»Sie haben Sardaukar in ihren Reihen«, ließ sich Jessica nun vernehmen. »Wir sollten warten, bis sie sich wieder zurückgezogen haben.«
»Sie glauben, daß sie uns in der Falle haben«, sagte Paul.
»Vor uns die Wüste; und in unserem Nacken die Sardaukar. Sie rechnen nicht damit, daß es Überlebende der Atreides' gibt. Und vielleicht haben sie damit sogar recht. Wir sollten nicht darauf hoffen, daß es einigen unserer Leute gelungen ist, zu entkommen.«
»Sie können kein Risiko eingehen, solange der Imperator noch die Finger in dieser Sache hat.«
»Tatsächlich nicht?«
»Einige unserer Leute sind durchaus fähig, zu entkommen.«
»Sind sie das?«
Jessica wandte sich ab. Sie fürchtete plötzlich die verbitterte, aber dennoch zielbewußte Stimme ihres Sohnes. Ihr war klar, daß sein Bewußtsein einen plötzlichen und großen Sprung nach vorn getan hatte, daß es plötzlich mehr sah als ihr eigenes. Und ihr wurde klar, daß sie selbst daran gearbeitet hatte, diesen Geist zu entwickeln, auch wenn ihr jetzt nicht ganz wohl dabei war. Ihre Gedanken begannen sich im Kreise zu drehen, konzentrierten sich wieder auf den Herzog. Tränen brannten in Jessicas Augen.
Es hat so kommen müssen, Leto, dachte sie. Die Zeit der Liebe und die des Kummers. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und konzentrierte sich auf den Embryo, der dort in ihr wuchs. Die Atreides-Tochter, die man mir zu gebären aufgetragen hat, ist nun in mir, aber die Ehrwürdige Mutter hat trotzdem unrecht gehabt: auch eine Tochter hätte meinen Leto nicht retten können. Dieses Kind ist das einzige, das inmitten einer Welt des Todes nach der Zukunft greift. Ich empfing es aus Instinkt, nicht aus Gehorsamkeit.
»Versuch noch mal das Gerät einzustellen«, sagte Paul.
Das Bewußtsein entwickelt sich weiter, dachte Jessica. Und stört sich nicht daran, ob wir es aufzuhalten versuchen.
Sie fand den winzigen Empfänger, den Idaho ihnen zurückgelassen hatte, und schaltete ihn ein. Auf der Vorderseite des Geräts leuchtete ein grünes Licht auf. Jessica reduzierte die Lautstärke und jagte über die Wellenlängen. Eine Stimme, die die Kampfsprache der Atreides' benutzte drang an ihre Ohren.
»… rückziehen und neu gruppieren. Fedor berichtet, daß in Carthag niemand überlebt hat. Die Gildenbank wurde geplündert.«
Carthag! dachte Jessica. Das war eine Hochburg der Harkonnens gewesen.
»Es sind Sardaukar«, sagte die Stimme jetzt. »Achtet auf Sardaukar, die unsere eigenen Uniformen tragen. Sie sind …«
Ein Aufbrüllen erfüllte den Lautsprecher, dann war Stille.
»Versuchen wir es auf anderen Wellen«, schlug Paul vor.
»Bist du dir im klaren, was das bedeutet?« fragte Jessica.
»Ich habe es erwartet. Sie beabsichtigen, die Plünderung der Bank ebenfalls uns in die Schuhe zu schieben und auch noch die Gilde auf uns zu hetzen. Damit sind wir erledigt, auf Arrakis gefangen. Versuch es auf einer anderen Welle.«
Jessica wägte seine Worte ab. »Ich habe es erwartet.« Was war mit ihm geschehen? Langsam wandte sie sich wieder dem kleinen Gerät zu.
Während der Sucher langsam über die unterschiedlichen Wellenlängen glitt, fingen sie vereinzelte Bruchstücke in der ihnen bekannten Kampfsprache auf.
»… ziehen uns zurück …«
»… versuchen uns neu zu formieren …«
»… sind eingeschlossen in …«
Die euphorischen Siegesmeldungen, die die Nachrichtenoffiziere der Harkonnens auf den anderen Wellen abstrahlten, waren ebenfalls nicht falsch zu verstehen. Scharfe Kommandos drangen auf sie ein. Kampfberichte. Es war nicht genug, um Jessica in die Lage zu versetzen, den Sprachduktus einer genaueren Analyse zu unterziehen, aber sie wußte auch so, daß hier keine Scheingefechte ausgetragen wurden.
Die Harkonnens siegten.
