärung, wie man ihn geschnappt hatte, war einfach genug: Yueh hatte ihn mit einem Mittel versorgt, das ihn hatte tief einschlafen lassen. Als er aufgewacht war, hatten sie ihn bereits auf die Tragbahre gebunden. Vielleicht war es ihr ähnlich ergangen. Die reine Logik deutete darauf hin, daß Yueh der Verräter gewesen war, aber dennoch behielt Paul sich eine endgültige Entscheidung vor. Es war irgendwie unverständlich, daß ein Suk-Mediziner sich als Verräter entpuppen konnte.
Die Bahre wankte leicht, als die Soldaten sie anhoben und durch eine Tür in die sternenbeschienene Nacht hinausmanövrierten. Dann liefen sie über Sand, der unter ihren Füßen knirschte. Über ihnen wurde ein verschwommener Thopter sichtbar. Die Männer setzten die Bahre ab. Langsam gewöhnten Pauls Augen sich an das matte Licht. Es war der Taube, der die Tür des Thopters öffnete und in die Maschine hineinlugte, in deren Innerem in sanftem Grün das Instrumentenbord leuchtete.
»Ist das der Thopter, den wir nehmen sollen?« fragte er und drehte sich wieder um, um auf die Lippen seiner Begleiter zu sehen.
»Der Verräter hat gesagt, dies sei die Maschine, die für den Wüsteneinsatz vorbereitet ist«, erwiderte der andere.
Das Narbengesicht nickte. »Aber in dieser kleinen Kiste haben außer den beiden nur höchstens zwei von uns Platz.«
»Das reicht doch«, erwiderte einer der Bahrenträger, ging etwas näher an den Tauben heran und ließ ihn von seinen Lippen lesen. »Wir schaffen das schon, Kinet.«
»Aber der Baron hat mir befohlen, darauf zu achten, was mit ihnen geschieht«, meinte das Narbengesicht.
»Machst du dir etwa Sorgen deswegen?« fragte der zweite Soldat.
»Immerhin ist sie eine Bene-Gesserit-Hexe«, gab der Taube zu bedenken. »Sie verfügt über gewisse Kräfte.«
»Ah«, grunzte der erste Soldat geringschätzig und zeigte eine seiner Fäuste. »Das ist nur eine von meinen Kräften … Du weißt, was ich damit alles anfangen kann.«
Der Mann hinter ihm knurrte. »Sie wird schon früh genug einem Wurm als Speise dienen. Ich glaube nicht, daß sie auch Macht über eines dieser Viecher ausüben kann. Was meinst du, Czigo?« Er zwinkerte seinem Kollegen zu.
»Natürlich nicht«, erwiderte der andere. Er kehrte zu der Bahre zurück und packte Jessica bei den Schultern. »Komm her, Kinet, wenn du dabeisein willst, fliegst du halt mit.«
»Nett von dir, mich einzuladen, Czigo«, erwiderte der Taube.
Jessica fühlte, wie sie hochgehoben wurde. Hinter der Tragfläche des Thopters leuchteten die Sterne. Man packte sie am Heck des Thopters in einen Sitz und schnallte sie an. Wenig später wurde Paul neben sie geworfen, ebenfalls angeschnallt, wobei sie bemerkte, daß seine Fesselung aus simplen Stricken bestand.
Das taube Narbengesicht, das auf den Namen Kinet hörte, nahm vor ihnen Platz. Der Bahrenträger namens Czigo übernahm den zweiten Sitz.
Kinet schloß die Tür, die Maschine startete und steuerte auf den Schildwall zu. Czigo klopfte seinem Nebenmann auf die Schulter und sagte: »Warum gehst du nicht nach hinten und behältst die beiden im Auge?«
»Weißt du genau, wo wir hinwollen?« fragte der Taube zurück.
