Der Herzog drehte den Kopf, um sich das Schlauchende genauer anzusehen. »Wirksam und bequem«, konstatierte er. »Eine gutausgetüftelte Konstruktion.«
Kynes kniete nieder und untersuchte die Beinverschlüsse. »Urin und Exkremente werden in den Wadenbehältern verarbeitet«, fuhr er fort und stand auf, um den Halsverschluß zu untersuchen. »In der offenen Wüste tragen Sie einen solchen Filter vor dem Gesicht und diesen Schlauch in der Nase, der durch Filterpatronen führt. Man atmet dabei durch den Mund ein und durch die Nase aus. Wenn Sie einen Destillanzug aus der Fremen-Produktion tragen und er völlig in Ordnung ist, verlieren Sie kaum mehr als einen Fingerhut voll Wasser täglich — selbst dann nicht, wenn Sie sich in einem Großen Erg befinden.«
»Ein Fingerhut nur«, murmelte der Herzog beeindruckt.
Kynes drückte einen Finger gegen das Stirnband des Anzuges und sagte: »Möglicherweise wird es etwas scheuern. Wenn es Ihnen unangenehm wird, sagen Sie mir Bescheid. Ich werde es dann eine Kleinigkeit enger schnallen.«
»Vielen Dank«, sagte der Herzog. Er reckte sich und stellte dabei fest, daß er sich jetzt viel besser fühlte. Der Anzug lag seinem Körper an wie eine zweite Haut und störte ihn überhaupt nicht mehr.
Kynes wandte sich nun Paul zu. »Und jetzt bist du an der Reihe, junger Mann.«
Er scheint ein guter Mann zu sein, dachte der Herzog. Aber er wird zu lernen haben, wie man uns richtig anzusprechen hat.
Paul ließ die Inspektion seines Destillanzuges bewegungslos über sich ergehen. Als er ihn angezogen hatte, war ihm das neue Gefühl des Tragens nicht im geringsten fremd vorgekommen. Im Gegenteil. Obwohl er sich hundertprozentig sicher war, noch nie ein Kleidungsstück dieser Art getragen zu haben, konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, jede Bewegung, die er in ihr machte, sei völlig natürlich. Als er das Brustband justiert hatte, war ihm jede Handbewegung völlig klar gewesen. Ebenso hatte er gewußt, wie eng er die Nackenbänder einstellen mußte, um zu verhindern, daß sie Blasen erzeugten.
Kynes richtete sich auf. Er trat einen Schritt zurück und sein Gesicht zeigte absolute Verblüffung.
»Haben Sie schon früher Erfahrungen mit Destillanzügen gemacht?« wollte er wissen.
»Ich trage ihn zum erstenmal.«
»Dann hat jemand anders ihn für Sie eingestellt?«
»Nein.«
»Ihre Wüstenstiefel sind an den Knöcheln dichter geschnürt als an den Waden. Wer hat Ihnen gesagt, daß das so sein muß?«
»Es schien mir … die einzig richtige Art zu sein, sie so zu schnüren.«
»Das ist allerdings richtig.«
Kynes strich mit der Hand über sein Kinn und dachte an die Legende: »Er wird eure Sitten erkennen, als sei er mit ihnen geboren.«
»Wir vergeuden unsere Zeit«, meldete sich nun der Herzog. Er winkte zu dem wartenden Thopter hinüber, wies ihm die Richtung und erwiderte das Salutieren des Wachtpostens mit einem Kopfnicken. Dann kletterte er in die Maschine hinein, legte die Sicherheitsgurte an und überprüfte die Instrumente und Kontrollanzeigen. Die Maschine federte, als die anderen ihm folgten.
Als Kynes seinen Platz einnahm und sich den Gurt umlegte, fiel ihm die luxuriöse Innenausstattung des Thopters ins Auge: die graugrüne Polsterung, die leuchtenden Instrumente und die beinahe unglaubliche Gegenwart gefilterter Luft, die sich durch seine Lungen wusch, sobald der Einstieg sich schloß und kühlende Ventilatoren zum Leben erwachten.
Wie weich! dachte er.
»Alles klar, Sire«, gab Halleck bekannt.
Leto führte den Schwingen Energie zu und fühlte, wie sie sich wölbten und Schwung holten. Einmal, zweimal. Sie hoben sich sofort um zehn Meter in die Luft, während die Schwingen des Thopters weich ausholten und die Rückendüsen sie stetig höher hinauftrieben.
