»Nun?« verlangte Leto.
Hawat zuckte die Achseln. »Es handelt sich um ein Bruchstück einer Nachricht, die wir einem Kurier der Harkonnens abnahmen. Die Botschaft war an einen Agenten namens Pardee gerichtet. Wir haben gute Gründe, anzunehmen, daß Pardee der Leiter aller subversiven Agenten der Harkonnens auf Arrakis war. Und die Botschaft selbst — entweder hat sie gar keine, oder riesengroße Auswirkungen. Sie läßt sich auf verschiedene Weise interpretieren.«
»Und was ist ihr genauer Inhalt?«
»Es ist nur ein Bruchstück, Mylord. Nicht vollständig. Sie war auf einem minimischen Film, der sich in der üblichen Vernichtungskapsel befand. Es gelang uns, die bereits aktiv werdende Säure zu stoppen, aber was übrig blieb, war nur ein Fetzen. Aber er ist, nun ja, sehr unterschwellig.«
»Tatsächlich?«
Hawat biß sich auf die Lippen. »Der Text lautet: ›… eto wird niemals vermuten, daß der tödliche Schlag von einer geliebten Hand ausgeführt wird. Allein diese Erkenntnis wird ihn zerstören.‹ Die Botschaft trug das Siegel des Barons. Ich habe es selbst gesehen.«
»Diese Schlußfolgerung ergibt sich ganz automatisch«, erwiderte der Herzog. Seine Stimme war plötzlich von eisiger Kälte.
»Ich hätte mir lieber einen Arm abgeschnitten, als Ihnen weh zu tun«, sagte Hawat. »Mylord, was ist, wenn …«
»Lady Jessica«, sagte Leto und fühlte, wie die Wut ihn überspülte. »Konntet ihr nicht auch den Rest der Nachricht aus diesem Pardee herausprügeln?«
»Leider lebte Pardee schon nicht mehr, als wir diesen Kurier aufbrachten. Und der Kurier — das steht fest wußte überhaupt nicht, welchen Text er transportierte.«
»Ich verstehe.«
Kopfschüttelnd dachte Leto: Welch eine schmutzige Intrige. Natürlich ist kein Wort davon wahr. Ich kenne doch meine Frau!
»Mylord, wenn …«
»Nein!« bellte der Herzog. »Das muß ganz einfach ein Mißverständnis sein!«
»Aber wir können es dennoch nicht ignorieren, Mylord.«
»Sie gehört seit sechzehn Jahren zu mir! In diesen Jahren hätte sie zahllose Möglichkeiten gehabt, um mich … Du selbst hast damals die Schule und Jessica überprüft!«
Hawat erwiderte bitter: »Manchmal entgeht auch mir etwas Mylord.«
»Und ich sage dir, daß das unmöglich ist! Die Harkonnens haben vor, die gesamte Familie Atreides auszulöschen, und das bedeutet, daß sie es auch auf Paul abgesehen haben. Sie haben es bereits einmal versucht. Hältst du es für möglich, daß eine Frau gegen ihren eigenen Sohn konspiriert?«
»Vielleicht konspiriert sie gar nicht gegen ihren Sohn. Und das, was gestern geschah, könnte eine geschickte Täuschung gewesen sein.«
»Ausgeschlossen.«
»Sire, es ist ihr untersagt, ihre Abstammung zu erfahren. Aber was könnte geschehen, wenn sie es doch herausgefunden hat? Wenn sie zum Beispiel … eine Waise wäre, deren Eltern einem Atreides zum Opfer fielen?«
»Dann hätte sie schon viel früher gehandelt. Etwas Gift in ein Getränk … ein Stilett zwischen die Rippen. Wer hätte eine bessere Möglichkeit gehabt als sie?«
»Die Harkonnens wollen Sie vernichten , Mylord, nicht einfach nur töten. Bei einer Kanly gibt es große Variationsmöglichkeiten. Und man plant möglicherweise ein Kunstwerk in der Ausführung dieser Morde.«
Die Schultern des Herzogs sanken herab. Er schloß die Augen und sah plötzlich alt und müde aus. Es kann nicht sein, dachte er. Diese Frau hat ihr Herz für mich geöffnet.
»Welchen besseren Weg zu meiner Vernichtung könnte es geben, als mich auf die Frau zu hetzen, die ich liebe?« fragte er.
»Das ist auch eine von den Interpretationen, die ich bereits berücksichtigt habe«, erwiderte Hawat. »Und doch …«
Der Herzog öffnete die Augen, musterte Hawat und dachte: Es ist nur richtig, wenn er mißtrauisch ist. Das Mißtrauen ist seine Aufgabe, nicht die meine. Wenn ich den Eindruck erwecke, dies zu glauben, macht ihn das vielleicht unvorsichtig.
»Was schlägst du also vor?« flüsterte er.
