Der Pilot sagte: »Und jetzt, Kinet?«
»Weiß nicht, Czigo.«
Czigo drehte sich um und sagte: »Ah, schau nur!« Er tastete nach Jessicas Kleid.
»Nimm ihr den Knebel ab!« befahl Paul.
Jessica fühlte, wie seine Worte etwas in der Luft in Bewegung setzten. Tonfall und Timbre waren ausgezeichnet gewesen knapp, scharf und befehlend. Hätte er etwas tiefer gesprochen, wäre es vielleicht noch besser gewesen, aber dieser Mann würde sich seiner Stimme auch so unterwerfen.
Czigo hob die Hände, griff nach dem Band um Jessicas Mund, griff nach dem Knoten.
»Hör damit auf!« befahl Kinet.
»Ach, halt die Klappe«, erwiderte Czigo. »Schließlich sind ihre Hände gebunden.« Er löste den Knoten und das Band fiel herab. Seine Augen glitzerten, als er Jessica anstarrte.
Kinet legte eine Hand auf seinen Arm. »Hör zu, Czigo, wir brauchen nicht …«
Jessica schüttelte den Kopf und spuckte den Knebel aus. Mit geradezu obszöner Stimme sagte sie: »Aber, meine Herren, Sie brauchen doch nicht um mich zu kämpfen!« Gleichzeitig warf sie Kinet einen Blick zu, der ihn zu dem Schluß kommen lassen mußte, daß sie darauf wartete, daß er die Initiative ergriff.
Sie registrierte, wie er darauf ansprach. Ihre Worte bewirkten das genaue Gegenteil: Kinet war davon überzeugt, daß sie wünschte, daß er sich wegen ihr schlug. In ihrem Innern kämpften sie bereits gegeneinander.
Jessica bewegte sich so, daß ihr Gesicht dem Lichtschimmer der Instrumentenbank ausgesetzt war. Sie mußte sicher sein, daß Kinet von ihren Lippen lesen konnte. »Sie sollten sich nicht streiten«, meinte sie. Und: »Ist eine Frau es überhaupt wert, daß man um sie kämpft?«
Die Art, wie sie diese Worte aussprach, konnte für die beiden Männer nur das Gegenteil bedeuten: daß sie, und nur sie, es wert war, daß man es dennoch tat.
Paul preßte die Lippen aufeinander und zwang sich zu absoluter Ruhe. Er hatte noch einen weiteren Versuch unternehmen wollen, sie unter die Kraft seiner Stimme zu zwingen. Aber jetzt hing alles von seiner Mutter ab. Gegen die Erfahrung, die sie aufzuweisen hatte, konnte er nicht an.
»Ja«, flüsterte das Narbengesicht. »Es gibt keine Grund, sich wegen einer Frau …« Seine Hand zuckte auf den Nacken des Piloten zu, ohne etwas zu bewirken. Im gleichen Moment krachte etwas gegen seine Brust.
Das Narbengesicht stöhnte, sackte zurück und fiel gegen die Tür.
»Er hat wohl gedacht, er hätte es mit einem Idioten zu tun, der seinen Trick nicht durchschaut«, sagte Czigo. Als er seine Hand zurückzog, sah Jessica das Messer. Es leuchtete im Mondlicht.
»Und jetzt das Bübchen«, sagte Czigo und beugte sich vor.
»Unnötig«, murmelte Jessica.
Czigo zögerte.
»Weißt du meine Bereitschaft nicht zu schätzen?« fragte Jessica. »Gib dem Jungen doch eine Chance. Auch wenn sie dort draußen im Sand nicht sonderlich hoch ist. Gib sie ihm, und …« Sie lächelte ihn an. »Du würdest es sicher nicht bereuen.«
Czigo blickte nach links und richtete seine Aufmerksamkeit auf sie. »Ich weiß, was es bedeuten kann, dort draußen allein zu sein.
Vielleicht würde der Junge meine Klinge als besondere Gnade empfinden.«
»Ist meine Bitte denn so groß?« bat Jessica.
»Du versuchst, mich auszutricksen«, murmelte Czigo.
»Ich möchte nicht dabei sein, wenn mein Sohn stirbt«, erwiderte Jessica. »Ist das etwa ein Trick?«
Czigo trat zurück, öffnete die Tür mit dem Ellbogen. Dann griff er nach Paul, zog ihn aus seinem Sitz, und schob ihn, das Messer ständig bereithaltend, halb aus der Tür.
»Was würdest du tun, Bursche, wenn ich jetzt deine Fesseln zerschneide?«
»Er würde augenblicklich von hier verschwinden und auf die Felsen dort zurennen«, antwortete Jessica für Paul.
»Würdest du das wirklich tun, Bursche?« fragte Czigo.
