»Was soll daran so interessant sein?« fragte der Vertreter der Gildenbank.
»Weil mein Vater zu dieser Zeit noch eine andere Feststellung machte. Er sagte, daß es verständlich ist, wenn im Angesicht des Todes der eine Fischer versucht, auf den Schultern eines anderen zu stehen, um zu überleben ausgenommen natürlich, wenn dies in einem Speisesaal geschieht.« Paul machte eine Pause, aber nur so lang, um dem Bankmann die Möglichkeit zum Luftholen zu geben. Und er fügte hinzu: »Und natürlich auch dann, wenn er das an einer Tafel versucht.«
Eine plötzliche Stille breitete sich im gesamten Raum aus.
Das war zu unbesonnen, durchzuckte es Jessica. Dieser Mann da hat durch seine Stellung möglicherweise das Recht, meinen Sohn zu fordern. Auch Idaho schien das zu denken, denn es war unübersehbar für sie, daß er jeden Moment eine Gegenaktion erwartete. Die Wachen schienen aufs höchste alarmiert, während Halleck keine Sekunde lang die ihm gegenübersitzenden Männer aus den Augen ließ.
»Ho-ho-ho-o-o-o!« Es war der Schmuggler, der, den Kopf zurückgeworfen, lauthals lachte.
Mehrere Leute produzierten ein nervöses Lächeln.
Bewt grinste.
Der Bankvertreter hatte seinen Stuhl nach hinten geschoben und starrte Paul an.
Kynes sagte: »Einen Atreides provoziert man stets auf eigenes Risiko.«
»Ist es denn die Sache eines Atreides', die eigenen Gäste zu beleidigen?« verlangte der Bankmann zu wissen.
Bevor Paul darauf antworten konnte, lehnte sich Jessica vor und sagte: »Sir!« Und sie dachte: Wir müssen herausfinden, welches Spiel diese Harkonnen-Kreatur hier mit uns spielen will. Ist er extra deswegen gekommen, um Paul herauszufordern? Und — hat er von irgend jemandem Unterstützung zu erwarten?
»Mein Sohn machte eine allgemeine Bemerkung, und Sie stecken sie sich an Ihren Hut?« fragte sie. »Welch eine faszinierende Enthüllung.« Ihre Hand glitt unter den Tisch und tastete entlang ihres Schenkels nach dem Crysmesser, das dort in seiner Scheide verborgen war.
Der Bankmann richtete seinen Blick auf Jessica, die ihren Sohn nun aus den Augen verlor und registrierte, wie der Mann sich langsam vom Tisch weg nach hinten schob, um für irgendwelche Aktionen frei zu sein.
Kynes gab Tuek ein unmerkliches Handsignal, woraufhin dieser taumelnd aufstand und seine Flasche hob. »Ich trinke auf Ihr Wohl«, sagte er, »auf das Wohl des Paul Atreides, der zwar dem Aussehen nach noch ein Junge, seinem Verhalten nach jedoch bereits ein Mann ist.«
Warum mischen die beiden sich ein? fragte sich Jessica.
Als der Vertreter der Gildenbank Kynes ansah, kehrte die Angst wieder in seine Augen zurück.
An der gesamten Tafel begannen die Leute sich wieder zu entspannen.
Wo Kynes führt, dachte Jessica, folgen ihm die Leute. Und nun hat er uns zu verstehen gegeben, daß er auf Pauls Seite steht. Was ist das Geheimnis seiner Macht? Es kann nicht nur allein darauf zurückzuführen sein, daß er der Schiedsmann ist. Diese Position ist nicht von Dauer. Und es kann auch nicht daran liegen, daß er ein Zivilbediensteter ist.
Ihre Hand löste sich von dem Messer. Sie nahm ihre Flasche und prostete Kynes damit zu. Er wiederholte diese Geste mit größter Freundlichkeit.
Lediglich Paul und der Bankmann ( Soo-Soo! Welch ein idiotischer Spitzname! dachte Jessica) hielten die Hände frei. Noch immer war die Aufmerksamkeit des Gildenmannes auf Kynes konzentriert. Paul sah auf seinen Teller.
Ich habe mich korrekt verhalten, dachte Paul. Welchen Grund hatten sie, mich zu unterbrechen? Unmerklich schaute er den männlichen Gästen in seiner Umgebung zu. Sollte ich mit einem Angriff rechnen? Von wem? Sicher nicht von diesem Bankfritzen.
Halleck hob den Kopf und sagte, quer über die Tafel hinweg, ohne offensichtlich jemand bestimmtes zu meinen: »In unserer Gesellschaft sollten die Leute sich hüten, allzu schnell in die Offensive zu gehen. Es könnte sich als selbstmörderisch erweisen.« Er sah die Tochter des Destillanzugfabrikanten, die direkt neben ihm saß, an und fügte hinzu: »Oder glauben Sie nicht, Miß?«
»Oh, ja. Ja. Das glaube ich in der Tat«, erwiderte sie. »Es gibt schon genug Gewalt in der Welt. Sie macht mich krank. Und es kommt sehr oft vor, daß jemand gar nicht die Absicht hat, Gewalt anzuwenden und trotzdem an ihr stirbt. All das hat doch gar keinen Sinn.«
»Da haben Sie recht«, gab Halleck zu.
