»Beschäftigen sich Ihre Untersuchungen auch mit dem Gewürz?«
Als Kynes den Kopf wandte, erkannte Paul, daß er über diese Frage ungehalten war.
»Das ist eine ziemlich kuriose Frage, Mylord.«
»Gewöhnen Sie sich daran, daß Arrakis nun mein Leben ist, Kynes. Die Methoden, die ich anwende, unterscheiden sich von denen der Harkonnens. Ich habe nichts dagegen, daß Sie das Gewürz untersuchen, solange sie mir die Ergebnisse nicht verschweigen.« Er sah Kynes kurz an. »Die Harkonnens haben diese Arbeit behindert, nicht wahr?«
Kynes sah ihn an, ohne eine Antwort zu geben.
»Sie können ruhig offen reden«, sagte der Herzog. »Sie brauchen nichts zu befürchten.«
»Der Kaiserliche Hof«, murmelte Kynes, »ist in der Tat sehr weit von hier entfernt.« Und er dachte: Was erwartet dieser weichhäutige Eindringling von mir? Hält er mich für einen solchen Narren, daß ich mit ihm zusammenarbeite?
Der Herzog grinste, achtete aber weiter auf den Kurs. »Ich entdecke einen Mißklang in Ihrer Stimme, Sir. Wir haben Arrakis mit einer ganzen Meute vordergründig gezähmter Mörder geradezu überflutet, nicht wahr? Und dennoch bilden wir uns ein, Sie müßten sofort erkennen, daß wir ganz anders sind als unsere Vorgänger, nicht wahr?«
»Ich habe zumindest die Propaganda gelesen, mit der Sie das Dorf und den Sietch überfluten lassen«, gab Kynes zurück. »Ihr müßt auf der Seite des guten Herzogs sein! — Ihre Propagandaabteilung …«
»Jetzt reicht es!« bellte Halleck. Er wandte sich von dem Fenster ab und beugte sich vor.
Paul legte eine Hand auf Hallecks Arm.
Der Herzog sagte: »Gurney!« Er warf Halleck von der Seite einen Blick zu. »Vergiß nicht, daß dieser Mann lange unter den Harkonnens gelebt hat.«
Halleck lehnte sich wieder zurück. »Ach ja.«
»Ihr Hawat ist recht geschickt«, meinte Kynes, »aber seine Absichten sind sehr leicht zu durchschauen.«
»Sie wollen uns also die Basen zugänglich machen?« fragte der Herzog.
Kynes sagte kühl: »Sie gehören Seiner Majestät.«
»Aber Seine Majestät braucht sie nicht.«
»Seine Majestät könnte sie brauchen.«
»Ist Seine Majestät einverstanden?«
Kynes schaute Leto mißmutig an. »Arrakis könnte der reinste Garten Eden sein, wenn sich seine Herrscher darauf besännen, daß das Gewürz nicht das einzig Wichtige auf diesem Planeten ist!«
Er hat meine Frage nicht beantwortet, dachte der Herzog. Laut sagte er: »Wie kann man ohne Geld aus dieser Welt einen Garten Eden machen?«
»Was bedeutet schon Geld«, führte Kynes aus, »wenn man mit ihm doch nicht die Dienste erstehen kann, die man nötig braucht?«
Ah, jetzt! dachte der Herzog. Er sagte: »Darüber sollten wir ein anderes Mal diskutieren. Ich glaube, wir sind gleich über den Schildwall hinaus. Halte ich noch den richtigen Kurs?«
»Bleiben Sie drauf«, murmelte Kynes.
Paul sah aus dem Fenster. Unter ihnen blieben die zerklüfteten Felswände nun zurück und machten einer endlosen Dünenlandschaft Platz, deren Spitzen sich wie die Wogen eines Meeres über die Landschaft erstreckten. Hier und da ragten vereinzelte dunkle Punkte aus dem Sand, möglicherweise Felsen. In der hitzeflirrenden Luft war das nicht so genau zu erkennen.
»Gibt es Pflanzen dort unten?« fragte er.
»Ein paar«, gab Kynes zurück. »In dieser Zone existieren hauptsächlich kleine Gewächse, die wir Wasserstehler nennen, weil sie sich gegenseitig das Wasser entziehen und geringe Taumengen aufnehmen. Einige Teile der Wüste wimmeln beinahe vor Leben. Aber alles hat gelernt, sich den Lebensbedingungen hier anzupassen. Wenn Sie dort unten überleben müßten, würden Sie sich anpassen müssen oder sterben.«
»Sie meinen, ich müßte einem anderen Wasser stehlen?« fragte Paul schockiert. Man hörte deutlich das Entsetzen in seinen Worten.
