Der Baron starrte den auf ihn zukommenden Mann an und dachte an seinen Namen: Nefud. Iakin Nefud. Gardeunteroffizier. Nefud war Semutasüchtig, abhängig von einer Droge, die im Zusammenhang mit einer bestimmten Musik selbst in tiefster Bewußtlosigkeit wirkte. Ein nützlicher Informationsfaktor, in der Tat.
Nefud blieb vor dem Baron stehen und salutierte. »Die Korridore sind jetzt sauber, Mylord. Ich habe von draußen gesehen, daß es sich um Giftgas gehandelt hat. Die Ventilatoren in ihrem Zimmer saugen jetzt Frischluft von den Korridoren an.« Er warf einen Blick auf den Schnüffler über dem Kopf des Barons. »Es ist nichts übriggeblieben. Der Raum ist jetzt sauber. Wie lauten Ihre Befehle?«
Jetzt erinnerte sich der Baron an die Stimme des Mannes. Es war diejenige, die soeben die Befehle geschrien hatte.
Ein reaktionsschneller Mann ist dieser Unteroffizier, dachte er.
»Die Leute in diesem Raum sind alle tot?« fragte er.
»Jawohl, Mylord.«
Nun, wir müssen Ordnung schaffen, dachte der Baron. Laut sagte er:
»Lassen Sie mich Ihnen zuerst gratulieren, Nefud. Sie werden ab sofort der neue Hauptmann meiner Leibwache sein. Ich hoffe für Sie, daß Sie aus dem Schicksal Ihres Vorgängers einiges lernen werden.«
Er spürte, wie die Wachsamkeit in dem soeben beförderten Soldaten auf der Stelle wuchs. Nefud wußte, daß er von jetzt an nie mehr ohne seine Droge leben mußte.
Der neue Hauptmann nickte. »Mylord wissen, daß ich seiner Person mit meiner ganzen Kraft zur Verfügung stehe.«
»In Ordnung. Nun zum Geschäftlichen. Ich vermute, daß der Herzog irgend etwas in seinem Mund hat. Sie werden das herausfinden und feststellen, wie er es benutzen konnte, und wer dafür verantwortlich war, daß er über diese Waffe verfügte. Sie werden jede Unterstützung …«
Er wurde durch erneuten Lärm mehrerer Stimmen in seiner Rede unterbrochen. Die Wachen am Liftausgang zu den unteren Decks der Fregatte versuchten dort einen hochgewachsenen Colonel-Bashar zurückzuhalten, der soeben aus der Kabine trat.
Das Gesicht des Mannes war dem Baron unbekannt: es war schlank und dünnlippig. Zwei funkelnde Augen schienen Blitze zu sprühen.
»Geht mir aus dem Weg, ihr dreckfressendes Gesindel!« brüllte der Mann und schob mit einer Hand gleich zwei Wachen auf einmal beiseite.
Ah, einer der Sardaukar, dachte der Baron.
Der Colonel-Bashar kam geradewegs auf ihn zu. Die Augen des Barons zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Die Anwesenheit dieser Leute erfüllte ihn mit beinahe körperlich spürbarem Unwohlsein. Irgendwie erinnerten sie ihn in ihrem Äußeren alle an Verwandte des Herzogs … des verstorbenen Herzogs. Und wie sie mit ihm umsprangen!
Einen halben Schritt vor dem Baron blieb der Colonel-Bashar stehen und stemmte die Hände in die Seiten. Die Wachen musterten ihn mit offensichtlicher Ängstlichkeit.
Die Tatsache, daß der Mann nicht salutierte, sondern im Gegenteil ein beträchtliches Selbstbewußtsein zur Schau stellte, trug nicht dazu bei, daß sich die Stimmung des Barons hob. Aber auch wenn sich nur eine Sardaukar-Legion derzeit auf Arrakis aufhielt — im Gegensatz zu zehn seiner eigenen -, brauchte er sich nichts vorzumachen. Gegen die Sardaukar-Legion konnte er nichts unternehmen. Sie würden seine eigenen Leute in Stücke reißen.
»Es wäre ratsam, wenn Sie Ihren Leuten erzählen würden, daß sie zukünftig ihre Pfoten von mir zu lassen haben, wenn ich Sie zu sehen wünsche, Baron«, knurrte der Sardaukar. »Meine Leute haben Ihnen Herzog Leto Atreides übergeben, bevor ich die Gelegenheit hatte, über sein zukünftiges Schicksal mit Ihnen zu diskutieren. Wir werden das jetzt nachholen.«
Ich darf mich nicht vor meinen Leuten bloßstellen lassen, dachte der Baron und sagte mit einer Stimme, die eine solche Kälte ausströmte, daß er beinahe selbst stolz darauf war: »So?«
»Mein Imperator hat mir befohlen, dafür Sorge zu tragen, daß sein Cousin einen raschen Tod ohne Folter stirbt«, fügte der Colonel-Bashar hinzu.
