Er justierte einen der Suspensoren, der es ihm ermöglichte, sich trotz seines fetten Körpers ungezwungen zu bewegen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.
Es ist eine Schande, solche Kämpfer wie die Männer des Herzogs auf solche Weise zu verschwenden, dachte er. Sein Grinsen wurde breiter. Aber solches Mitleid sollte man unter Strafe stellen. Schließlich hatte jeder selbst zu sehen, wo er blieb. Da lag das ganze Universum vor einem, offen, bereit, von jedem in Besitz genommen zu werden, der die richtigen Entscheidungen traf. Es war kein Wunder, daß es nicht den schüchternen Kaninchen gehörte, die unfähig waren, ihren Besitz zu verteidigen. Entweder war man in der Lage, sein Eigentum zu verteidigen oder man war es nicht. Er verglich seine Männer mit einem angriffslustigen Bienenschwarm und dachte: Es ist ein herrliches Gefühl, wenn man genügend fleißige Leutchen hat, die einem die Kastanien aus dem Feuer holen.
Hinter ihm öffnete sich eine Tür. Der sich auf der Wandung spiegelnde Lichtreflex zeigte dem Baron, auch ohne daß er sich umdrehen mußte, wer gekommen war. Hinter ihm erschien Piter de Vries, gefolgt von Umman Kudu, dem Führer seiner Leibgarde. Von draußen drangen die Geräusche anderer Leute an seine Ohren, und für einen Moment sah er die Schafsgesichter seiner Leibwächter, die ihn mit hündischer Ergebenheit anstarrten. Der Baron wandte sich um.
Piter salutierte, indem er einen Finger gegen die Stirn legte. »Gute Nachrichten, Mylord«, meldete er. »Die Sardaukar haben den Herzog gebracht.«
»Natürlich haben sie das«, brummte der Baron.
Er studierte das maskenhafte Gesicht seines Gegenübers. Und dessen Augen: schattenhafte Schlitze, in denen nichts als Blau zu sehen war.
Ich muß ihn beseitigen, dachte er. Das, was ich von ihm erwarten konnte, hat er geliefert. Jetzt hat er eine Stellung erreicht, in der er mir nur noch gefährlich werden kann. Aber zuerst werde ich ihn noch dazu benutzen, die Bevölkerung von Arrakis Haß zu lehren. Anschließend werden sie um so lieber meinen Liebling Feyd-Rautha willkommen heißen.
Er wandte sich dem Führer seiner Leibwache zu: Captain Umman Kudu. Ein Mann mit unbeweglichen Gesichtsmuskeln und einem viereckigen Kinn. Ihm konnte man trauen, denn seine Laster waren allgemein bekannt.
»Ich möchte zuerst wissen, wo der Verräter ist, der uns den Herzog ausgeliefert hat«, sagte der Baron. »Schließlich soll er seinen wohlverdienten Lohn bekommen.«
Piter drehte sich auf dem Absatz herum und gab dem Posten an der Tür einen Wink. Etwas Schwarzes bewegte sich hinter der Tür, und Yueh trat ein. Seine Bewegungen waren steif und marionettenhaft, sein Schnauzbart hing herab. In seinem Gesicht schienen nur die alten Augen zu leben. Er machte drei Schritte in den Raum hinein und blieb stehen, als erwartete er eine Anweisung von Piter, der ihm zunickte, woraufhin Yueh drei weitere Schritte machte und vor dem Baron stehenblieb.
»Ah, Dr. Yueh.«
»Zu Ihren Diensten, Mylord Harkonnen.«
»Sie haben uns den Herzog verschafft, hörte ich.«
»So lautete meine Hälfte der Abmachung, Mylord.«
Der Baron warf Piter einen Blick zu.
Piter nickte.
Der Baron wandte sich wieder Yueh zu. »Die Abmachung, wie? Und ich …« Er spuckte die Worte beinahe aus: »Was sollte doch gleich meine Gegenleistung sein?«
»Daran erinnern Sie sich sehr gut, Mylord.«
Irgendwo im Innern Yuehs begann laut eine Uhr zu ticken. Die Art, in der Harkonnen sich ihm gegenüber gab, zeigte, daß er betrogen worden war. Wanna war wirklich tot. Sie konnten ihre Hälfte des Abkommens gar nicht mehr erfüllen. Sie hatten ihn nur in dem Glauben gelassen, um Druck auf ihn ausüben zu können. Es war keine Frage mehr; sie hatten ihn hereingelegt.
»Schulde ich Ihnen wirklich etwas?« fragte der Baron.
