»Wie würde ein solches, sich selbst weiterentwickelndes Programm aussehen, Dr. Kynes?« fragte er.
»Wenn wir nur drei Prozent der Grünpflanzen von Arrakis zu Kohlenstoff verarbeiten könnten und als Nahrungsbeimischung verwenden, haben wir bereits angefangen, ein zyklisches System in Betrieb zu nehmen«, erwiderte Kynes.
»Und dabei ist Wasser das primäre Problem?« fragte der Herzog. Er spürte Kynes' Überraschung, im gleichen Moment aber auch seine eigene Spannung.
»Es ist in der Tat das Wasser, das unser Problem überschattet«, gab Kynes zu. »Die Atmosphäre dieses Planeten verfügt über einen reichen Sauerstoffanteil, allerdings nicht über die sonst üblichen Begleitumstände, die auf Sauerstoffwelten die Regel sind. Weitverbreitetes pflanzliches Leben und unerschöpfliche Vorräte an freien Kohlenstoffverbindungen, die im allgemeinen durch Vulkane freigesetzt werden. Es gibt ungewöhnlich viele chemische Unstimmigkeiten auf den Oberflächengebieten von Arrakis.«
»Aber Sie haben schon einige Versuchsprojekte in Angriff genommen?«
»Wir hatten ziemlich lange Zeit, um den Tansley-Effekt aufzubauen«, erwiderte Kynes. »Das waren kleine Experimente auf einer eher amateurhaften Basis, aus denen ich aber einige wesentliche Erkenntnisse gezogen habe.«
»Es gibt einfach nicht genug Wasser«, fiel Bewt erneut ein. »Es ist einfach nicht genug da.«
»Herr Bewt ist ein Wasserexperte«, meinte Kynes lächelnd und wandte sich wieder seinem Essen zu.
Der Herzog gestikulierte wild mit der rechten Hand und rief: »Nein! Ich will eine Antwort von Ihnen! Gibt es hier genügend Wasser, oder nicht, Dr. Kynes?«
Kynes starrte auf seinen Teller.
Jessica verfolgte die Emotionen des Mannes auf seinem Gesicht. Er verstellt sich gut, dachte sie und fühlte, wie er überlegte.
»Gibt es hier genügend Wasser?« wiederholte der Herzog.
»Es … könnte sein«, erwiderte Kynes.
Er ist sich unserer noch nicht sicher! dachte Jessica.
Pauls Unterbewußtsein registrierte, was mit Kynes los war. Es kostete ihn einiges, seine Überraschung zu verbergen. Es gibt genug Wasser! Aber Kynes wünscht nicht, daß es allgemein bekannt wird.
»Unser Planetologe«, sagte Bewt, »hat viele interessante Träume. Und das hat er mit den Fremen gemeinsam. Auch sie träumen von Prophezeiungen und einem Messias.«
Kichern erklang am gesamten Tisch. Jessica merkte sich die Gesichter der Lachenden: der Schmuggler, die Tochter des Destillanzugfabrikanten, Duncan Idaho und die Frau, die jenen mysteriösen Bewachungsdienst unterhielt.
Es ist eine Menge gefühlsmäßiger Spannungen heute abend hier versammelt, dachte sie. Und es geht zuviel vor, als daß ich mich auf alles konzentrieren könnte. Ich werde einige neue Informationsquellen auftun müssen.
Der Blick des Herzogs wanderte von Kynes über Bewt zu Jessica. Er fühlte sich irgendwie abgehängt, auch wenn ihn noch vor wenigen Minuten ein Gefühl der Vitalität gestreift hatte. »Es könnte sein«, murmelte er.
Schnell sagte Kynes: »Vielleicht sollten wir dieses Thema ein anderes Mal diskutieren, Mylord. Es gibt so viele …«
Er stockte, als ein Uniformierter durch die Bedienstetentür in den Speisesaal trat, von der Wache vorbeigelassen wurde und eilig auf Leto zuging. Er beugte sich zu seinem Herzog hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Jessica, die an der Mütze des Mannes das Abzeichen von Hawats Truppen erkannte, bemühte sich, ein deprimiertes Gefühl niederzukämpfen und wandte sich der Begleiterin des Destillanzugfabrikanten zu, einer zarten, dunkelhaarigen Frau mit einem Puppengesicht.
»Aber Sie haben ja kaum etwas gegessen, meine Liebe. Soll ich Ihnen etwas anderes bestellen?«
Bevor die Frau antwortete, sah sie zuerst den Fabrikanten an.
»Ich bin nicht besonders hungrig«, erwiderte sie dann.