»Richtung Südost, über den Schildwall«, erklärte Kynes. »Das ist der Platz, an dem ich Ihren Sandmeister angewiesen habe, eine Fabrik arbeiten zu lassen.«
»In Ordnung.«
Der Herzog steuerte die angegebene Richtung an, während die Begleitmaschinen sich formierten und ihnen nach Südosten folgten.
»Entwurf und Konstruktion dieser Destillanzüge«, sagte der Herzog plötzlich, »scheinen mir auf hohes technisches Wissen hinzudeuten.«
»Irgendwann kann ich Ihnen auch einen Sietch zeigen, wo sie hergestellt werden«, erwiderte Kynes.
»Das würde mir gefallen«, nickte der Herzog. »Ich habe gehört, daß diese Anzüge auch in einigen Garnisonsstädten hergestellt werden sollen.«
»Das sind minderwertige Imitationen«, sagte Kynes verächtlich. »Ein Dünenmann, der Wert auf seine Haut legt, trägt nur Fremen-Anzüge.«
»Und der Wasserverlust beträgt am Tag wirklich nur einen Fingerhut voll?«
»Wenn er richtig sitzt, die Stirnkappe gut anliegt und alle Verschlüsse in Ordnung sind, verliert man die meiste Flüssigkeit lediglich durch die Handflächen«, erklärte Kynes. »Wenn man keine allzu komplizierte Arbeit zu verrichten hat, kann man noch Schutzhandschuhe zusätzlich tragen. Aber die meisten in der Wüste lebenden Fremen beschränken sich darauf, die Hände mit dem Saft, der aus den Zweigen des Kreosotenbusches gewonnen wird, einzureiben. Es verhindert allzu großes Schwitzen.«
Linkerhand erhob sich die zerbrochene Landschaft des Schildwalls, Massen zackiger Felsen in Gelbbraun, durchzogen von dunklen Linien, die den Herzog an verrottete Ketten erinnerten. Es war, als hätte jemand die Felsformation aus großer Höhe abgeworfen und liegengelassen, ohne noch einen Blick darauf zu werfen.
Sie überquerten eine flache Senke, deren in südliche Richtung weisende Öffnung bereits von herannahendem Wüstensand überspült war. Die Wüste war im Begriff, in die Senke einzudringen, ein trockener Eroberer, der sich deutlich in seiner Farbe von den dunkleren Felsen abhob.
Kynes lehnte sich in seinen Sitz zurück. Er dachte über das gesunde, kraftstrotzende Fleisch nach, das er während der Anzugkontrollen gefühlt hatte. Die drei anderen trugen Schildgurte über ihren Roben, kleine Lähmer an den Hüften und münzengroße Notrufsender an Ketten um den Hals. Der Herzog und sein Sohn verfügten zudem noch über in Ärmelscheiden verborgene Messer. Die Scheiden machten einen abgetragenen Eindruck. Diese Leute erschienen Kynes wie eine Mischung aus Verweichlichung und bewaffneter Stärke. Es war keine Frage, daß sie sich total von den Harkonnens unterschieden.
»Wenn Sie dem Imperator über den erfolgten Regierungswechsel auf Arrakis berichten, werden Sie erwähnen, daß wir die Bestimmungen einhalten?« fragte Leto. Er schaute Kynes kurz an und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Route.
»Die Harkonnens sind gegangen, und Sie sind gekommen«, erwiderte Kynes achselzuckend.
»Demnach ist alles so, wie es sein sollte?« erkundigte sich Leto.
Ein verkrampfter Muskel an Kynes Kinn deutete an, daß er unter einer plötzlichen Spannung stand.
»Als Planetologe und Schiedsrichter bin ich direkt dem Imperium verantwortlich … Mylord.«
Der Herzog lächelte grimmig. »Aber die Realitäten kennen wir ebenfalls alle beide.«
»Ich darf Sie daran erinnern, daß Seine Majestät meine Arbeit unterstützt.«
»Tatsächlich? Und worin besteht sie?«
In der kurzen Stille zwischen Frage und Antwort, dachte Paul: Er geht diesen Kynes zu hart an. Er warf Halleck einen Blick zu, aber der musizierende Krieger starrte auf die öde Landschaft hinab.
Steif sagte Kynes: »Sie sollten eigentlich über meine Pflichten als Planetologe unterrichtet sein.«
»Natürlich.«
»Es dreht sich hauptsächlich um Wüstenbiologie und Botanik — aber auch geologische Arbeit. Bohrungen und so weiter. Die Möglichkeiten, einen Planeten zu erforschen, sind beinahe unendlich.«
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