»Für den Augenblick lediglich eine völlige Überwachung, Mylord. Ich werde dafür sorgen, daß die Beschattung unauffällig vor sich geht. Idaho wäre genau der richtige Mann für diese Aufgabe. Vielleicht können wir erreichen, daß er in einer Woche wieder zurück ist. In seiner Gruppe befindet sich ein junger Mann in Ausbildung, der geradezu ideal als Ersatzmann für ihn einspringen könnte — bei den Fremen. Er besitzt das nötige diplomatische Fingerspitzengefühl.«
»Unsere Stellung bei den Fremen darf nicht darunter leiden«, gab der Herzog zu.
»Das wird sie nicht, Sire.«
»Und was wird mit Paul?«
»Vielleicht könnte sich Dr. Yueh mit ihm beschäftigen.«
Leto wandte Hawat den Rücken zu. »Ich überlasse das dir.«
»Ich werde auf jeden Fall diskret zu Werke gehen, Mylord.«
Zumindest darauf kann ich zählen, dachte Leto. Laut sagte er: »Ich mache jetzt einen Spaziergang. Wenn du mich brauchst, ich bin nicht weit vom Tower entfernt. Die Wache kann …«
»Mylord, bevor Sie gehen, möchte ich Ihnen noch einen Filmclip zeigen, den Sie lesen sollten. Es handelt sich um eine erste Einschätzung der Fremen-Religion. Sie werden sich daran erinnern, daß Sie mir den Auftrag gaben, darüber einen Bericht zusammenzustellen.«
Der Herzog blieb stehen und sagte, ohne sich umzuwenden: »Hat das nicht etwas Zeit?«
»Natürlich hat es das, Mylord. Aber Sie fragten danach, was die Leute riefen, als wir nach Arrakeen kamen. Sie riefen ›Mahdi‹, und sie meinten damit den jungen Herrn. Als sie …«
»Paul?«
»Ja, Mylord. Es existiert eine Legende auf Arrakis, eine Prophezeiung, nach der eines Tages ein Führer zu ihnen kommen wird, das Kind einer Bene Gesserit. Er soll sie in die Freiheit führen. Die Prophezeiung ähnelt der bekannten Messiaslegende.«
»Sie glauben, Paul sei …«
»Sie hoffen es nur, Mylord.« Hawat reichte ihm den Clip.
Der Herzog nahm ihn und steckte ihn in die Tasche. »Ich werde es mir später ansehen.«
»Sicher, Mylord.«
»Jetzt brauche ich erst etwas Zeit zum — Nachdenken.«
»Ja, Mylord.«
Der Herzog tat einen tiefen Atemzug, der beinahe wie ein Seufzer klang und ging hinaus. Er hielt sich nach rechts, legte die Hände hinter dem Rücken zusammen und schritt langsam den Korridor entlang und achtete kaum darauf, wohin er lief. Er ging vorbei an Korridoren, Treppen und Sälen, und an Männern, die bei seinem Auftauchen salutierten.
Irgendwann kam er in den Konferenzsaal zurück, wo er Paul auf einigen zusammengestellten Stühlen schlafend fand, zugedeckt mit der Jacke eines Bewachers. Unter seinem Kopf lag ein Sturmgepäck. Der Herzog durchquerte den Raum und ging auf den Balkon hinaus, von dem aus er das gesamte Landefeld überblicken konnte. Ein auf dem Balkon stehender Wachtposten, knallte, aufgeschreckt durch das Erscheinen Letos, die Hacken zusammen.
»Stehen Sie bequem«, murmelte Leto. Er beugte sich über das eiserne Geländer, lehnte sich dagegen.
Über der Wüste begann der Morgen zu grauen. Er sah auf. Genau über ihm wirkten die Sterne wie von einem Seidenschal verdeckt. Am südlichen Horizont leuchtete der zweite Mond dünn durch die Staubschleier. Leto hatte den Eindruck, als mustere der Mond ihn mit einem ungläubigen und sarkastischen Grinsen.
Noch während er ihm zusah, tauchte der Satellit hinter die Klippen des Schildwalls. In der Sekunde der sich verfinsternden Umgebung, fühlte er plötzlich, wie es ihm kalt über den Rücken hinunterlief. Er schüttelte sich. Plötzliche Wut überkam ihn.
Die Harkonnens haben mir nun zum letztenmal ihre Knüppel zwischen die Beine geworfen, dachte er. Sie sind gierige Raffhälse, und ihr Denken bewegt sich in hinterwäldlerischen Bahnen. Ich möchte sehen, wie sie mich von hier vertreiben wollen! Und mit einem Anflug von Traurigkeit: Ich werde mit dem Auge und der Klaue herrschen wie der Habicht unter den Singvögeln. Instinktiv tastete seine Hand nach dem auf seiner Brust befestigten Habicht-Emblem.
Читать дальше