Der Herzog stand mit ziemlicher Abruptheit auf, stellte sich neben den Soldaten und sagte in einem barschen Kommandoton: »Behalten Sie Platz. Sie werden mich entschuldigen müssen, aber es ist etwas geschehen, das meine persönliche Anwesenheit leider unabdingbar macht.« Er trat einen Schritt zur Seite. »Paul, würdest du bitte inzwischen meine Vertretung als Gastgeber übernehmen?«
Paul stand bereits. Er hatte eigentlich vorgehabt, seinen Vater nach dem Grund dieser ungewöhnlichen Unterbrechung zu fragen, sah jedoch ein, daß dies taktisch unklug war. Er ging auf den Stuhl des Herzogs zu und nahm darauf Platz.
Leto wandte sich dem Alkoven zu, in dem Halleck noch immer saß und sagte: »Gurney, übernimm du bitte Pauls Platz an der Tafel. Wir sollten ungerade Zahlen vermeiden. Nach Beendigung des Dinners bringst du Paul zum Kontrollturm hinaus. Warte auf meinen Anruf.«
Halleck tauchte in seiner Paradeuniform aus dem Alkoven auf. In seiner ganzen Häßlichkeit erschien er in dieser glitzernden Gesellschaft wie der geborene Außenseiter. Er lehnte sein Baliset gegen die Wand, marschierte auf Pauls leeren Stuhl zu und setzte sich.
»Es gibt keinen Grund dafür, beunruhigt zu sein«, erklärte der Herzog den Gästen, »aber ich muß Sie alle bitten, das Haus nicht eher zu verlassen, bis die Wache ihr Einverständnis dazu gegeben hat. Solange Sie sich hier aufhalten, wird Ihnen nichts geschehen. Wir werden diese Sache sicher in sehr kurzer Zeit aus der Welt geschafft haben.«
Paul registrierte die Kodeworte, die sein Vater benutzt hatte: Wache — Einverständnis — Sache. Das Problem betraf also die Sicherheit, nicht unbedingt Gewalt. Er stellte fest, daß seine Mutter zum gleichen Ergebnis gekommen war. Beide entspannten sie sich.
Der Herzog nickte allen Anwesenden noch einmal kurz zu und ging dann durch die Personaltür hinaus, gefolgt von dem Mann, der ihn benachrichtigt hatte.
Paul sagte: »Bitte lassen Sie sich nicht in Ihrem Dinner unterbrechen. Ich glaube, Dr. Kynes war gerade dabei, einiges über das Wasser zu sagen.«
»Können wir das nicht ein andermal besprechen?« fragte Kynes.
»Na schön«, gab Paul zurück.
Es erfüllte Jessica mit Stolz, wie leger Paul die auch für ihn neue Situation zu meistern verstand.
Der Bankmann hob seine Wasserflasche und deutete mit ihr in die Richtung Bewts. »Niemand von uns ist in der Lage, die blumenreichen Phrasen des Herrn Lingar Bewt zu übertreffen. Man könnte beinahe vermuten, daß er beabsichtigt, den Status eines Hohen Hauses zu erringen. Kommen Sie, Herr Bewt, sprechen sie einen Toast aus. Vielleicht sind Sie der Brunnen der Weisheit für den Jungen, den man wie einen Mann behandeln muß.«
Jessicas rechte Hand wurde unter dem Tisch zu einer Faust. Sie sah, wie Halleck Idaho ein Handzeichen gab und registrierte, wie die Wachen langsam ihre Positionen wechselten, um einen optimalen Schutz zu gewährleisten.
Bewt warf dem Bankvertreter einen giftigen Blick zu.
Paul sah zu Halleck, erkannte die abwehrbereite Haltung der Wachen und musterte den Gildenmann, bis er die Wasserflasche wieder senkte. Schließlich sagte er: »Auf Caladan sah ich einmal, wie man den Leichnam eines ertrunkenen Fischers barg. Er …«
»Ertrunken?« fragte die Tochter des Destillanzugfabrikanten verblüfft.
Paul zögerte. Dann sagte er: »Ja. Er war so lange unter Wasser gewesen, daß er daran starb. Er ertrank.«
»Eine ungewöhnliche Art zu sterben«, murmelte das Mädchen.
Paul lächelte spröde und wandte sich wieder dem Vertreter der Bank zu. »Das Interessante an diesem Mann waren die Wunden auf seinen Schultern. Sie waren von den Klammerstiefeln eines anderen Fischers hervorgerufen worden. Der tote Fischer war nur einer von mehreren gewesen, die sich anfangs auf diesem Boot befanden — einer Maschine, die sich auf dem Wasser fortbewegt das dann absoff … unter die Wasserlinie hinabsank. Einer der Männer, die dabei halfen, den Ertrunkenen zu bergen, sagte, er hätte derartige Wunden bereits mehrere Male gesehen. Und er meinte, sie seien ein Zeichen dafür, daß ein anderer vom Ertrinken bedrohter Fischer versucht habe, auf den Schultern des einen zu stehen, um mit dem Kopf noch eine Weile über dem Wasserspiegel bleiben zu können — um zu atmen.«
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