Paul wollte etwas sagen, aber der Herzog unterbrach ihn, indem er fortfuhr: »Ich brauche einfach jemanden, mit dem ich über diese Dinge sprechen kann, mein Junge.« Er seufzte und schaute über die Landschaft, aus der jetzt sogar die Blumen verschwunden waren, niedergetrampelt von den Tausammlern, dahingewelkt unter den Strahlen der Morgensonne.
»Auf Caladan beruhte unsere Vorherrschaft auf unserer See- und Luftstreitmacht«, sagte der Herzog. »Hier auf Arrakis müssen wir eine Wüstenstreitmacht auf die Beine stellen. Dies wird deine Aufgabe werden, Paul. Was wird aus dir werden, wenn mir etwas geschieht? Du wirst kein Haus von Renegaten regieren, sondern eines von Guerillakämpfern. Du wirst ständig auf der Flucht sein und dennoch andere jagen.«
Paul suchte nach Worten, aber er fand nicht die, die er sagen wollte, die das ausdrückten, was er in diesem Moment fühlte. Die fatalistische Stimmung seines Vaters war ihm völlig fremd.
»Um Arrakis zu halten«, sagte der Herzog, »wird man manchmal Entscheidungen treffen müssen, die einen möglicherweise an der eigenen Ehre zweifeln lassen werden.« Er deutete aus dem Fenster, auf den Punkt, wo die grünschwarze Flagge der Atreides' schlaff an einem Pfahl am Rande des Landefeldes hing. »Dieses glorreiche Banner könnte möglicherweise zu einem Symbol des Bösen werden.«
Paul schluckte. Seine Kehle war trocken. Die Schicksalsergebenheit seines Vaters erzeugte ein leeres Gefühl in seiner Brust.
Der Herzog nahm eine müdigkeitsverdrängende Pille aus der Tasche und schluckte sie trocken hinunter. »Die Macht und die Angst«, sagte er, »sind die Voraussetzungen und Werkzeuge der Staatskunst. Ich werde dich zum Guerillakämpfer ausbilden lassen. Und was diesen Filmclip anbetrifft, Paul — die Tatsache, daß die Leute dich ›Mahdi‹ und ›Lisan al-Gaib‹ nennen, kann dir vielleicht einmal ganz nützlich sein.«
Paul starrte seinen Vater an und registrierte, daß die Pille bereits ihre Wirkung tat. Seine Gestalt straffte sich. Aber es war ihm unmöglich, die Worte des Zweifels und der Angst zu verdrängen, die er aus dem Munde seines Vaters gehört hatte.
»Wo bleibt nur dieser Ökologe?« murmelte der Herzog. »Ich habe Thufir doch angewiesen, ihn so schnell wie möglich herzuschaffen.«
Eines Tages nahm mein Vater, der Padischah-Imperator, mich beiseite, und anhand der Ausbildung, die mir durch meine Mutter zuteil geworden war, merkte ich, daß er verstört war. Er brachte mich in die Halle und führte mich zu der Galerie, in der auch das Porträt von Herzog Leto Atreides hing. Ich erkannte sofort die große Ähnlichkeit, die diese beiden Männer verband: beide hatten sie die gleichen schmalen, scharfgeschnittenen Gesichter, in denen kalte Augen dominierten. »Ich hätte es gerne gesehen, meine Tochter«, sagte der Imperator zu mir, »wenn du älter gewesen wärst, als für diesen Mann die Zeit kam, sich eine Frau zu nehmen.« Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt einundsiebzig Jahre alt, und dennoch wirkte er keinesfalls älter als der Mann auf dem Porträt. Ich war vierzehn, aber ich wußte schon damals, daß er sich nichts sehnlicher wünschte, als Leto zum Sohn zu haben, anstatt zum Gegner.
Aus ›Mein Vaterhaus‹, von Prinzessin Irulan.
Nach der ersten Begegnung mit den Leuten, die er auftragsgemäß zu betrügen hatte, blieb Dr. Kynes ziemlich erschüttert zurück. Bisher hatte er sich stets für einen Anhänger exakter Wissenschaften gehalten, für einen Mann, für den die Sagen und Legenden der Völker lediglich interessante Hinweise auf kulturelle Wurzeln waren. Aber dieser Junge erfüllte die alten Prophezeiungen so exakt! Er besaß die fragenden Augen und auch die Ausstrahlung einer reservierten Freimütigkeit.
Natürlich enthielt die Prophezeiung eine gewisse Bandbreite: so war es zum Beispiel nicht exakt festgeschrieben, ob die Gottesmutter ihn von einem anderen Ort nach Arrakis brachte oder ihm erst hier das Leben schenken würde. Und doch war da diese seltsame Übereinstimmung zwischen der Prophezeiung und den Personen.
