»Ich möchte, daß sie alle auf der Stelle enteignet werden«, sagte der Herzog. »Seht zu, daß der Kaiserliche Schiedsmann darüber informiert wird. Wir berufen uns darauf, daß sie alle unter falschen Voraussetzungen auf Arrakis geblieben sind. Beschlagnahme alles, was sie besitzen. Und sorge dafür, daß die Krone ihre üblichen zehn Prozent davon abbekommt. Die ganze Sache muß völlig legal über die Bühne gehen.«
Thufir grinste und zeigte dabei seine rotgefärbten Zähne unter schmalen Lippen. »Ein vorzüglicher Schachzug, Mylord. Schande über mich, daß ich nicht schon selbst darauf gekommen bin.«
Halleck, am anderen Tischende, runzelte die Stirn. Er stellte fest, daß Pauls Gesicht einen unwilligen Ausdruck zeigte.
Das ist eine falsche Taktik, dachte Paul. Es wird nur dazu führen, daß die noch nicht Entlarvten um so härter gegen uns kämpfen werden, weil sie nichts mehr zu verlieren haben.
Er wußte, daß diese in einem Kanly angewendete Auseinandersetzung auf Leben und Tod alle Mittel rechtfertigte, aber dieser Schachzug konnte ebenso zu ihrem Sieg wie zu ihrer Niederlage führen.
»Ich war ein Fremder in einem fremden Land«, zitierte Halleck.
Paul warf einen Blick zu ihm hinüber. Er erkannte die Stelle, die aus der O.-K.-Bibel stammte und fragte sich: Ist Gurney ebenfalls die fortwährenden Intrigen satt?
Der Herzog wandte sich kurz der hinter den Fenstern liegenden Dunkelheit zu und sagte dann, Halleck zugewandt: »Gurney, wie viele dieser Sandarbeiter hast du dazu bringen können, bei uns zu bleiben?«
»Alles in allem hundertsechsundachtzig, Sire. Ich glaube, wir sollten uns dennoch glücklich schätzen. Es sind alles tüchtige Leute.«
»Nicht mehr?« Der Herzog verzog die Lippen. Dann: »Nun, dann richte ihnen …«
Ein Geräusch an der Tür brachte ihn zum Verstummen. Duncan Idaho kam an den dort aufgestellten Wachtposten vorbei, eilte die Längsseite des Tisches entlang und beugte sich an das Ohr des Herzogs.
Leto winkte ihn zurück und sagte: »Rede laut, Duncan. Du siehst doch, daß wir hier eine Stabsversammlung abhalten.«
Paul gab sich die Mühe, Idaho eingehend zu studieren und kam doch wieder zu dem gleichen Schluß. Die fast unbewegliche Miene dieses Mannes, die es ihm, wenn er als sein Kampflehrer fungierte, kaum ermöglichte, seine Reflexe zu lesen, hatte sich nicht verändert. Idahos dunkles, rundes Gesicht wandte sich Paul zu, obwohl seine Augen keinen Ausdruck des Erkennens zeigten.
Idaho sah die Leute längs des Tisches an und sagte dann: »Wir haben eine Gruppe von Harkonnen-Schlägern hochgenommen, die sich als Fremen verkleidet hatte. Die Fremen selbst schickten uns einen Kurier, um uns vor dieser dreisten Bande zu warnen. Während des Kampfes gelang es den Schlägern jedoch, den Kurier tödlich zu verwunden. Wir haben ihn mit hierhergebracht, damit sich unsere Ärzte um ihn kümmern sollten, aber es war schon zu spät. Ich war bis zuletzt bei ihm und stellte fest, daß er sich alle Mühe gab, etwas wegzuwerfen, das er bei sich getragen hatte.« Idaho schaute Leto an. »Es war ein Messer, Mylord! Ein Messer, und ich wette, daß Sie so etwas noch nie gesehen haben.«
»Etwa ein Crysmesser?« fragte einer der Offiziere.
»Zweifellos«, nickte Idaho. »Es ist von milchigweißer Farbe und leuchtet in irgendeinem inneren Licht.« Er langte in seine Tunika und förderte eine Scheide zutage, aus der ein schwarzer Griff ragte.
»Die Klinge bleibt in der Scheide!«
Die Stimme, die von der offenen Tür herkam, vibrierte und war so durchdringend, daß alle Köpfe herumflogen.
Eine hochgewachsene, unter einer Robe verborgene Gestalt stand dort, die nur von den übereinandergekreuzten Schwertern der Wachtposten am Weitergehen gehindert wurde. Das sandfarbene Gewand und die tief in die Stirn gezogene Kapuze verhüllten den Mann so, daß nur seine Augen zu sehen waren. Sie leuchteten in einem dunklen Blau und enthielten nicht das geringste Weiß.