»Ich habe die Worte des Verräters genauso gehört wie du.«
Kinet schwenkte seinen Sitz herum, so daß Jessica in einem Lichtstrahl der Sterne den Lauf seiner Lasgun sehen konnte. Obwohl das Licht des Armaturenbrettes den vorderen Teil des Thopters einigermaßen erleuchtete, blieb das Gesicht des Mannes im Halbdunkel verborgen. Sie versuchte, die Festigkeit ihres Anschnallgurtes zu testen und fand heraus, daß er lose war. Etwas Rauhes an ihrem linken Arm zeigte, daß der Gurt soweit durchtrennt worden war, daß er bei der geringsten Bewegung reißen mußte.
Ist irgend jemand in diesem Thopter gewesen und hat ihn für uns vorbereitet? fragte sie sich. Und wer? Langsam bewegte sie ihre gebundenen Füße.
»Ist es nicht eine Schande, eine solche Frau so einfach abzuservieren?« fragte das Narbengesicht. »Hast du's je mit einer Hochwohlgeborenen getrieben?« Er drehte den Kopf, um die Antwort des Piloten mitzubekommen.
»Bene Gesserit müssen nicht unbedingt Hochwohlgeborene sein«, erwiderte der Pilot.
»Aber sie sehen alle so aus.«
Er kann mich deutlich genug sehen, dachte Jessica, zog die Beine an und hievte sie auf den Sitz hinauf. Sie kuschelte sich zusammen, ließ den Mann jedoch nicht aus den Augen.
»Sie ist wirklich 'ne Schönheit«, fuhr Kinet fort und leckte sich die Lippen. »Es ist wirklich 'ne reine Verschwendung!« Erneut sah er Czigo an.
»Du denkst also, ich denke dasselbe wie du?« fragte der Pilot.
»Wer würde es schon erfahren?« meinte Kinet. »Und hinterher …« Er zuckte die Achseln. »Ich hatte noch nie eine von denen da. So 'ne Chance kriegen wir vielleicht nie wieder im Leben.«
»Wenn Sie auch nur eine Hand an meine Mutter legen …«, knurrte Paul. Er sah wütend zu Kinet hinüber.
»He!« lachte der Pilot. »Der kleine Kläffer regt sich. Auch wenn er nicht beißen kann.«
Jessica dachte: Der Ton seiner Stimme ist zu hoch. Aber es könnte gehen. Schweigend flogen sie weiter.
Diese armen Narren, dachte Jessica, während sie ihre Wächter musterte und an die Worte des Barons zurückdachte. Sobald sie ihm den Vollzug ihres Auftrags gemeldet haben, werden sie selber sterben. Der Baron kann sich keine Zeugen leisten.
Der Thopter schwebte über dem Südrand des Schildwalls, und Jessica erkannte unter sich weite mondbeschienene Dünen.
»Wir sind jetzt weit genug«, meinte der Pilot. »Der Verräter sagte, wir sollten sie einfach hier draußen irgendwo zurücklassen.« In einer langgezogenen Linie zog er über die Dünen dahin und setzte zur Landung an.
Jessica registrierte Pauls Konzentration und seinen rhythmischen Atem. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder, während sie ihn hilflos ansah. Sie konnte nichts zu seiner Unterstützung tun. Er beherrscht es noch nicht völlig, durchzuckte es sie. Wenn er versagt …
Mit einem sanften Hüpfer berührte der Thopter die sandige Oberfläche. Jessica, die nach Norden in die Richtung des Schildwalls blickte, erkannte plötzlich den Schatten eines weiteren Fluggeräts.
Irgend jemand folgt uns! dachte sie. Aber wer? Dann: Es können nur Leute sein, die diese beiden Wächter überwachen. Und auch sie werden überwacht.
Czigo schaltete die Flügelrotoren aus. In der Maschine herrschte nun völlige Stille.
Jessica drehte den Kopf. Durch das hinter dem Narbengesicht liegende Fenster konnte sie das sanfte Leuchten eines aufgehenden Mondes erkennen, der die Felsen mit einem Lichtschein überwarf und deren gezackte Oberfläche um so deutlicher hervortreten ließ. Paul räusperte sich.
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