Leto sah Jessica an. »Ich hatte noch etwas zu erledigen.« Er schenkte dem Wassertransporteur seine Aufmerksamkeit, erklärte ihm, was er mit den Wasserbassins hatte tun lassen und fügte hinzu: »Soweit es mich betrifft, ist diese alte Sitte gestorben.«
»Ist das ein herzoglicher Befehl, Mylord?« fragte der Mann.
»Ich überlasse das Ihrem eigenen … hm … Gewissen«, erwiderte der Herzog. Er wandte sich um und sah Kynes, der auf die Gruppe zukam.
Eine der Frauen sagte: »Das ist eine sehr großzügige Geste das Wasser zu verschenken an diese …« Irgend jemand zischte sie an.
Kynes trug eine altmodische, dunkle Uniform, die darauf hinwies, daß er Kaiserlicher Zivilbediensteter war. Auf seinem Kragenaufschlag war eine kleine, goldene Träne befestigt, die seinen Rang bezeichnete.
In aggressivem Tonfall fragte der Wassertransporteur: »Beinhaltet Ihre Tat etwa Kritik an unseren Sitten?«
»Die Sitten haben sich geändert«, gab Leto zurück. Er nickte Kynes zu, registrierte Jessicas Stirnrunzeln und dachte: Ohne daß sie es weiß, wird dieses Stirnrunzeln den Eindruck erwecken, zwischen uns stimme etwas nicht.
»Mit der gütigen Erlaubnis des Herzogs«, warf der Wassertransporteur ein, »würde ich gerne einige weitere Fragen über Brauchtümer stellen.«
Der plötzlich ölig werdende Unterton in der Stimme des Mannes ließ Leto aufhorchen. Die anderen waren plötzlich merkwürdig still, und von den anderen in der Halle verteilten Gruppen warf man ihnen bereits Blicke zu.
»Wäre es nicht besser, wir begäben uns zum Dinner?« unterbrach Jessica die Sekunden der Peinlichkeit.
»Wenn unser Gast noch einige Fragen hat …«, antwortete Leto und blickte den Unternehmer an. Das runde Gesicht mit den großen Augen und den dicken Lippen erinnerte ihn an Hawats Mitteilung: … »und dieser Wassertransporteur ist ein Mann, auf den wir achtgeben müssen. Vergessen Sie nicht seinen Namen, er heißt Lingar Bewt. Obwohl die Harkonnens ihn benutzten, hatten sie nie eine völlige Kontrolle über ihn.«
»Wassersitten sind wirklich interessant«, sagte Bewt. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. »Ich frage mich, was Sie mit dem in diesem Hause installierten Treibhaus zu tun gedenken, Mylord. Werden Sie weiterhin auch den Leuten gegenüber damit protzen?«
Leto hielt seine Wut mühsam zurück. Er starrte den Mann an während die Gedanken wie Blitze durch sein Gehirn zuckten. Es gehörte eine gewisse Portion Mut dazu, ihn in seinem eigenen Hause herauszufordern, speziell unter dem Gesichtspunkt, daß Bewts Unterschrift unter einer Ergebenheitsurkunde prangte. Sein Vorstoß konnte also nur unter dem Gesichtspunkt erfolgt sein, daß der Mann wußte, über wieviel Macht er verfügte. Und Wasser stellte in der Tat auf Arrakis eine gewaltige Machtfülle dar. Wenn diese Gefälligkeit beispielsweise damit bezahlt werden sollte, daß Leto sich Bewt unterwarf, war das wirklich eine Bedrohung ersten Ranges. Der Mann schien einer solchen Tat fähig zu sein, was wiederum bedeutete, daß ausbleibende Wasserlieferungen Arrakis in den Tod treiben konnten. Möglicherweise hatten die Harkonnens Bewt deshalb nie recht zu packen gekriegt.
»Der Herzog und ich haben, was das Treibhaus angeht, andere Pläne«, ließ sich nun Jessica vernehmen. Sie lächelte Leto an. »Wir beabsichtigen natürlich es zu erhalten, als Symbol für die Bevölkerung von Arrakis. Es ist unser Ziel, darauf hinzuarbeiten, daß das Klima von Arrakis dahingehend verändert wird, daß Pflanzen solcher Art eines Tages im Freien wachsen können.«
Gott segne sie! dachte Leto. Und laß diesen Wasserhändler das erst einmal verdauen.