Sie hatten sich kurz vor Mittag im Administrationsgebäude des Landefeldes außerhalb von Arrakeen getroffen. Ein Ornithopter ohne Hoheitszeichen summte in der Nähe wie ein schläfriges Insekt. Daneben stand ein Wachtposten der Atreides mit gezücktem Schwert. Der ihn umgebende Schild flimmerte leicht.
Kynes musterte den Schild mit einem höhnischen Lächeln und dachte: Arrakis wird euch in dieser Beziehung noch einige Überraschungen bieten!
Der Planetologe hob eine Hand. Es war das Zeichen für seinen Fremen-Leibwächter, zurückzubleiben. Er näherte sich dem Eingang des Gebäudes, ein finsteres Loch, das wie in einen Felsen hineingeschnitten wirkte. Und dennoch ist dieses monolithische Ding verwundbar. Und weniger geeignet als eine richtige Höhle.
Bewegungen innerhalb des Eingangs erweckten seine Aufmerksamkeit. Er blieb stehen und benutzte die Pause dazu, seine Robe zurechtzuziehen, die den Destillanzug verdeckte.
Die Eingangstür schwang auf. Die Wachen der Atreides' erschienen vor ihm, alle schwer bewaffnet. Kynes sah Lähmer, Schwerter und Schilde. Hinter ihnen tauchte ein hochgewachsener Mann mit einem Raubvogelgesicht auf. Er war dunkelhäutig und schwarzhaarig. Die Art, wie er den Djubba-Umhang mit dem Signum der Atreides' trug, wies deutlich darauf hin, daß er Kleidung dieser Machart nicht zu tragen gewohnt war. An einer Seite hatte der Umhang sich mit dem Destillanzug verfangen und verhinderte so, daß er frei schwingen konnte.
Neben dem Mann ging ein Junge mit der gleichen Haarfarbe, aber einem rundlicheren Gesicht. Für sein Alter sah er ziemlich klein aus. Trotzdem erweckte seine Haltung in Kynes den Eindruck, als höre und sehe der Junge mehr Dinge als all die anderen um ihn herum. Er trug die gleiche Kleidung wie sein Vater, allerdings mit einer lässigen Eleganz, als habe er sie seit Ewigkeiten getragen.
»Der Mahdi wird erkennen, was die anderen nicht sehen«, lautete die Prophezeiung.
Kynes schüttelte den Kopf und dachte: Sie sind genauso gewöhnliche Menschen wie wir alle.
Mit ihnen kam ein Mann, der ebenfalls darauf vorbereitet zu sein schien, in die Wüste zu gehen. Kynes erkannte in ihm Gurney Halleck. Er atmete tief ein und versuchte die Ressentiments gegen den Mann, der ihn angewiesen hatte, wie er sich in Gegenwart des Herzogs und seines Erben zu verhalten hatte, nicht offensichtlich werden zu lassen.
»Sie dürfen den Herzog mit ›Mylord‹ oder ›Sire‹ anreden. Es wäre ebenfalls richtig, wenn Sie mit ihm als einem ›Hochwohlgeborenen‹ sprechen, obwohl dies meist eine Anrede ist, die man nur bei hochoffiziellen Anlässen verwendet. Für seinen Sohn gelten die Anreden ›junger Herr‹ oder auch ›Mylord‹. Der Herzog legt an sich keinen sehr großen Wert auf diese Formalismen, aber ist ebenso gegen plumpe Vertraulichkeiten.«
Und als die Gruppe auf ihn zukam, dachte Kynes: Sie werden noch früh genug herausbekommen, wer wirklich auf Arrakis herrscht. Dieser Mentat wird mich die halbe Nacht lang verhören. Und sie bilden sich ein, mich dazu zu kriegen, auf Arrakis ihren Führer zu spielen und ihnen die Kunst der Gewürzgewinnung zu veranschaulichen.
Kynes hatte recht bald gemerkt, auf was Hawats Fragen abzielten. Sie wollten an die kaiserlichen Stützpunkte heran. Und es stand ganz außer Frage, daß sie durch Idaho von ihrer Existenz erfahren hatten.
Ich werde Stilgar veranlassen, diesem Herzog Idahos Kopf zu schicken , nahm er sich vor.
Der Herzog und seine Begleiter waren nun nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Kynes sah, daß sie schwere Wüstenstiefel trugen, unter denen der Sand knirschte.
Er verbeugte sich. »Mylord?«
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