»Genauso lauteten die kaiserlichen Befehle, die ich erhielt«, log der Baron. »Glauben Sie etwa, ich würde mich ihnen widersetzen?«
»Ich habe den Befehl, dem Imperator zu berichten, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe«, erwiderte der Sardaukar.
»Der Herzog ist schon tot«, sagte der Baron und deutete mit einer wegwerfenden Handbewegung an, daß es besser sei, wenn der Mann jetzt gehe.
Der Colonel-Bashar rührte sich nicht von der Stelle. Er zeigte mit keinem Wimpernzucken, daß er die Bewegung überhaupt wahrgenommen hatte.
»Wie?« knurrte er.
Also wirklich! dachte der Baron. Das ist zuviel.
»Von seiner eigenen Hand, wenn Sie es unbedingt wissen wollen«, erklärte er. »Er hat Gift genommen.«
»Ich will seine Leiche sehen«, forderte der Sardaukar.
Mit gespielter Verzweiflung sah der Baron zur Decke des Korridors hinauf. Seine Gedanken rasten. Verflucht! Dieser adleräugige Sardaukar wird den Raum zu sehen bekommen, bevor wir dort Ordnung geschafft haben!
»Sofort«, fügte der Sardaukar hinzu. »Ich will ihn mit eigenen Augen sehen.«
Es gab keinen Grund, dies abzulehnen. Der Sardaukar würde alles sehen. Er würde sofort wissen, daß der Herzog eine ganze Reihe von seinen Soldaten getötet hatte … und daß der Baron nur wegen eines glücklichen Zufalls entkommen war. All dies würde keinen guten Eindruck machen.
»Ich lasse mich nun nicht länger hinhalten«, schnarrte der Colonel-Bashar.
»Niemand beabsichtigt das«, erwiderte der Baron und starrte in die Obsidianaugen seines Gegenübers. »Ich habe vor meinem Imperator nichts zu verbergen.« Er nickte Nefud zu. »Der Colonel-Bashar hat das Recht, sich alles genau anzusehen. Führen Sie ihn durch die Tür, vor der Sie stehen, Nefud.«
»Hierher, Sir«, sagte Nefud.
Langsam ging der Sardaukar um den Baron herum und bahnte sich einen Weg durch die Leibwächter.
Peinlich, dachte der Baron. Jetzt wird der Imperator erfahren daß ich beinahe in eine Falle getappt wäre. Er wird es als ein Zeichen der Schwäche werten.
Und es war jetzt schon klar, daß er in dieser Beziehung die Auffassung seiner Sardaukar teilte. Der Baron nagte an seiner Unterlippe und redete sich ein, daß der Imperator zumindest nichts von dem Überfall auf die Gewürzlager von Giedi Primus erfahren haben konnte, der mit der Zerstörung der Harkonnen'schen Gewürzlager geendet hatte.
Verflucht sei dieser Fuchs von einem Herzog!
Er ließ die beiden Männer nicht aus den Augen: den arroganten Sardaukar und den finsteren und undurchsichtigen Nefud.
Wir müssen Ordnung schaffen, dachte der Baron erneut. Rabban wird wieder die Macht auf diesem verdammten Planeten übernehmen. Ohne Rücksicht auf Verluste! Er muß hart vorgehen, dann wird man später meinen geliebten Feyd-Rautha um so lieber akzeptieren. Der Teufel soll Piter holen. Das sieht ihm ähnlich, sich umbringen zu lassen, bevor ich mit ihm fertig bin.
Der Baron seufzte.
Und ich muß mir von Tleilax einen neuen Mentaten kommen lassen. Hoffentlich haben sie jemanden, der bereits einsatzbereit ist.
Einer der ihn umgebenden Leibwächter hüstelte. Der Baron wandte sich dem Mann zu und sagte: »Ich bin hungrig.«
»Jawohl, Mylord.«
»Und während Sie diesen Raum dort säubern und kontrollieren, wünsche ich abgelenkt zu werden.«
Der Leibwächter senkte den Blick. »Welche Zerstreuung wäre dem Baron am liebsten?«
»Ich werde in meinen Schlafraum gehen«, erwiderte der Baron. »Bringen Sie mir diesen jungen Burschen, den wir auf Gamont kauften; den mit den hübschen Augen. Und setzen Sie ihn unter Drogen. Ich habe keine Lust, erst seinen Willen zu brechen.«
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