»Ich habe gar nicht gewußt, daß es in der Wüste derart große Vögel gibt«, sagte der Herzog.
»Es könnte ein Adler sein«, vermutete Kynes. »Viele Geschöpfe haben sich diesem Planeten angepaßt.«
Der Ornithopter flog nun über eine reine Sandfläche dahin. Aus zweitausend Meter Höhe schaute Paul hinab und erkannte auf dem Boden nichts anderes als den Schatten ihrer Maschine und die der Eskorte. Von diesem Blickwinkel sah das Land flach aus, aber die verzerrten Schatten bewiesen das Gegenteil.
»Ist es schon einmal jemandem gelungen, zu Fuß aus der Wüste zu entkommen?« fragte der Herzog interessiert.
Hallecks Musik verstummte. Er lehnte sich vor, um die Antwort mitzubekommen.
»Nicht aus der tiefen Wüste«, gab Kynes zurück. »Aus der zweiten Zone schon eher. Aber sie überlebten nur, weil sie sich an die felsigen Landstriche hielten, in die die Würmer so gut wie nie gelangen.«
Das Timbre von Kynes' Stimme erweckte Pauls Interesse. Aufmerksam hörte er dem Mann zu. Er merkte, daß sich seine Sinne ganz auf ihn einstellten.
»Aha, die Würmer«, bemerkte der Herzog. »Das erinnert mich daran, daß ich mir vorgenommen habe, mir bald einen anzusehen.«
»Das werden Sie schon noch«, erwiderte Kynes. »Dort, wo Gewürz ist, sind auch Würmer.«
»Immer?« fragte Halleck.
»Immer.«
»Gibt es irgendwelche Beziehungen zwischen den Würmern und dem Gewürz?« fragte der Herzog.
Als Kynes sich zu ihm umwandte, nahm Paul ein leichtes Zögern wahr. »Sie verteidigen den Gewürz sand . Jeder Wurm hat ein bestimmtes … Territorium. Und was das Gewürz betrifft … wer weiß? Einzelne Würmer, die wir untersucht haben, ließen den Schluß zu, daß in ihren Körpern komplizierte chemische Umsetzungen vor sich gingen. Wir haben Salzsäure im Verdauungstrakt und komplizierte Säureformen in ihnen entdeckt. Ich werde Ihnen ein Exemplar meiner Monographie, die ich zu diesem Thema geschrieben habe, überlassen.«
»Und ein Schild bietet keine Verteidigungsmöglichkeit?« Das Thema ließ den Herzog offenbar nicht los.
»Schilde!« stieß Kynes verächtlich hervor. »Wenn Sie einen Schild in einem Wurmgebiet aktivieren, können Sie mit dem Leben abschließen. Die Würmer ignorieren in solchen Fällen sogar ihre eigenen Territoriumsbegrenzungen und kommen von überallher, um den Schild anzugreifen. Niemand, der je einen Schild getragen hat, hat einen solchen Angriff überlebt.«
»Aber wie erlegt man sie denn?«
»Indem man jedes einzelne Ringsegment einem elektrischen Schock aussetzt«, erklärte Kynes. »Man kann sie mit Explosivstoffen lähmen, aber jedes einzelne ihrer Ringsegmente ist dennoch in der Lage, allein weiterzuleben. Mit der Ausnahme von nuklearen Sprengsätzen wüßte ich nichts, das einen Wurm völlig zerstören kann. Sie sind unglaublich zäh.«
»Warum hat noch niemand versucht, sie auszurotten?« fragte Paul.
»Weil es zu teuer ist«, sagte Kynes. »Und das Land einfach zu groß ist, um es ständig bewachen zu lassen.«
Paul schmiegte sich in eine Ecke. Sein Wahrheitssinn, der in der Lage war, feine Nuancierungen in bezug auf Sprache und Ausdruck wahrzunehmen, sagte ihm, daß Kynes log und ihnen Halbwahrheiten erzählte. Und er dachte: Wenn es überhaupt einen Zusammenhang zwischen den Würmern und dem Gewürz gibt, dann diesen: Wenn man die Würmer tötet, vernichtet man auch das Gewürz.
»In Zukunft wird es niemand mehr nötig haben, sich zu Fuß durch die Wüste zu schlagen«, erklärte der Herzog und deutete auf den Notrufsender an seinem Hals. »Ein Knopfdruck genügt, und die Rettungsmannschaft ist bereits unterwegs. Es wird nicht mehr lange dauern und alle unsere Arbeiter werden diesen Sender tragen. Wir werden einen speziellen Rettungsdienst aufbauen.«
»Das ist sehr lobenswert«, sagte Kynes.
»Und doch sagt ihr Tonfall, daß Sie nicht viel davon halten«, stellte der Herzog fest.
