»Der Wurm ist jetzt genau unter ihr«, gab Kynes bekannt. »Sie werden nun Zeuge eines Geschehnisses werden, das vor Ihnen nur wenige Menschen gesehen haben.«
Dunkle Schatten schienen plötzlich auf der Sandfläche zu liegen. Die große Maschine senkte sich nach rechts wo nun ein Wirbel entstand, der sich rasch ausbreitete, schneller und schneller. Der Sand ringsherum wirbelte auf, die Luft war stauberfüllt.
Und dann sahen sie es! Eine gigantische Öffnung bildete sich inmitten der Wüste. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf etwas Weißem, das sich darin befand. Schließlich war das Loch zweimal so groß wie der Kriecher. Paul sah starr vor Schreck zu, wie die Maschine in das Loch hineinrutschte und darin verschwand. Dann begann die Öffnung sich wieder zu schließen.
»Ihr Götter, welch ein Biest!« murmelte ein Mann neben Paul.
»Und unsere ganze Ladung ist hin«, grollte ein anderer.
»Irgend jemand wird dafür zu bezahlen haben«, sagte der Herzog, »das verspreche ich euch.«
Die Stimme des Herzogs hatte Paul deutlich gezeigt, daß sein Vater wütend war. Er stellte fest, daß er selbst nicht anders empfand. Irgend jemand hatte in beinahe krimineller Weise Material und Ladung vergeudet.
In der folgenden Stille hörten sie Kynes sagen: »Gesegnet sei der Bringer und sein Wasser. Man segne seine Ankunft und sein Gehen. Sein Besuch möge die Welt reinigen und die Welt erhalten für sein Volk.«
»Was haben Sie gesagt?« fragte der Herzog.
Aber Kynes antwortete nicht.
Paul sah sich die ihn umgebenden Männer an die furchtsam auf Kynes' Hinterkopf schauten. Dann flüsterte einer von ihnen: »Liet.«
Kynes drehte sich um. Er schien wütend zu sein. Der Mann zuckte zusammen.
Einer der anderen Geretteten begann mit rauher Stimme zu keuchen: »Verflucht sei das Höllenloch!«
Der große Dünenmann, der den Kriecher als letzter verlassen hatte, sagte: »Sei ruhig, Coss. Und überlege, ehe du fluchst.« Er blieb zwischen seinen Kollegen stehen, bis sich ihm eine Möglichkeit bot, den Herzog zu sehen. »Sie sind Herzog Leto, vermute ich«, sagte er dann. »Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet, daß Sie uns das Leben gerettet haben. Wir hatten bereits damit abgeschlossen.«
»Still, Mann«, sagte Halleck. »Lassen Sie den Herzog seine Maschine fliegen.«
Paul sah Halleck an. Er hatte ebenfalls gesehen, unter welch starker Anspannung sein Vater stand. Und wenn der Herzog unter einem Druck stand, schwieg man besser.
Der Herzog beschrieb eine weite Kurve um den Sandkrater, weil er unter sich eine neue Bewegung gesichtet hatte. Der Wurm hatte sich in die Tiefe zurückgezogen, und dort, wo sich zuvor die Fabrik befunden hatte, konnte man zwei Gestalten erkennen, die sich in nördlicher Richtung entfernten. Sie schienen förmlich über den Sand zu gleiten, ohne ihn dabei aufzuwirbeln.
»Was ist das, da unten?« fragte der Herzog.
»Zwei Johnnies, die wir bei uns hatten, Sire«, erwiderte der große Dünenmann.
»Weshalb habe ich von ihnen nichts erfahren?«
»Es war ihr eigenes Risiko, Sire«, gab der Dünenmann zurück.
»Diese Männer, Mylord«, sagte Kynes plötzlich, »wissen genau, daß es wenig Zweck hat, sich den Kopf über Leute zu zerbrechen, die vorhaben, die Wüste zu Fuß zu durchqueren und die dabei in eine Wurmzone vorstoßen.«
»Wir schicken ihnen eine Maschine«, knirschte der Herzog.
»Wie Sie wünschen, Mylord«, sagte Kynes. »Aber wenn sie hier eintrifft, wird es nichts mehr zu retten geben.«
»Wir schicken sie trotzdem.«
»Sie müssen in unmittelbarer Nähe gewesen sein, als der Wurm zuschlug«, warf Paul ein. »Wie haben sie es geschafft, doch noch davonzukommen?«
»Wenn der Erdrutsch einsetzt, führt das leicht zu optischen Täuschungen«, beschwichtigte ihn Kynes.
»Sie verschwenden nur Brennstoff, wenn Sie noch länger hier kreisen, Sir«, meinte Halleck.
