»Heißer Talg auf dem Rücken kann Wunder wirken«, sagte Piter. »Auch auf den Augenlidern. Und schließlich gibt es ja noch eine Reihe anderer Körperteile. Diese Methode ist schon deswegen so vielversprechend, weil das Opfer niemals weiß, auf welchen Körperteil der nächste Tropfen fallen wird. Eine wirklich vortreffliche Methode, und auch die Brandblasen, die man nachher auf der nackten Haut bewundern kann, haben ihren Reiz. Nicht wahr, mein Baron?«
»Exquisit«, nickte der Baron, obwohl seine Stimme vor Abscheu vibrierte.
Diese tastenden Finger! Leto starrte auf die juwelenbesetzten fetten Hände, die die ganze Zeit über in ständiger Bewegung blieben.
Die Geräusche aus dem Nebenraum, wo ein Mann in dumpfer Agonie stöhnte, zerrte an Letos Nerven. Wen haben sie gefangen? fragte er sich. Vielleicht Idaho?
»Glauben Sie mir, werter Cousin«, wiederholte der Baron, »daß ich es vermeiden möchte, soweit zu gehen.«
»Es ist eine Kunst, das richtig hinzukriegen«, fügte Piter hinzu.
»Ich weiß, daß du ein großer Künstler bist«, erwiderte der Baron. »Aber hab' jetzt bitte die Freundlichkeit, den Mund zu halten.«
Plötzlich erinnerte Leto sich an etwas, das Gurney Halleck einst gesagt hatte. Und es traf auf den Baron genau zu. »Und ich stand auf dem Sand des Strandes und sah, wie das Ungeheuer aus der See auftauchte … es war die reinste Blasphemie.«
»Wir vergeuden nur Zeit, Baron«, meinte Piter.
»Vielleicht.«
Der Baron nickte. »Sie wissen, mein lieber Leto, daß Sie uns irgendwann doch die Wahrheit sagen werden. Auch für Sie gibt es eine Schmerzgrenze, über die Sie nicht hinauskönnen.«
Vermutlich hat er da sogar recht, dachte Leto. Aber ich habe noch den Zahn … und immerhin weiß ich wirklich nicht, wo sie sich versteckt halten.
Der Baron nahm ein Stück Fleisch von seinem Teller, stopfte es in den Mund, kaute darauf herum und schluckte. Wir müssen eine neue Taktik versuchen, dachte er.
»Schau dir diesen Kerl an, Piter, der von sich glaubt, er sei nicht herumzukriegen. Schau ihn dir nur an.« Und er dachte: Jawohl! Schaut ihn euch an, diesen Mann, der glaubt, nicht käuflich zu sein. Wenn man daran denkt, wieviel von seiner Ehre bereits von anderen unter der Hand verhökert wurde … Wenn ich ihn aus seinem Sessel zerre und schüttele, wird es in seinem Inneren nicht mal mehr klingeln. Er ist leer. Nichts ist von ihm übriggeblieben. Welchen Unterschied macht es da für ihn noch, auf welche Weise er stirbt?
Die Geräusche im Nebenraum verstummten.
Der Baron sah Umman Kudu, den Führer seiner Leibwache, in der Tür auf der anderen Seite auftauchen und den Kopf schütteln. Der Gefangene hatte also nichts gesagt. Noch ein Versager. Es wurde Zeit, ernsthaft auf diesen närrischen Herzog einzureden, damit er endlich begriff, wie nahe er der Hölle war. Ihn trennte praktisch nur noch ein Nervenstrang von ihr.
Der Gedanke führte dazu, daß der Baron sich wieder etwas beruhigter vorkam. Immerhin hatte er die Macht, mit einem Adeligen anzustellen, was ihm beliebte: er fühlte sich plötzlich wie ein Chirurg, der die unverständlichen Gedankengänge seiner Opfer bloßlegte, der diesen Narren die Masken wegschnitt, damit sie in die Lage versetzt wurden, zu sehen, wie nahe sie der ewigen Verdammnis waren.
Diese Kaninchen!
Und wie sie kuschten, wenn sie den Käfig sahen!
Leto starrte über die Tischplatte und wunderte sich, daß man immer noch auf seine Antwort wartete. Der Zahn würde für ein rasches Ende sorgen. Und damit war sein Leben doch nicht völlig sinnlos gewesen. Die Erinnerungen an Caladan drangen plötzlich auf ihn ein. Er sah sich, wie er eine Antenne unter dem blauen Himmel errichtet hatte und Paul sich darüber freute. Aber auch der Sonnenaufgang hier auf Arrakis war nicht aus seinem Unterbewußtsein gewichen: in der Ferne der Schildwall im Nebel.