Jessica, der die beinahe perfekte Verhaltensweise der jungen Frau auffiel, dachte: So hohlköpfig wie ich sie eingeschätzt habe, ist sie überhaupt nicht. Aber offenbar hatte sie diese Anzeichen drohender Gefahr nicht allein bemerkt: auch Halleck schien sich der Tatsache bewußt geworden zu sein, daß der Gegner vorhatte, Paul mit Sex zu ködern. Jessica entspannte sich. Möglicherweise war Paul sogar der erste gewesen, der dies herausgefunden hatte. Es war unmöglich, daß seine Bene-Gesserit-Ausbildung in dieser Hinsicht versagen konnte.
Dem Bankmann zugewandt, sagte Kynes: »Ist da nicht noch eine Entschuldigung fällig?«
Mit einem kränklichen Lächeln wandte sich der Zurechtgewiesene an Jessica. »Ich fürchte, Mylady, ich habe Ihren vorzüglichen Weinen etwas zu sehr zugesprochen. Sie haben einen guten Tropfen kredenzt, aber leider vertrage ich nicht allzuviel davon.«
Die unterschwellige Bosheit in den Worten des Mannes war für Jessicas Ohren unüberhörbar, aber dennoch sagte sie in einem zuckersüßen Tonfall: »Wenn Fremde einander treffen, sollte man die größten Rücksichten auf ihre Sitten und Gebräuche nehmen.«
»Ich danke Ihnen, Mylady«, sagte der Bankvertreter.
Die dunkelhaarige Begleiterin des Destillanzugfabrikanten beugte sich zu Jessica hinüber und sagte: »Der Herzog sprach davon, daß wir hier in Sicherheit seien. Ich hoffe, das bedeutet nicht, daß noch mehr gekämpft wird.«
Man hat ihr aufgetragen, die Konversation in diese Richtung zu lenken, dachte Jessica.
»Es wird nichts Besonderes gewesen sein«, gab sie zurück. »Wissen Sie, in diesen Zeiten gibt es allerhand Dinge zu erledigen, bei denen die persönliche Anwesenheit des Herzogs leider nicht zu umgehen ist. Solange eine Feindschaft zwischen den Harkonnens und den Atreides' besteht, können wir uns nicht sicher fühlen. Der Herzog hat einen Kanly ausgesprochen. Das bedeutet natürlich auch, daß er keinen einzigen Agenten der Harkonnens auf Arrakis am Leben lassen kann.« Sie sah den Bankvertreter an. »Und die Konvention ist dabei natürlich auf seiner Seite.« Ihr Blick wanderte zu Kynes. »Ist es nicht so, Dr. Kynes?«
»So ist es in der Tat«, erwiderte der Planetologe.
Der Fabrikant zog seine Begleiterin sanft zurück. Während sie ihn ansah, meinte sie: »Ich glaube, ich möchte jetzt doch noch etwas essen. Ich hätte gerne etwas von diesem Vogel, den Sie vorhin auftragen ließen.«
Jessica benachrichtigte einen Bediensteten und sagte zu dem Bankmann: »Sie haben doch vorhin etwas von diesen Vögeln und ihrer Verhaltensweise erzählt, Sir. Meiner Meinung nach gibt es auf Arrakis wirklich viele interessante Dinge. Können Sie mir sagen, an welchen Orten das Gewürz gefunden wird? Gehen die Jäger weit in die Wüste hinaus?«
»O nein, Mylady«, erwiderte der Mann. »Über die Wüste ist nicht sehr viel bekannt. Und über die südlichen Regionen weiß man überhaupt nichts.«
»Es geht das Gerücht, daß einst eine riesige Ader des Gewürzes in den südlichen Zonen gefunden wurde«, warf Kynes ein, »aber ich habe den Verdacht, daß diese ungeheuerliche Entdeckung lediglich von einem Komponisten gemacht wurde, um einen interessanten Stoff für ein Lied zu bekommen. Es gibt natürlich einige besonders wagemutige Gewürzjäger, die sich ab und an in die Randzonen des Zentralgürtels vorwagen, aber sie setzen sich dabei untolerablen Gefahren aus. Eine Navigation dort ist jedesmal unsicher, und Stürme gehören dort zur Regel. Je weiter man sich vom Schildwall entfernt, desto immenser werden die Schwierigkeiten, denen man ausgesetzt ist. Bisher hat es sich als nicht sonderlich profitabel erwiesen, zu weit in den Süden hinunterzugehen. Aber wenn wir einen Wettersatelliten hätten …«
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