»Natürlich halte ich etwas davon«, sagte Kynes. »Aber ich frage mich, ob diese Einrichtung viel Sinn hat. Die statische Elektrizität der Sandstürme wird viele Signale verzerren. Die Sender werden Kurzschlüssen unterliegen. Sie sind nicht der erste, der das versucht, wissen Sie. Auf Arrakis hält sich das meiste Ausrüstungsmaterial nicht lange. Und wenn Ihnen ein Wurm einmal auf den Fersen ist, hat man nicht mehr sehr viel Zeit. Ich schätze, nicht mehr als fünfzehn oder zwanzig Minuten.«
»Was würden Sie vorschlagen?« fragte der Herzog.
»Sie bitten mich um einen Vorschlag?«
»Um Ihren Rat als Planetologe, ja.«
»Und Sie würden meinen Vorschlägen auch folgen?«
»Wenn ich in ihnen einen Sinn entdecke, sicher.«
»Das gefällt mir, Mylord. Reisen Sie nie allein!«
Der Herzog sah von den Kontrollen auf. »Ist das alles?«
»Das ist alles. Reisen Sie nie allein.«
»Was geschieht, wenn man durch einen Sturm verschlagen wird und gezwungen ist, notzulanden?« fragte Halleck interessiert. »Kann man da nicht irgendwas machen?«
» Irgendwas ist ein reichlich weitschweifiger Begriff«, erwiderte Kynes.
»Aber was würden Sie tun?« fragte Paul.
Kynes warf Paul einen kalten Blick zu und schaute dann wieder den Herzog an. »Als erstes würde ich nachkontrollieren, ob mein Destillanzug funktioniert. Wenn ich außerhalb der Wurmzone wäre oder im Felsengebiet, würde ich in meiner Maschine bleiben. In dem Fall, daß ich mich im offenen Sand befinde, würde ich von der Maschine so schnell weggehen, wie ich könnte. Tausend Meter würden da schon reichen. Dann würde ich mich unter meiner Robe verstecken. Ein Wurm würde zwar das Schiff finden, aber vielleicht nicht mich.«
»Und dann?« fragte Halleck.
Kynes zuckte die Achseln. »Würde ich warten, bis der Wurm wieder verschwindet.«
»Und das ist alles?« wollte Paul wissen.
»Wenn der Wurm wieder fort ist, macht man sich auf den Weg«, fuhr Kynes fort. »Man sollte sich dabei so verhalten, daß man keinen großen Lärm erzeugt, Ebenen meidet und alle Stellen umgeht, wo Trommelsand liegt, hinein in die nächste Felszone. Davon existieren eine ganze Menge. Man könnte es schaffen.«
»Trommelsand?« fragte Paul.
»Eine sehr kompakte Sandschicht«, erklärte Kynes. »Da hört sich der leiseste Schritt wie ein Trommeln an. Und Würmer wissen, daß sich darauf etwas bewegt.«
Halleck lehnte sich zurück und setzte die Stimmversuche an seinem Baliset fort. Plötzlich begann er zu singen:
»Die wilden Tiere der Wüste jagen,
und warten auf den Narr'n,
Oh-h-h-, versuche nicht die Wüstengötter,
sonst ist dein Nachruf schnell gemacht. Gefahren lauern …«
Er brach ab und beugte sich nach vorn. »Staubwolke voraus, Sire.«
»Ich sehe sie, Gurney.«
»Genau das suchen wir«, sagte Kynes.
Paul richtete sich aus seinem Sitz auf, um zu sehen, weswegen sie gekommen waren. Dreißig Kilometer von ihnen entfernt, bewegte sich eine riesige gelbe Wolke über dem Wüstenboden dahin.
»Das ist eine Ihrer Erntefabriken«, erklärte Kynes. »Sie bewegt sich über die Oberfläche dahin, weil dort das Gewürz ist. Die Wolke, die Sie sehen können, besteht aus dem Sand, den die Fabrik einsaugt und der nach oben ausgeblasen wird, nachdem man ihn vom Gewürz getrennt hat. Dies geht in großen Zentrifugen vor sich. Es gibt keine Wolke, die dieser ähnlich sieht auf Arrakis.«
»Flugzeuge schweben darüber«, stellte der Herzog fest.
»Ich sehe drei, vier Späher«, sagte Kynes. »Sie halten nach Wurmzeichen Ausschau.«
»Wurmzeichen?« fragte der Herzog.
»Eine Sandwelle, die sich auf den Kriecher zubewegt. Außerdem werden seismographische Tests vorgenommen. Manchmal kommt es nämlich vor, daß die Würmer sich so tief unter der Oberfläche fortbewegen, daß sie gar keine sichtbare Sandwelle erzeugen.« Kynes sah auf den Himmel hinaus. »An sich sollte sich hier ein Carryall aufhalten, aber ich sehe keinen.«
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