»Sie haben versprochen, Wanna von ihren Qualen zu erlösen.«
Der Baron nickte. »Oh, ja, jetzt erinnere ich mich. Ich habe es wirklich versprochen, damit wir die imperiale Konditionierung durchbrechen konnten, denen Sie unterworfen waren. Leider konnten Sie nicht miterleben, wie diese Bene-Gesserit-Hexe ihr Leben in Piters Schreckenskammern verlor. Nun, der Baron Harkonnen pflegt sein Versprechen immer zu halten. Und ich habe Ihnen versprochen, sie von ihren Qualen zu erlösen und die Erlaubnis erteilt, daß Ihnen das gleiche widerfährt. So sei es.« Er gab Piter einen Wink.
Piters blaue Augen wurden glasig. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Raubtiers. Das Messer in seiner Hand blitzte wie eine Kralle, als es sich in Yuehs Rücken senkte. Der alte Mann richtete sich auf, ohne den Baron aus den Augen zu lassen.
»Sie werden Ihre Frau bald treffen«, zischte dieser.
Yueh blieb aufrecht stehen. Seine Lippen bewegten sich mit vorsichtiger Präzision, dann sagte er in leicht schwankendem Tonfall: »Sie … glauben … mich … besiegt … zu … haben … Sie glauben, daß … ich … nicht … damit … gerechnet … habe … was … meiner … Wanna … bevorstand.« Er stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden.
»Ich hoffe, Sie treffen sie«, wiederholte der Baron, aber seine Worte klangen nur noch wie ein schwaches Echo. Yuehs Tod hatte ihn mit Mißtrauen erfüllt. Langsam wandte er sich Piter zu, und achtete darauf, wie der Mann seine Klinge aus dem Rücken des Toten zog. Piters Augen leuchteten in tiefer Befriedigung.
Auf diese Art mordet er also, dachte der Baron. Es ist gut, daß ich das jetzt weiß.
»Er hat uns wirklich den Herzog ausgeliefert?« fragte er.
»Aber natürlich, Mylord«, erwiderte Piter.
»Dann lassen wir ihn doch hereinbringen.«
Piters Blick ließ den Führer der Leibwache sofort gehorchen. Der Baron starrte den gefallenen Yueh an. »Ich habe niemals in meinem Leben einem Verräter Vertrauen geschenkt«, sagte er. »Nicht einmal dann, wenn er für mich arbeitete.«
Er schaute auf das nächtliche Panorama hinaus. Die Stille, die nun dort herrschte, war von ihm erzeugt worden. Man hatte das Feuer eingestellt und war jetzt sicher schon dabei, die vom Steinschlag verschütteten Höhlensysteme zu versiegeln. Die absolute Schwärze, die sich im Bewußtsein des Barons ausbreitete, erschien ihm plötzlich als die schönste Farbe überhaupt.
Aber immer noch nagten Zweifel an ihm.
Was hatte der närrische alte Arzt gesagt? Natürlich, vielleicht hatte er vorausgeahnt, was im Endeffekt mit ihm geschehen würde. Aber dieser merkwürdige Ausspruch: »Sie glauben, mich besiegt zu haben.«
Was hatte er damit gemeint?
Herzog Leto Atreides betrat den Raum. Man hatte seine Arme mit Ketten gefesselt. Sein adlerhaftes Gesicht war schmutzig. An der Stelle, wo jemand die Insignien abgerissen hatte, war seine Uniform zerfetzt. Man hatte seinen Schildgurt entfernt, ohne ihn durch die Schlaufen zu führen. In den Augen des Herzogs stand ein glasiger, geistesabwesender Ausdruck.
»Nun«, sagte der Baron gedehnt. Er zögerte und holte tief Luft. Er wußte, daß er zu laut gesprochen hatte. Irgendwie hatte dieser Moment etwas von dem langerwarteten Triumph verloren.
Zum Teufel mit dem Geschwätz dieses Arztes!
»Ich nehme an, daß der gute Herzog unter Drogen steht«, erklärte Piter. »Dadurch hat Yueh ihn kampfunfähig gemacht.« Er wandte sich dem Herzog zu und fragte: »Sind Sie betäubt, mein guter Herzog?«
Die Stimme kam aus weiter Ferne. Leto fühlte nichts als die Ketten, schmerzende Muskeln, aufgesprungene Lippen, brennende Wangen und seinen ausgetrockneten Mund. Alle Geräusche um ihn herum klangen gedämpft, als würden sie durch ein Filter von ihm abgehalten. Die Personen vor ihm erschienen wie Schatten.
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