»Verstanden, Gurney.«
Der Herzog nahm Kurs auf den Schildwall. Die Eskorte schloß sich ihm an und nahm Position zu seiner Rechten und Linken.
Paul dachte darüber nach, was der Dünenmann und Kynes gesagt hatten. Irgendwie roch das alles nach Halbwahrheiten und Lügen. Die Männer dort unten im Sand hatten sich so sicher über die Oberfläche bewegt, als fürchteten sie nichts, als seien sie völlig sicher, daß der Wurm ihnen nichts anhaben konnte.
Fremen! dachte er. Wer sonst kann sich mit einer solchen Sicherheit in der offenen Wüste bewegen? Wer konnte sich, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dazu bereitfinden, sie einfach in der Wüste zurückzulassen? Doch nur jemand, der wußte, daß ihnen dort keine Gefahren drohten! Die Fremen wissen genau, wie man in der Wüste überlebt. Das bedeutet, daß sie auch wissen, wie man einem Wurm entwischt.
»Was haben diese Fremen auf dem Kriecher gemacht?« wollte er wissen.
Kynes fuhr herum.
Der große Dünenmann starrte Paul verblüfft an. Seine Augen waren von völligem Blau. »Wer ist dieser junge Mann?« fragte er.
Halleck schob sich zwischen den Mann und Paul und erwiderte: »Dies ist Paul Atreides, der herzogliche Erbe.«
»Wer hat denn gesagt, daß Fremen an Bord unseres Kriechers waren?« fragte der Mann.
»Ich habe es vermutet«, gab Paul zurück.
Kynes schnaufte. »Fremen kann man nicht daran erkennen, wenn man ihnen nur einen Blick zuwirft.« Er nickte dem Dünenmann zu. »Du! Wer waren diese Männer?«
»Freunde von irgend jemandem«, erwiderte der Arbeiter. »Bekannte aus einem Dorf, die sich mal im Gewürzabbaugebiet umsehen wollten.«
Kynes wandte sich ab. »Fremen!«
Und er erinnerte sich an die Worte der Legende: »Und der Lisan al-Gaib wird jedwede Täuschung sofort durchschauen.«
»Vielleicht sind sie jetzt schon tot«, sagte der Dünenmann zu Paul. »Wir wollen nicht schlecht über sie reden.«
Aber die Falschheit in diesen Worten blieb Paul keinesfalls verborgen, ebensowenig wie die unterschwellige Drohung, die in Halleck sofort den Beschützerinstinkt erweckt hatte.
Trocken sagte er: »Nicht gerade ein schöner Ort zum Sterben.«
Ohne sich umzuwenden, erwiderte Kynes: »Wenn Gott eine Kreatur dazu auserwählt hat, an einem bestimmten Ort zu sterben, so sorgt er auch dafür, daß sie ihn dort vorfindet.«
Leto sah ihn scharf von der Seite an.
Und Kynes, der den Blick ohne Schwäche erwiderte, stellte fest, daß er eine Tatsache beunruhigend fand: Dieser Herzog ist mehr um das Leben seiner Leute besorgt, als um das Gewürz. Er hat sein Leben und das seines Sohnes aufs Spiel gesetzt, um sie zu retten. Und er hat den Verlust einer Fabrik und einer vollen Ladung mit einer Handbewegung abgetan. Daß seine Männer einer gefährlichen Situation ausgesetzt waren, hat ihn wirklich aufgebracht. Ein Führer wie er produziert fanatische Loyalität. Er würde nur schwer zu schlagen sein.
Gegen seinen eigenen Willen und alle Vorurteile, mußte Kynes sich eingestehen: Ich mag diesen Mann.
Die Darstellung menschlicher Größe ist niemals von Beständigkeit, sondern eher eine Erfahrung des Vergänglichen. In gewisser Weise ist sie abhängig von der mythenerzeugenden Vorstellungskraft des Menschen. Eine Person, die der Größe teilhaftig wird, muß gleichzeitig ein sicheres Gefühl für die sie umgebenden Mythen entwickeln, weil nur dies verhindern kann, daß sie sich mit ihrer eigenen Größe identifiziert. Ohne diese Fähigkeit wird selbst ungewollte Größe einen Menschen zerstören.
Aus ›Gesammelte Weisheiten des Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
Am frühen Abend waren die Suspensorlampen im Speisesaal des Hohen Hauses bereits in Betrieb. Der Lichtschein ließ den an der Wand hängenden Stierkopf mit den blutbefleckten Hörnern und das Porträt des alten Herzogs weiche Schatten werfen.
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