Paul schüttelte das neben ihm liegende Paket und hörte das gurgelnde Geräusch, das zwei Literjons, gefüllt mit Wasser, erzeugten. Er sog tief den Atem ein und warf durch die transparente Stelle des Zeltes einen Blick auf die scharfkantigen Felsen, hinter denen die Sterne leuchteten. In der linken Hand fühlte er den Zeltverschluß.
»Die Sonne wird bald aufgehen«, murmelte er. »Wir können zwar den Tag über noch auf Idaho warten, aber nicht noch eine Nacht. In der Wüste muß man sich in der Nacht fortbewegen und am Tage rasten.«
Das wußte Jessica selbst: Ohne Destillanzug verbraucht ein im Schatten sitzender Mensch auf Arrakis fünf Liter Wasser täglich, um sein Körpergewicht zu halten. Sie fühlte die enganliegende Schicht des Anzugs auf ihrem Körper und dachte daran, wie sehr sie jetzt davon abhängig waren.
»Wenn wir von hier weggehen, wird Idaho uns nicht mehr finden«, gab sie zu bedenken.
»Es existieren eine Menge Möglichkeiten, einen Menschen zum Sprechen zu bringen«, entgegnete Paul. »Wenn Idaho bis zum Morgengrauen nicht zurück ist, müssen wir damit rechnen, daß man ihn geschnappt hat. Wie lange, glaubst du, könnte er das aushalten?«
Die Frage erwartete keine Antwort, und so verharrten sie in schweigender Stille.
Paul lüftete den Verschluß des Pakets und zog eine miniaturisierte Checklist heraus. Grüne und orangefarbene Buchstaben leuchteten ihm entgegen und informierten ihn darüber, was der Überlebenssatz enthielt: Literjons, Destillzelt, Energiekapseln, Sandschnorchel, Sonnenbrillen, Ersatzteile für das Destillzelt, eine Baradye-Pistole, eine Karte, Filterstopfen, Parakompaß, Macherhaken …
So viele Dinge, die man brauchte, um auf Arrakis zu überleben.
Paul ließ die Checklist zu Boden sinken.
»Wohin sollen wir gehen?« fragte Jessica.
»Mein Vater sprach von einer Wüstenmacht «, erwiderte Paul. »Und ohne sie können die Harkonnens diesen Planeten nicht beherrschen. Genaugenommen haben sie ihn nie beherrscht, und sie werden das auch in Zukunft nicht tun. Nicht einmal dann, wenn sie zehntausend Sardaukar-Legionen hier einsetzen.«
»Paul, wie kommst du …«
»Das Schicksal liegt in unserer Hand«, fuhr Paul fort. »Und es manifestiert sich in diesem Zelt, in diesem Ausrüstungsbündel und den Destillanzügen, die wir tragen. Wir wissen auch, daß die Gilde unbezahlbare Preise für ihre Wettersatelliten verlangt. Wir wissen, daß …«
»Was haben Wettersatelliten damit zu tun?« fragte Jessica. »Sie wären nicht einmal in der Lage …« Sie brach ab.
Paul registrierte, daß sie mit größter Intensität versuchte, hinter seine vordergründig verwirrenden Gedankengänge zu kommen. Sie war aufs höchste alarmiert; möglicherweise rechnete sie sogar damit, daß er dabei war, überzuschnappen.
»Verstehst du nicht?« fragte er. »Satelliten dienen dazu, das unter ihnen liegende Terrain zu überwachen. Aber es gibt in dieser Wüste Dinge, von denen man verhindern will, daß sie von irgendwelchen Leuten gesehen werden.«
»Meinst du etwa, daß in Wirklichkeit die Gilde diesen Planeten kontrolliert?«
Wie langsam sie doch war.
»Nein!« erwiderte er. »Die Fremen! Sie bezahlen der Gilde einen Preis für die Aufrechterhaltung ihrer Privatsphäre. Und das können sie, denn sie verfügen über ein Zahlungsmittel, für das sie alles bekommen können das Gewürz. Und das ist keine Vermutung von mir, sondern der Extrakt meiner Überlegungen. Es gibt keine andere Möglichkeit.«
»Paul«, sagte Jessica. »Du bist noch kein Mentat, du kannst dir einfach über solche Dinge nicht so sicher sein …«
»Ich werde niemals ein Mentat sein«, gab Paul zurück. »Ich bin etwas anderes … eine Abnormität.«
»Paul! Wie kannst du nur solche …«
»Laß mich allein!«
Er wandte sich von ihr ab und schaute in die Nacht hinaus. Warum kann ich nicht weinen? fragte er sich. Er fühlte, daß ihm in diesem Augenblick nach Weinen zumute war, aber es ging nicht. Vielleicht würde er es nie mehr können.
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