»Obwohl das gelegentlich auch vorkommt«, sagte Kynes, »habe ich das eigentlich nicht gemeint. Sie müssen daran denken, daß mein Klima ein besonderes Verhältnis gegenüber dem Wasser erfordert. Man denkt ständig an Wasser, immerzu. Man verschwendet nichts, das Flüssigkeit enthält.«
Und der Herzog dachte: »… mein Klima!«
»Fliegen Sie zwei Grad südlicher, Mylord«, sagte Kynes. »Vom Westen her wird ein Wind aufkommen.«
Der Herzog nickte. Auch er hatte die kleine Staubwolke bereits ausgemacht und änderte den Kurs in der angegebenen Richtung. Die Art, in der die Schwingen der Begleiteskorte das Licht reflektierten, wirkte beruhigend auf ihn.
»Das müßte ausreichen, um an dem Sturm vorbeizukommen«, meinte Kynes.
»Es muß gefährlich sein, direkt in den Sand hineinzufliegen«, ließ sich nun Paul vernehmen. »Stimmt es wirklich, daß er das stärkste Metall zerfetzen kann?«
»Auf diesem Breitengrad ist es weniger Sand als Staub«, erklärte Kynes. »Und die Gefahr liegt mehr darin, daß es einem die Sicht nimmt und Turbulenzen aussetzt.«
»Sehen wir heute tatsächlich, wie das Gewürz abgebaut wird?« fragte Paul.
»Höchstwahrscheinlich«, erwiderte Kynes.
Paul lehnte sich zurück. Er hatte sein möglichstes getan und die Fragen genau auf die Art gestellt, die seine Mutter ›eine Person aufnehmen‹ nannte. Eine unnatürliche Wölbung des linken Ärmels von Kynes' Robe deutete darauf hin, daß er darunter eine Messerscheide verborgen hielt. Auch seine Hüften waren unnatürlich dick. Er hatte davon gehört, daß die Wüstenmänner besonders breite Schärpen trugen, in denen sie wichtige Kleinigkeiten aufbewahrten. Möglicherweise wurden die Wölbungen von solch einer Schärpe hervorgerufen. Daß Kynes einen Schildgurt trug, hielt Paul für unwahrscheinlich. Eine Kupfernadel, in die das Abbild eines Hasen graviert war, hielt Kynes' Robe am Nacken zusammen. Ein ebensolches Abbild befand sich auf seiner Kapuze, die Kynes zurückgeschlagen hatte und nun auf seinen Schultern hing.
Halleck bewegte sich auf dem Sitz neben Paul, langte mit dem Arm nach hinten und brachte sein Baliset zum Vorschein. Als er das Instrument zu stimmen begann, wandte sich Kynes kurz um, aber er richtete seine Aufmerksamkeit gleich wieder auf die Flugroute.
»Was würden Sie gerne hören, junger Herr?« fragte Halleck.
»Du entscheidest diesmal, Gurney«, gab Paul zurück.
Halleck beugte sein Ohr nahe an den Klangkörper heran, schlug einen Akkord und sang mit weicher Stimme:
»Unsere Väter aßen Manna in der Wüste,
unter der brennenden Sonne, durch die Wirbelstürme zogen.
Oh, Herr, errette uns aus diesem Schreckensland!
Errette uns … oh-h-h-h, errette uns,
aus diesem trockenen und durstigen Land.«
Kynes sah den Herzog an und sagte: »Sie verfügen wirklich über eine bemerkenswerte Garde, Mylord. Sind alle Ihre Männer derart talentiert?«
»Gurney?« Der Herzog grinste. »Gurney ist nur einer von vielen. Ich schätze ihn besonders wegen seiner Augen, denen so gut wie nichts entgeht.«
Der Planetologe runzelte die Stirn.
Ohne die geringste Unterbrechung sang Gurney Halleck weiter:
»Ich bin wie die Eule in der Wüste, oh!
Aiyah!
Bin wie die Eule in der Wüste!«
Der Herzog langte nach unten und förderte ein Mikrofon zutage, das er mit dem Daumen aktivierte. »Führer an Eskorte Gamma. Fliegendes Objekt in Sektor B. Können Sie es identifizieren?«
»Es ist nur ein Vogel«, sagte Kynes dazwischen. »Aber Sie haben scharfe Augen.«
Der Lautsprecher in der Armaturenbank knackte, dann sagte eine Stimme: »Eskorte Gamma spricht. Das Objekt wurde als großer Vogel identifiziert.«
Paul schaute in die angegebene Richtung und sah einen entfernten Punkt. Ihm fiel auf, unter welcher Konzentration sein Vater stehen mußte. Alle seine Sinne mußten unter Hochspannung stehen.
Читать дальше