»Ihr Interesse in bezug auf Wasser und die Wetterkontrollen ist offensichtlich«, sagte der Herzog. »Ich rate Ihnen, sich nicht nur auf Ihr Wasser zu verlassen. Eines Tages wird es keine Seltenheit auf Arrakis mehr sein.«
Und er dachte: Hawat muß seine Anstrengungen, die Organisation dieses Bewt zu unterwandern, verdoppeln. Und als erstes müssen wir unsere Wasserrechte hundertprozentig sichern. Ich kann es nicht zulassen, daß diese Leute mir auf der Nase herumtanzen!
Bewt nickte, ohne daß das Lächeln von seinem Gesicht verschwand. »Ein lobenswerter Traum, Mylord.« Er ging einen Schritt zurück.
Der Ausdruck auf Kynes' Gesicht nahm Leto gefangen. Der Mann starrte Jessica an. Er erschien ihm, als sei er völlig verzaubert — wie ein Verliebter … oder in religiöser Trance gefangen.
Kynes' Gedanken waren in diesem Moment völlig überlagert von den Worten der Prophezeiung: »Und sie werden deinen meistgehegten Traum teilen.« Jessica zugewandt, sagte er: »Sie bringen uns die Abkürzung des Weges?«
»Ah, Dr. Kynes«, fiel der Wassertransporteur ein. »Sie kommen wohl geradewegs von einem Sandlauf mit Ihrer Fremenbande. Wie gnädig von Ihnen!«
Kynes warf Bewt einen unklassifizierbaren Blick zu und erwiderte: »Es heißt in der Wüste, daß ein Mensch, der über zuviel Wasser verfügt, sich durch besondere Unvorsichtigkeit auszeichnet.«
»Die Leute in der Wüste haben viele seltsame Sprichwörter«, gab Bewt leicht verärgert zurück.
Jessica ging zu Leto, schob eine Hand unter seinen Arm, um für einen Moment Ruhe zu haben. Kynes hatte gesagt: »… die Abkürzung des Weges.« In der alten Sprache bedeuteten diese Worte nichts anderes als eine genaue Übersetzung des Begriffes »Kwisatz Haderach«. Möglicherweise hatten die anderen diese seltsame Frage überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Jetzt stand der alte Planetologe vor einer der Frauen und lauschte ihrer flüsternden Gefallsucht.
Kwisatz Haderach, dachte Jessica. Hat unsere Missionaria Protectiva diese Legende auch hier verbreitet? Der Gedanke erfüllte sie mit neuer Hoffnung für Paul. Er könnte der Kwisatz Haderach sein. Er könnte es sein.
Der Vertreter der Gildenbank hatte sich nun in ein Gespräch mit Bewt vertieft, dessen Stimme die der anderen Anwesenden deutlich überragte. »Viele Leute haben schon versucht, Arrakis zu verändern.«
Der Herzog merkte deutlich, daß der Mann das mit der Absicht gesagt hatte, um Kynes zu treffen. Und das taten sie auch. Der Planetologe entfernte sich sofort aus Bewts Nähe.
In die plötzliche Stille hinein ertönte nach einem raschen Räuspern die Stimme eines uniformierten Adjutanten, der, hinter Leto stehend, sagte: »Es ist angerichtet, Mylord.«
Der Herzog warf Jessica einen fragenden Blick zu.
»Es ist Sitte auf Arrakis«, sagte sie, »daß Gastgeber und Gastgeberin ihren Gästen zu Tisch folgen, Mylord.« Sie lächelte und fügte hinzu: »Oder wollen wir diesen Brauch auch außer Kraft setzen?«
Kühl erwiderte Leto: »Das scheint mir eine gute Sitte zu sein. Für heute wollen wir uns ihr unterwerfen.«
Die Vorstellung, daß ich ihr mißtraue, dachte er, muß noch weiter vertieft werden. Er musterte die Gäste, die neben ihm herschritten. Wer unter euch wird auf diese Lüge hereinfallen?
Jessica, der seine Zerstreutheit nicht entging, wunderte sich nicht zum erstenmal in dieser Woche. Er benimmt sich wie ein Mensch, der mit sich selbst im Widerstreit liegt, dachte sie. Ist es etwa deshalb, weil ich es so eilig hatte, dieses Abendessen zu organisieren? Er muß sich doch darüber im klaren sein, wie wichtig es für uns ist, unsere Leute mit den Einheimischen bekanntzumachen, um zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl zu kommen. Noch immer stellen wir für diese Leute so etwas wie Vater- und Muttergestalten dar, Personen, zu denen man ehrfürchtig aufblickt und von denen man Anweisungen annimmt. Nichts beweist dies besser als Gesellschaften wie diese.
Während Leto die Gäste an sich vorbeigehen sah, dachte er daran, was Hawat gesagt hatte, als er ihn auf dieses Treffen hingewiesen hatte — »Sire! Das gestatte ich nicht!«
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