Pauls Stimme hatte genau den richtigen Tonfall, als er sagte: »Ja.«
Das Messer zuckte nach unten, zerfetzte seine Beinfesseln. Paul fühlte eine Hand auf seinem Rücken, fühlte einen Stoß und warf sich gegen den Türrahmen, als habe er das Gleichgewicht verloren und holte gleichzeitig mit dem rechten Bein aus. Der Tritt war genau berechnet, und die Tatsache, daß er so präzise saß, war nur seiner jahrelangen Ausbildung zu verdanken. Jeder Muskel seines Körpers war in diesem Augenblick im Einsatz. Die Fußspitze traf den Mann genau unterhalb des Rippenbogens, aber der Stoß pflanzte sich fort und erreichte die rechte Herzkammer. Mit einem gurgelnden Schrei taumelte Czigo nach hinten, auf die Sitzreihe zu. Paul, der noch immer unfähig war, seine Hände einzusetzen, wurde vom Schwung seiner eigenen Bewegung erfaßt, fiel hin und war im gleichen Moment wieder auf den Beinen. Wie eine Schlange tauchte er wieder in die Kabine hinein, fand das Messer Czigos, faßte es mit den Zähnen, während seine Mutter mit hastigen Bewegungen die Schnüre ihrer Fessel daran rieb. Dann nahm sie die Klinge und befreite ihn.
»Ich wäre allein mit ihm fertig geworden«, meinte sie. »Ich hätte ihn nur noch dazu bringen müssen, meine Handfesseln zu zerschneiden. Das war ein unnötiges Risiko.«
»Ich habe nur die Gelegenheit genützt«, erwiderte Paul. Obwohl ihr der rauhe Klang seiner Stimme auffiel, sagte sie, mit einer Kopfbewegung gegen die Decke des Thopters: »Die Maschine trägt Yuehs Wappen.«
Paul schaute auf, bemerkte das gekräuselte Symbol.
»Laß uns hinausgehen und die Maschine näher in Augenschein nehmen«, sagte er. »Unter dem Pilotensitz liegt ein Bündel. Ich habe es beim Einsteigen gesehen.«
»Eine Bombe?«
»Ich glaube nicht. Es macht mir einen anderen Eindruck.« Er sprang in den Sand hinaus, während Jessica ihm folgte. Von draußen langte sie nach dem seltsamen Objekt unter dem Pilotensitz, sah Czigos Füße, die in ihrem Gesichtskreis lagen, und spürte die Feuchtigkeit des Bündels, an dem sie zog. Sie bemerkte im gleichen Augenblick, daß das Blut des Piloten für die Feuchtigkeit zuständig war.
Flüssigkeitsverschwendung, dachte sie automatisch, sich dabei bewußt werdend, daß dies ein für Arrakis typischer Gedankengang war. Paul beobachtete die Umgebung. Er drehte sich im gleichen Augenblick zu seiner Mutter um, als sie das Bündel aus dem Thopter zog und in Richtung auf den Schildwall starrte, wo sich jetzt ein anderer Thopter auf sie zubewegte. Schlagartig wurde ihm klar, daß sie jetzt keine Zeit mehr hatten, die Leichen aus ihrer Maschine zu werfen und zu entkommen.
»Lauf weg, Paul!« schrie Jessica. »Es sind die Harkonnens!«
Arrakis lehrt einen die Bedeutung des Messers indem es das Unvollständige von einem abtrennt und sagt: »Jetzt ist das Vollständige erreicht. Ab hier führt kein Weg mehr weiter.«
Aus ›Gesammelte Weisheiten des Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
Ein Mann in der Uniform der Harkonnens schritt durch die Große Halle, blieb an ihrem Ende stehen, starrte Yueh an, warf einen kurzen Blick auf den Leichnam Mapes', musterte den hingestreckten Körper des Herzogs und dann erneut Yueh, der daneben stand. Der Mann hielt eine Lasgun in der rechten Hand, und der Gesamteindruck, den er in Yueh erzeugte, führte dazu, daß es ihm kalt über den Rücken lief.
Ein Sardaukar, dachte Yueh. Seinem Aussehen nach ein Bashar. Möglicherweise sogar jemand aus der kaiserlichen Familie, mit dem Auftrag, die Augen offenzuhalten. Egal, wie sie sich auch verkleiden — man erkennt sie in jeder Uniform.
»Sie sind Yueh«, sagte der Mann. Er warf einen nachdenklichen Blick auf das Signum der Suk-Schule auf Yuehs Stirn und suchte dann den Blick seines Gegenübers.
»Der bin ich«, bestätigte der Arzt.
»Entspannen Sie sich, Yueh«, sagte der Mann. »Als Sie den Hausschild abschalteten, kamen wir herein. Es befindet sich jetzt alles unter unserer Kontrolle. Ist das der Herzog?«
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