»Lassen Sie ihn eintreten«, flüsterte Idaho.
»Der Mann kann passieren«, sagte der Herzog.
Die Wachen zögerten etwas. Dann senkten sie ihre Klingen.
Der Mann kam herein und blieb genau vor Leto stehen.
»Dies ist Stilgar, der Herrscher des Sietch, den ich besuchte und von dem aus man uns vor den verkleideten Agenten warnte«, erklärte Idaho.
»Seien Sie mir willkommen, Sir«, begrüßte Leto den Fremen. »Aber warum untersagen Sie uns, die Klinge aus der Scheide zu ziehen?«
Stilgar warf Idaho einen kurzen Blick zu und erwiderte: »Sie haben Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie tief unsere Reinheitsriten in uns verwurzelt sind. Ich würde Ihnen gestatten, die Klinge des Mannes anzusehen, mit dem Sie befreundet waren.« Er wandte sich den anderen zu. »Aber ich kenne diese anderen Leute nicht. Würden Sie sie eine geweihte Waffe entehren lassen?«
»Ich bin Herzog Leto«, sagte der Herzog. »Würden Sie es mir gestatten, sie anzusehen?«
»Ich würde Ihnen gestatten, das Recht, sie aus der Scheide zu ziehen, zu erwerben«, gab Stilgar zurück. Als sich Protestgesumme in der Runde erhob, hob er eine dünne, mit dunklen Venen versehene Hand. »Ich erinnere daran, daß dies die Waffe eines Mannes ist, der mit euch befreundet war.«
In der nun ausbrechenden Stille besah sich Paul den Mann genauer. Er fühlte förmlich die ihn umgebende Aura. Er war ein Führer. Ein Fremen-Führer.
Ein Mann, der nicht weit von Paul entfernt saß, murmelte: »Wer ist er überhaupt, daß er es wagt, uns zu erzählen, über welche Rechte wir auf Arrakis verfügen?«
»Man sagt, daß Herzog Leto Atreides mit der Einwilligung der Beherrschten regiert«, führte der Fremen aus. »Lassen Sie mich erklären, wie das bei uns vor sich geht: Auf den, der ein Crysmesser gesehen hat, fällt eine besondere Verantwortung.« Er sah Idaho ganz kurz an. »Diejenigen, die es sehen, sind die unsrigen. Sie werden Arrakis ohne unsere Erlaubnis niemals wieder verlassen.«
Halleck und mehrere andere erhoben sich. Einige Gesichter zeigten offenen Ärger. Und Halleck war es, der schließlich hervorstieß: »Herzog Leto allein ist es, der entscheidet, wer …«
»Einen Augenblick«, unterbrach Leto ihn mit milder Stimme, die die aufgeregten Männer sofort wieder gefangennahm. Dies sollten wir nicht übers Knie brechen, dachte er. Zu dem Fremen gewandt, meinte er: »Sir, ich ehre und respektiere die Würde eines jeden Menschen, der auch die meinige respektiert. Ich bin Ihnen zu echtem Dank verpflichtet. Und ich pflege meine Schulden immer zu begleichen. Wenn es Ihr Wille ist, daß dieses Messer in seiner Umhüllung bleibt, dann ist das mir ein Befehl. Und wenn es noch eine andere Möglichkeit gibt, das Angedenken an diesen Mann, der sein Leben dafür gab, uns zu warnen, so zögern Sie nicht, sie beim Namen zu nennen.«
Der Fremen starrte den Herzog an und zog dann langsam seinen Schleier beiseite. Ein hageres Gesicht, mit einer dünnen Nase und einem vollippigen Mund, umsäumt von einem schwarzen Bart kam dahinter zum Vorschein. Dann beugte sich Stilgar über die Tischplatte und spuckte auf ihre polierte Oberfläche.
Ein Sturm der Entrüstung brach über den Versammlungsraum herein. Augenblicklich sprangen die Stabsoffiziere auf.
Idaho brüllte: »Halt!«
Und in die plötzliche Stille hinein sagte er: »Wir danken Ihnen, Stilgar, für diese Gabe deines Körpers und nehmen sie dankend an. Wir akzeptieren Sie in dem Geist, in dem sie uns gegeben wurde.«
Und dann spuckte er ebenfalls auf den Tisch.
Den Kopf dem Herzog zugeneigt, sagte er: »Vergessen Sie nie, wie kostbar das Wasser hier ist, Sire. Das, was Stilgar tat, war eine Geste tiefsten Respekts.«
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