»Zu schade«, murmelte der Baron. Er stieß sich von seinem Tisch ab, fühlte sich von den Suspensoren emporgehoben. Er zögerte, als er im Gesicht des Herzogs eine Veränderung bemerkte. Ihm fiel auf, daß sein Gegenüber einen tiefen Atemzug machte und die Zähne zusammenbiß.
Wie er mich fürchtet! zuckte es durch sein Gehirn.
Leto hatte plötzlich Angst, daß der Baron ihm doch noch entkommen könnte und biß zu. Die Kapsel zerbrach. Er öffnete den Mund und spürte den beißenden Geschmack des Giftes auf der Zunge. Der Baron wurde plötzlich kleiner, wie eine Person, die in einem endlosen Tunnel zurückblieb. Neben Letos Ohr röchelte jemand. Es war der Mann mit der seidigen Stimme: Piter.
Ich habe ihn auch erwischt!
»Piter! Was ist los!«
Die tiefe Stimme entfernte sich immer mehr.
Die Umwelt versank in einem unidentifizierbaren Gewirr aus Farben, Geräuschen und Bewegungen. Die Kabine, der Tisch, der Baron, zwei in heller Panik aufgerissene Augen — alles versank um ihn herum in grauen Wolken des Vergessens.
Da war ein Mann mit einem viereckigen Kinn, der wie eine Marionette umfiel. Seine Nase war gebrochen und zeigte ein wenig nach links. Leto hörte sanftes Knirschen. Es war weit weg. Dann brüllte jemand in der Höhe seiner Ohren auf. Sein Bewußtsein war ein Gewinde ohne Ende, sein Gehör nahm alles auf was aufzunehmen war: jeden Schrei, jedes noch so leise Gewisper … und auch die Stille.
Der Baron stand mit dem Rücken gegen die Geheimtür gelehnt, die er für alle Fälle in die Kabine hatte einbauen lassen. Er hatte sie zugeschlagen, weil der hinter ihm liegende Raum voller toter Männer lag. Mit fahrigem Blick nahm er die Männer wahr, die sich um ihn drängten. Habe ich es eingeatmet? dachte er. Was immer es auch gewesen ist, hat es mich auch erwischt?
Er merkte schließlich, daß man um ihn herum nicht untätig geblieben war. Jemand brüllte Befehle … Gasmasken anlegen … die Schotten dicht … die Ventilation einschalten.
Die anderen fielen sofort um, dachte er. Und ich stehe immer noch. Gnadenlose Hölle! Das war knapp.
Jetzt wurde ihm bewußt, was ihn gerettet hatte. Sein Schildgürtel war eingeschaltet, zwar nicht auf die Höchststufe, aber immerhin hoch genug, um zu verhindern, daß etwas zu ihm durchdringen konnte. Er hatte sich gerade noch rechtzeitig von der Tischplatte abgestoßen … und war von Piters entsetzlichem Röcheln gewarnt worden. Dem Führer seiner Leibwache hatte die späte Erkenntnis nichts mehr genützt. Und er selbst hatte sein Leben nur der versteckten Warnung im Todesröcheln eines anderen zu verdanken.
Dennoch fühlte der Baron Piter gegenüber nicht die geringste Dankbarkeit. Der Narr war an seinem Tod selber schuld. Und dieser idiotische Trottel von einem Leibwächter! Er hatte behauptet, daß niemand zu mir durchgelassen wird, den er nicht auf Herz und Nieren untersucht. Wie hat der Herzog es nur geschafft … Es hat nicht die geringste Warnung gegeben. Nicht einmal der Giftschnüffler hat reagiert. Nun, egal, wie das passieren konnte. Der nächste Führer meiner Leibgarde wird es herauszufinden haben.
Laute Stimmen unterbrachen seine Gedankengänge und lenkten seine Aufmerksamkeit auf eine andere Richtung. Er stieß sich von der Wand ab und musterte kurz die Schafsgesichter in seiner Nähe.
Die Männer standen da und stierten schweigend. Offenbar erwarteten sie nun von ihm weitere Verhaltensmaßregeln. Und sicher fürchteten sie auch seine Reaktion.
Dem Baron wurde plötzlich klar, daß seit dem schrecklichen Attentat erst wenige Sekunden vergangen waren. Mehrere der Wachen nahmen nun ihre Waffen und richteten sie auf die Ecke zu ihrer Rechten, aus der plötzlicher Lärm drang.
Dann erschien ein Mann, dessen Gasmaske an einem Band von der Schulter baumelte, während seine Augen die an den Korridorwänden angebrachten Giftschnüffler beobachteten. Der Neuankömmling war blond, flachgesichtig und hatte grüne Augen. Um seine Lippen lagen Falten, und im ganzen wirkte er wie eine Wassserkreatur unter Wüstenbewohnern.
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